40.000 Dollar bot ein Netzwerk im Dienst russischer Dienste einem Mann in Brooklyn, damit er in den USA einen Kreml-Gegner tötet. Wer das Opfer sein sollte, blieb in der Anklage verborgen – bis die spanische Zeitung El Mundo am 30. September 2026 zwei Namen nannte: Garri Kasparow und Ilja Ponomarjow.
Am 15. September 2026 entsiegelte das US-Justizministerium eine Anklage gegen fünf Männer, die für das sogenannte RIS Network gearbeitet haben sollen – laut Behörden ein Arm des russischen Staatsapparats. An der Spitze steht der 63-jährige frühere Geheimdienstoffizier Juri Chrameev, genannt „Colonel Yuri“; mitangeklagt ist sein 27-jähriger Sohn Kirill, Offizier des FSB. Die Anklage gegen fünf mutmaßliche Mitglieder des RIS Network wirft allen Verschwörung zur Terrorismusfinanzierung vor, drei zusätzlich einen Mordauftrag. Alle fünf gelten als flüchtig, es gilt die Unschuldsvermutung.
20 Jahre lang, in denen ich Putins blutige Diktatur bekämpft habe, wurde ich gefragt, ob ich mir Sorgen um meine Sicherheit mache. Früher scherzte ich: „Würde das helfen?“ Jetzt gibt es Anklagen wegen eines russischen Attentatsplans auf US-Boden. Mein nächster Schritt zu den schockierenden Nachrichten: https://t.co/i94xrBZYO2
Die Vorgeschichte des Netzwerks
- Juni 2024Anschlag in Tschechien
Oemis Romagoza Durruthy soll laut Anklage einen Anschlag in Prag koordiniert haben, unter anderem mit Reise- und Logistikbuchungen.
- September 2024Anschlag in Litauen
Ein weiterer koordinierter Anschlag in Litauen wird Durruthy zur Last gelegt.
- Ende Juni 2025Anwerbung an der Grenze
Kirill Chrameev wirbt an der estnisch-russischen Grenze einen US-Bürger an, der für 200 Dollar Fotos einer Adresse in Vilnius liefern soll.
- 202525.000 Dollar für einen Mord
Juri Chrameev bietet demselben US-Bürger Geld für die Tötung des Vilnius-Ziels an. Der Mann lehnt ab.
- November 2025Bilder einer Wohnung
Durruthy erhält in der Kommunikation mit Juri Chrameev Fotos von einer Wohnung des späteren US-Opfers.
- Juli bis August 2026Überwachung in Washington
Suarez und Castro lassen zwei Adressen im Raum Washington observieren und bieten anschließend 40.000 Dollar für den Mord.
- 30. September 2026Zwei Namen
El Mundo berichtet, dass Garri Kasparow und Ilja Ponomarjow die Ziele des Plans gewesen sein sollen.
Der Mordauftrag für 40.000 Dollar
Zwischen Juli und August 2026 rekrutierten Yaidel Delgado Suarez, genannt „Viking“, und Angel Eduardo Castro laut Anklage einen in Brooklyn lebenden Mann venezolanischer Herkunft, der in den Akten nur „U.S. Resident-1“ heißt. Über einen verschlüsselten Messenger schickte Suarez ihm zwei Adressen im Raum Washington, die mit der Zielperson zusammenhingen, und versprach 1.000 bis 1.500 Dollar für die Vorab-Überwachung. Der Mann lieferte Fotos und Videos zurück, auf denen er vereinbarte Handzeichen zeigen musste.
Danach boten Suarez und Castro ihm 40.000 Dollar, um die Zielperson zu „eliminieren“ oder „verschwinden zu lassen“. Der Mann erklärte, er wolle den Mord nicht selbst ausführen; daraufhin fragten die beiden, ob er „jemanden kenne, der die Arbeit tun kann“. Suarez schrieb, er stehe unter Druck von seinem Chef, und erklärte, er habe „Leute in Mexiko“ – die seien aber verzögert. Ausgeführt wurde die Tat nie.
Kasparow und Ponomarjow
Wie der Bericht über die Anschlagsziele Kasparow und Ponomarjow festhält, identifizierte El Mundo die Zielperson in den USA als Ilja Ponomarjow, den einzigen Duma-Abgeordneten, der 2014 gegen die Annexion der Krim stimmte und später in die Ukraine ging. Er lebt zwischen Kyjiw und Washington und hat nach eigener Darstellung fünf Attentatsversuche überlebt. Gegenüber der Moscow Times sagte er, die USA hätten bislang als sicher gegolten, „besonders im Vergleich zur EU, der Türkei und der Ukraine“; der Kreml zerstöre nun auch dieses seit dem Zweiten Weltkrieg geltende Schutzversprechen.
Der zweite Name ist Garri Kasparow, der 63-jährige frühere Schachweltmeister, der seit 2013 in New York lebt. Russland stufte ihn 2022 als „ausländischen Agenten“ ein, später als „Terroristen und Extremisten“. Im Sommer 2026 bestätigten ihm die US-Behörden laut El Mundo, dass er ein Ziel des Plans sei; erstmals seit 2013 steht er unter verstärktem Personenschutz. Die Nachricht, auf einer „Liste von Attentatszielen“ zu stehen, sei „nicht überraschend, ist aber dennoch ein Schock“, schrieb er am 1. Oktober in seinem Newsletter.
„Wir wurden jedoch von den Sicherheitsdiensten in Litauen und den USA gewarnt, dass unser Leben in Gefahr ist und wir Vorsichtsmaßnahmen ergreifen sollten.“
Ein zweiter Auftrag in Vilnius
Bereits 2025, so die Anklage, warb Kirill Chrameev an der estnisch-russischen Grenze einen US-Bürger an, um für 200 Dollar Fotos von einer Adresse in Vilnius zu machen. Dann stellte er ihn seinem „Chef“ und „Oberst“ vor: Juri Chrameev bot dem Amerikaner rund 25.000 Dollar, um eine Person zu töten, die „Lügen über Russland“ verbreite. Als Methode nannte er, eine Flasche Benzin zu werfen oder ein Messer hineinzustecken. Der Mann lehnte ab; daraufhin bot Chrameev ihm eine „einfachere Arbeit“ an – das Anzünden eines Warenlagers oder eines Umspannwerks.
El Mundo nennt für das Vilnius-Ziel keinen Namen aus den US-Akten, bringt aber den Free-Russia-Forum-Mitbegründer Iwan Tjutrin und den baschkirischen Aktivisten Ruslan Gabbasov mit der Zielliste in Verbindung. Gabbasov hatte 2025 einen Peilsender an seinem Auto entdeckt; die litauische Staatsanwaltschaft deckte daraufhin ein Attentatsvorhaben auf. Als drittes mögliches Ziel nennt El Mundo den Oppositionellen Wladimir Kara-Mursa, der nach eigener Darstellung zweimal vergiftet wurde – die US-Anklage führt ihn nicht.
„Man habe ihm geraten, sein Zuhause dringend zu verlassen und sein Auto loszuwerden.“
Das Netzwerk beschränkte sich nicht auf Mordpläne: Durruthy soll im Juni 2024 einen Anschlag in Prag koordiniert haben, im September 2024 einen weiteren in Litauen. Tschechische und litauische Stellen hatten diese Taten schon früher Russland zugeschrieben. In Deutschland verfolgen Ermittler nach dem Drohnenanschlag auf den Flughafen Leipzig/Halle eine Spur zum russischen Militärgeheimdienst GRU.
Was Moskau sagt
Der Kreml wies die Vorwürfe zurück: Sprecher Dmitri Peskow sagte, Russland kommentiere die Anklage nicht, solange keine „glaubwürdigen Beweise“ und „greifbaren Fakten“ vorlägen. US-Justizminister Todd Blanche erklärte, es sei Aufgabe der USA, „Amerikas Gegner daran zu hindern, Gewalt und Terror auf amerikanischem Boden zu entfesseln“. Offen bleibt, ob die fünf Beschuldigten je vor Gericht stehen – sie sind laut Anklage flüchtig und halten sich in Russland auf.
