Wäre die Sprengladung detoniert, hätte sie nach Einschätzung der Ermittler Teile des Flughafens Leipzig/Halle zerstört. Jetzt führen die Ermittlungen zu dem versuchten Anschlag direkt zum russischen Militärgeheimdienst GRU.
Nach Informationen der Welt am Sonntag benennen geheime Ermittlungsunterlagen einen mutmaßlichen GRU-Mitarbeiter als Logistiker der Operation. Er soll Vorbereitung und Logistik des Anschlags organisiert haben, wie auch die Recherchen zur GRU-Spur in Leipzig/Halle beschreiben. Der GRU ist der Auslandsgeheimdienst der russischen Streitkräfte, zuständig für militärische Aufklärung und verdeckte Sabotageoperationen.
Bei den Verdächtigen handelt es sich nach Angaben aus Sicherheitskreisen um den Russen Oleg L. und den Belarussen Andrei K. Die Erkenntnisse gelten als Grundlage dafür, dass die Bundesregierung Russland für die Tat verantwortlich machte; Moskau bestreitet jede Beteiligung. In Berlin ist zudem ein Streit entbrannt, ob die Beweise offengelegt werden müssen.
Ein Logistiker, den niemand observierte
Oleg L. soll über die Türkei nach Deutschland eingereist und später über den Flughafen Berlin-Brandenburg nach Serbien ausgereist sein. Den Ermittlern war seine Verbindung zum Geheimdienst bereits bei der Einreise bekannt – observiert wurde er dennoch nicht. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen hält er sich inzwischen wieder in Russland auf.
Bereits am 2. September beschrieben Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR den Mann genauer: einen gebürtigen Russen mit lettischem Pass, der Kontakte zum russischen Geheimdienst gehabt haben soll. Er sei Ende Juli über den BER eingereist, anschließend mit einem Mietwagen in Richtung Leipzig gefahren und zwei Tage vor dem gescheiterten Anschlag wieder ausgereist.
Aus den Daten des Mietwagens fanden die Ermittler laut Tagesspiegel mehrere mögliche Verstecke im Umland des Leipziger Flughafens. Die Fahnder waren sich nach Angaben der drei Redaktionen schon vor dem Bericht der Welt am Sonntag sicher, den Logistiker und Instrukteur des geplanten Anschlags zu kennen.
DNA an der Antenne, Sprengstoff in der Konservendose
Am Abend des 4. August war im Sicherheitsbereich des Flughafens eine mit Sprengstoff beladene Drohne nahe einer ukrainischen Antonow-Frachtmaschine entdeckt und entschärft worden. Sie war zuvor auf einer Tragfläche des Flugzeugs eingeschlagen, aber nicht explodiert – ein abgerissener Zünder verhinderte die Explosion. Der Sprengstoff war laut Ermittlern in einer Gemüse- bzw. Konservendose verbaut.
Aufnahmen einer Überwachungskamera zeigen die Drohne unmittelbar neben der Antonow. An Bord der Maschine waren rund 25.000 Liter Kerosin; nach Erkenntnissen der Ermittler sollten an der Maschine insgesamt rund 1,8 Kilogramm des Militärsprengstoffs Semtex zum Einsatz kommen.
Der Belarusse Andrei K. wurde über DNA-Spuren identifiziert: Sie fanden sich laut MDR an einer der Drohnen, an einer mit Sprengstoff gefüllten Konservendose und an einer Antenne an einem Baum. Der Tagesspiegel berichtet von Handschuhresten mit DNA-Anhaftungen an einer Antennenkonstruktion zur Steuerung der Drohne.
Dieselben Spuren waren zuvor in Finnland und Litauen registriert worden, in Finnland unter anderem wegen Diebstahls. Die polnischen Behörden bringen Andrei K. zudem mit einem als Sabotage gewerteten Brand in einem Baumarkt im polnischen Łódź im Jahr 2024 in Verbindung. Bereits im August berichtete die Bild-Zeitung von einer DNA-Spur, die identisch mit einer Spur aus dem Brandanschlag auf das DHL-Logistikzentrum in Leipzig vom 20. Juli 2024 sei.
Sprengstoff über Bulgarien und Serbien
Der in Leipzig eingesetzte Sprengstoff könnte nach Erkenntnissen der Behörden über Bulgarien und Serbien nach Deutschland gelangt sein. Die Ermittler gehen davon aus, dass er in Hohlräumen von Lastwagen transportiert und anschließend in Erddepots versteckt wurde.
Neben der entschärften Drohne soll eine zweite mit einer DHL-Frachtmaschine kollidiert sein. Eine dritte Drohne und Sprengstoff wurden später auf einem Feld in Kabelsketal in Sachsen-Anhalt entdeckt, wie Funde weiterer Drohnen bei Leipzig zeigen.
Der Fall in der Chronologie
- 20. Juli 2024Brandanschlag auf das DHL-Logistikzentrum in Leipzig
Eine dort registrierte DNA-Spur erweist sich später als identisch mit einer Spur aus dem Drohnenfall in Leipzig/Halle.
- 2024Sabotagebrand in einem Baumarkt in Łódź
Die polnischen Behörden bringen den Verdächtigen Andrei K. damit in Verbindung und finden Spuren nach Russland.
- Ende Juli 2026Der mutmaßliche Logistiker reist über den BER ein
Er fährt mit einem Mietwagen in Richtung Leipzig.
- 2. August 2026Ausreise zwei Tage vor dem Anschlag
Der Mann verlässt Deutschland per Flugzeug über den Flughafen Berlin-Brandenburg.
- 4. August 2026Sprengdrohne an der ukrainischen Antonow entdeckt
Am Abend wird die Drohne im Sicherheitsbereich des Flughafens entdeckt und entschärft; sie war auf einer Tragfläche eingeschlagen, aber nicht explodiert.
- 1. September 2026Bundesregierung macht Russland verantwortlich
Dobrindt und Wadephul verkünden die Schuldzuweisung; das russische Generalkonsulat in Bonn wird geschlossen.
- 12. September 2026Welt am Sonntag meldet Spur zum GRU
Geheime Ermittlungsunterlagen benennen einen mutmaßlichen GRU-Mitarbeiter als Logistiker, zweiter Verdächtiger ist der Belarusse Andrei K.
Dobrindt macht Russland verantwortlich
Die Bundesregierung machte Russland am 1. September offiziell für den versuchten Anschlag verantwortlich. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und Außenminister Johann Wadephul (CDU) traten gemeinsam vor die Presse; anschließend wurden unter anderem das russische Generalkonsulat in Bonn geschlossen und neue Strafmaßnahmen verhängt. Der russische Botschafter Sergej Netschajew wurde ins Auswärtige Amt einbestellt.
Dobrindt sagte, die Erkenntnisse deutscher Sicherheitsbehörden und europäischer Partner deuteten „klar auf russische Involvierung“ hin; die Ausführung sei „dem Bereich von Low-Level-Agenten“ zuzuordnen – Wegwerf-Agenten ohne nachrichtendienstliche Ausbildung. Zu den Erkenntnissen erklärte er:
„Die bisherigen Erkenntnisse weisen auf beteiligte Personen hin, die im Auftrag russischer staatlicher Stellen gehandelt haben.“
Moskau bestreitet jede Beteiligung. Die russische Botschaft in Berlin nannte den Vorwurf eine „hastig zusammengezimmerte Provokation“; Kremlchef Wladimir Putin fragte öffentlich: „Wo sind die Beweise?“ Russland ordnete die Schließung des deutschen Konsulats in St. Petersburg an – die Mitarbeiter müssen bis zum 18. September ausreisen – und schließt mehrere Goethe-Institut-Standorte.
Beweisstreit: gerichtsfest oder Geheimsache
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nannte die Beweislage am 5. September „gerichtsfest“, wie seine Bewertung der Drohnen-Beweise zeigt – Details nannte er nicht. Die Grünen-Fraktion erzwang für den 10. September eine Sondersitzung des Innenausschusses. Die AfD zweifelt die Darstellung grundsätzlich an; der Abgeordnete Stephan Brandner sprach von einem „dubiosen Drohnenangriff“, der „völlig umstritten“ sei.
Innenpolitiker von Union und SPD wiesen Forderungen nach Offenlegung der Beweise zurück. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sebastian Fiedler, verwies auf die laufende Ermittlung: „Dann gibt man nicht zwischendurch irgendeine detaillierten Beweismittel der Öffentlichkeit preis, sondern die gehören hinterher in ein Gericht.“
