Schulleitung in Marseille mit Benzin bespritzt – Präfektur widerspricht
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Schülerproteste

Schulleitung in Marseille mit Benzin bespritzt – Präfektur widerspricht

Vier Mitglieder der Schulleitung des Lycée Victor-Hugo sind mit Benzin bespritzt worden. Die Region Sud spricht von einem gezielten Angriff, Präfekturpolizei und Rektorat widersprechen – ein Deutungskampf, der bis zum Bildungsminister reicht.

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Am Lycée Victor-Hugo im 3. Arrondissement von Marseille sind am Donnerstagvormittag vier Mitglieder der Schulleitung mit Benzin bespritzt worden: der Schulleiter, sein Stellvertreter, die Generalsekretärin und ein Teamleiter. Die Regionalregierung Provence-Alpes-Côte d'Azur nennt den Vorgang einen Angriff auf die vier. Präfekturpolizei und Rektorat widersprechen dieser Darstellung.

Der Tag hatte vor Unterrichtsbeginn begonnen. Eine der großen Holztüren des Gymnasiums, wenige Meter vom Haupttor entfernt, brannte vollständig aus. Nach Schilderung von Schülern zogen Jugendliche Mülltonnen vor die Tür und zündeten sie mit Benzin und Papierstücken an. Die Tür drohte einzustürzen und musste in Eile gesichert werden.

Das Personal flüchtete ins Gebäudeinnere, Polizei und Feuerwehr rückten an. Die Schulleitung kündigte eine Strafanzeige an, der sich die Region anschließen will. Das Lycée Victor-Hugo liegt unweit des Bahnhofs Saint-Charles – im Zentrum eines Tages, an dem Marseille und die Bouches-du-Rhône zu Brennpunkten eines landesweiten Protests wurden.

Übergossen oder nur bespritzt?

Die Region Sud schrieb in einem an die Presse übermittelten Kommuniqué, Schulleiter, stellvertretender Schulleiter, Generalsekretärin und Teamleiter seien “agressés et aspergés d'essence„ worden – angegriffen und mit Benzin übergossen. Zugleich sprach sie von einer “tentative d'incendie„ im Inneren der Schule und von einem “cap inacceptable„, einer inakzeptablen Schwelle.

Wenige Stunden später korrigierten Präfekturpolizei und Rektorat die Darstellung. Die Schulleiter seien nicht direkt Ziel der Jugendlichen gewesen; sie seien “éclaboussés„ worden – bespritzt, als die Jugendlichen Benzin in Behälter füllten. Diese Korrektur steht im Dementi der Präfekturpolizei zu den Benzin-Vorwürfen.

Der Widerspruch erreichte die nationale Ebene, weil Bildungsminister Édouard Geffray auf X von “des personnels aspergés d'essence„ sprach – von mit Benzin übergossenem Personal. Die Faktencheck-Redaktion CheckNews von Libération veröffentlichte dazu den Faktencheck zu den angeblichen Benzin-Übergießungen in Marseille.

„Ein niedergebranntes Gymnasium, mit Benzin übergossenes Personal, eine Bilanz mit immer mehr Verletzten: Die seit heute Morgen rund um die Gymnasien verübten Gewalttaten sind von äußerster Schwere.“
Édouard Geffray, französischer Bildungsminister (auf X, 1. Oktober 2026)

Ein Video auf den Schülermobiltelefonen

Noch am selben Morgen eskalierte die Lage vor dem Gymnasium. Ein Video, das auf den Mobiltelefonen der Schüler kursierte, zeigt, wie der stellvertretende Schulleiter geschubst wird und zu Boden fällt. Danach rückten CRS-Kräfte an, und die Auseinandersetzungen verlagerten sich zum Bahnhof Saint-Charles; auf dem Vorplatz war mittags noch Tränengas zu riechen.

Nach Angaben der Polizei wurde ein Verdächtiger festgenommen und in Polizeigewahrsam genommen. Er gab an, er habe nicht den Schulleiter treffen wollen; er habe vorgehabt, mit dem Benzin ein Feuerwehrfahrzeug anzuzünden.

Der Vorgang fiel in den vierten Tag der Proteste, die in der Vorwoche in Paris begonnen hatten und sich auf das ganze Land ausweiteten; in Dijon, Lyon, Straßburg, Lille und Marseille blockierten Jugendliche seit Tagen ihre Schulen. Die Region Sud zählte zwischen dem 28. und 30. September 39 von “blocus violents„ betroffene Schulen – 32 am 28. September und 23 am Folgetag.

84 Festnahmen und ein brennendes Feuerwehrauto

Am Abend bilanzierte die Präfektur für die Bouches-du-Rhône: 43 Schulen waren von Zusammenkünften betroffen, 4.985 Jugendliche beteiligt – rund 1.000 von ihnen in Marseille. 84 Menschen wurden festgenommen, 29 von ihnen in Marseille. 84 Mal brannte Stadtmobiliar, 47 Mal davon in Marseille.

Drei Busse wurden angegriffen, einer brannte vollständig aus. Ein Fahrzeug des Bataillons der Marins-pompiers wurde geplündert und anschließend niedergebrannt. Die Marins-pompiers meldeten seit 6 Uhr 52 Einsätze wegen brennender Abfälle, Mülltonnen und Container sowie “comportements hostiles„ bei einigen Einsätzen.

Bilanz der Proteste am 1. Oktober 2026

Festnahmen und Verletzte in Frankreich und im Département Bouches-du-Rhône

Quelle: Innenministerium, Bildungsministerium, Präfektur Bouches-du-Rhône

Auch am Lycée Saint-Exupéry brannte die Eingangstür. Dort umringten Hunderte Jugendliche ein Feuerwehrauto, das zu einem Brand ausgerückt war, zwangen die Feuerwehrleute zum Aussteigen und setzten das Fahrzeug in Brand; ein Marin-pompier wurde leicht verletzt. Innenminister Laurent Nuñez sprach von “une violence débridée„ und nannte den Angriff “acte d'une violence gratuite grave„ – einen Akt sinnloser schwerer Gewalt.

Wegen der Ausschreitungen und der Aggression gegen einen Busfahrer stellte die Régie des transports métropolitains (RTM) den Betrieb von Bussen, Straßenbahnen und beiden Metrolinien ein; auch die Straßenbahn von Aubagne wurde unterbrochen. RTM-Präsidentin Samia Ghali erklärte, der Verkehr werde erst wieder aufgenommen, wenn die Sicherheit gewährleistet sei.

10.000 Arbeitsstunden für die Täter

Die Region Provence-Alpes-Côte d'Azur forderte “l'identification immédiate et des poursuites pénales exemplaires contre chaque casseur„ – sofortige Identifizierung und exemplarische Strafverfolgung. Der Justiz bot sie 10.000 Stunden gemeinnützige Arbeit an, um “die Spirale der Straflosigkeit zu durchbrechen„. Jeden Euro Schaden will sie von den Tätern oder ihren Eltern zurückfordern.

Landesweit zählte das Bildungsministerium an diesem Donnerstag “900 actions„; 1.027 Schulen waren betroffen, 222 davon blockiert. Das Innenministerium meldete 1.949 Festnahmen und 305 verletzte Polizisten und Gendarmen, das Bildungsministerium 170 verletzte Schüler und 65 verletzte Bildungsbedienstete, die Kanzlei rund 1.800 Polizeigewahrsame seit Montag. Bereits am Mittwoch hatte die Polizei 440 Festnahmen bei den Schülerprotesten in Frankreich gemeldet.

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Am frühen Nachmittag berief Premierminister Sébastien Lecornu eine interministerielle Krisenzelle im Innenministerium ein. Justizminister Gérald Darmanin versammelte um 17.30 Uhr die 36 Generalstaatsanwälte per Videokonferenz und verlangte “une grande fermeté dans la réponse pénale„. Matignon wertete die Proteste als “violences urbaines„ und als “manoeuvre organisée par LFI et ses proxys de l'ultra gauche„.

LFI-Koordinator Manuel Bompard warf der Regierung vor, “dans le complotisme„ zu verfallen. Jean-Luc Mélenchon verlangte Aufklärung darüber, welcher Geheimdienst diese Einschätzung geliefert habe, und rief die Jugendlichen zu “méthodes de lutte non-violentes„ auf. Bildungsminister Geffray ordnete an, bei Blockaden oder Zerstörungen auf Distanz zu unterrichten; landesweit sollten am Freitag etwas mehr als 400 Schulen geschlossen bleiben.

Nicht aufgeklärt ist bislang die Streitfrage des Tages: Wurden die vier Mitglieder der Schulleitung gezielt mit Benzin übergossen, wie die Region und der Bildungsminister erklären, oder nur bespritzt, als Jugendliche Benzin abfüllten, wie Präfekturpolizei und Rektorat sagen? Die Namen der vier wurden nicht veröffentlicht. Die Schulleitung hat eine Strafanzeige angekündigt, der sich die Region anschließen will.