Vier Mal binnen zwei Tagen haben russische Drohnen die Südbrücke (Pivdennyi) in Kiew getroffen. Erstmals seit Beginn der Invasion 2022 wird damit eine der großen Dnipro-Brücken der Hauptstadt direkt angegriffen; die Brücke ist in beide Richtungen voll gesperrt.
Auch die Paton-Brücke, die Metrobrücke und die Darnyzkyj-Brücke sind eingeschränkt. In der Drei-Millionen-Stadt kommt es zu kilometerlangen Staus – wie eng es wird, zeigt die Verkehrslage in Kiew nach den Drohnentreffern.
Erst der Stützbereich, dann die Fahrbahn
Am 1. Oktober trafen zwei Drohnen den Stützbereich der Brücke, während eine U-Bahn sie überquerte. U-Bahn- und Oberflächenverkehr wurden gestoppt; nach einer ersten Prüfung ohne kritische Schäden rollte der Verkehr am Nachmittag wieder. Am Abend folgte der nächste Treffer – beschädigt wurden nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko eine Brückenstütze, die Fahrbahn, eine Leitplanke und die schützende Betonbarriere entlang der U-Bahn-Linie.
In der Nacht und am Morgen des 2. Oktober folgten weitere Treffer. Am Abend traf ein vierter Schlag innerhalb von zwei Tagen die Brücke während des Berufsverkehrs, schwarzer Rauch stieg über dem Bauwerk auf. Für die Nacht zum 2. Oktober meldete die Ukraine mehr als 100 russische Drohnen; Russland setzt zunehmend schnelle strahlgetriebene Drohnen vom Typ Geran-4 und Geran-5 ein.
Im Südosten der Stadt wurde bei einem Drohnentreffer auf ein 25-stöckiges Wohnhochhaus ein Mensch getötet, mindestens zwei weitere wurden verletzt. Der Kiewer Verteidigungsrat tagte am 2. Oktober; Klitschko sprach von einer „sehr dramatischen Lage“. Die U-Bahn soll bei Alarmstufe Gelb wieder über die Brücke fahren – aber erst nach Begutachtung durch wissenschaftliche Institute.
„Es ist nicht mehr möglich, so zu tun, als ob wir jetzt noch so wie in Friedenszeiten leben könnten. Der Feind reißt Kiew auseinander.“
Moskau bestätigt den Angriff und spricht von einem Militärziel
Das russische Verteidigungsministerium bestätigte den Angriff auf eine Straßen- und Eisenbahnbrücke über den Dnipro und behauptete ohne Belege, sie sei für militärische Zwecke genutzt worden, wie die Berichterstattung zum Angriff auf die Kiewer Dnipro-Brücke zeigt. Bereits am 30. September berichtete der Berater Serhij Beskrestnow von einem neuen Gefechtskopf: Erstmals setze Russland eine 40-Kilogramm-Hohlladung auf einer strahlgetriebenen Drohne ein, gerichtet gegen Stahlbrücken und Hochspannungsmasten.
Nicht alle halten die Treffer für militärisch entscheidend. Der Luftfahrtexperte Kostiantyn Kryvolap, früherer Testingenieur bei Antonow, hält die Zerstörung einer solchen Brücke mit 50 Kilogramm Sprengstoff für praktisch unmöglich; für ein Bauwerk dieser Größe seien die Angriffe eher Mückenstiche. Die Serie gegen die Infrastruktur der Hauptstadt reißt nicht ab: Ende September trafen russische Drohnen zweimal ein Datenzentrum in Kyjiw, wie der Bericht zu den Treffern im Datenzentrum zeigt.
Kiewer Experten sehen das Ziel im Stillstand der Stadt
Der Kiewer Verkehrsplaner Dmytro Bespalow und der Sicherheitsexperte Oleksandr Kowalenko deuten die Angriffe als Versuch, die Verbindung zwischen linkem und rechtem Dnipro-Ufer zu kappen und die Stadt zu lähmen. Kowalenko sieht das Ziel in der vollständigen Lähmung Kiews. Bespalow beschreibt die Logik der russischen Planer so:
„Die Logik der Russen ist einfach: Wenn man dem Kiewer Verkehrssystem einen schweren Schlag versetzen will, dann ist dies eine der naheliegendsten Optionen. Sie wollen die Südbrücke treffen, um möglichst viele Menschen und die Wirtschaft der Hauptstadt lahmzulegen.“
Selenskyj verlangt mehr Luftabwehr von den Partnern
Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert von den Partnerländern mehr und schneller gelieferte Luftabwehr. Jede russische Drohne könnte nach seinen Worten schon direkt am Fließband aufgehalten werden; nötig sei dafür allein der politische Wille dieser Länder.
Die Südbrücke bleibt gesperrt. Wie lange, hängt an der Begutachtung durch wissenschaftliche Institute; erst danach darf die U-Bahn bei Alarmstufe Gelb wieder fahren. Offen ist, ob Russland in den kommenden Nächten erneut die Dnipro-Übergänge angreift – vier Treffer in zwei Tagen waren bislang ohne Beispiel.
