300 Gratisplätze waren innert kürzester Zeit ausgebucht. Erschienen sind am Podium am Ende rund 40 Menschen – 260 Stühle im Zürcher Kino Corso 2 blieben leer. Greta Thunberg nennt das keine Panne, sondern eine gezielte Blockade.
Am Mittwoch, 30. September 2026, diskutierte die 23-jährige Klimaaktivistin beim 22. Zurich Film Festival über den Konflikt in der Westsahara. Neben ihr sassen die 37-jährige sahrauische Menschenrechtsaktivistin Najla Mohamed Lamin und der österreichische Regisseur Patrick Wally.
Die kostenlose Veranstaltung “Resistance and Activism for Western Sahara„ war online vollständig ausgebucht. Thunberg und das Filmteam werteten die leeren Ränge dennoch nicht als Desinteresse: Der Saal sei durch eine Welle massenhafter Scheinbuchungen blockiert worden, um echte Interessierte auszusperren und dem Thema die öffentliche Bühne zu nehmen.
Die Moderatorin nannte das gegenüber Festivalvertretern eine “gross orchestrierte Aktion„. Als erstes Medium berichtete der “Tages-Anzeiger„ über die vielen leeren Plätze – am Nachmittag des 30. September. Eine von Tsüri.ch befragte Besucherin sprach von rund 30 Anwesenden, der “Tages-Anzeiger„ von 40.
Der Verdacht fällt auf Marokko
In der Frage der Verantwortung wurde Thunberg deutlich: Laut dem Bericht über Thunbergs Sabotagevorwurf gegen Marokko machte sie Marokko als möglichen Verantwortlichen aus und erklärte, die leeren Ränge bestätigten, dass der Kampf der Sahrawi mundtot gemacht werden solle. Belege dafür legte sie nicht vor.
Der Konflikt reicht Jahrzehnte zurück: Die Westsahara war bis 1975 spanische Kolonie, heute kontrolliert und beansprucht Marokko den grössten Teil des Gebiets. Die Unabhängigkeitsbewegung Polisario fordert die Selbstbestimmung der Sahrawi, ein von der UNO vorgesehenes Referendum fand bis heute nicht statt.
Rund 170'000 Sahrawi leben seit Jahrzehnten in Flüchtlingslagern bei Tindouf in Algerien, weltweit sind es schätzungsweise eine halbe Million. Marokko investiert in der Region massiv in Wind- und Solarparks, auf die die einheimische Bevölkerung keinen Zugriff hat. Sein Autonomieplan unter marokkanischer Souveränität findet international zunehmend Unterstützung, unter anderem von den USA, Frankreich und Spanien.
Thunberg verknüpfte den Westsahara-Konflikt mit Klima- und sozialer Gerechtigkeit. Im Interview mit blue News zog sie eine Linie von der Klimakrise zur Unterdrückung von Menschen:
„Dieselben Systeme und Strukturen, die das Klima zerstören, unterdrücken auch Menschen, beispielsweise in der Westsahara oder in Palästina. Dieselben Strukturen, die Völkermord begehen, betreiben auch Ökozid.“
Vor dem Publikum beklagte sie eine “extreme hypocrisy„ im Umgang mit der Westsahara und forderte, die Solidarität mit Palästina müsse sich konsequent auf die Westsahara übertragen. Nach der Vorführung nannte sie den Film “sehr bewegend„; er erzähle von einem Verrat.
Was das Festival bestätigt
Das ZFF bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA, dass es vor dem Anlass zu “sehr grossen Bestellungen„ gekommen sei und viele reservierte Plätze ungenutzt blieben. Um mehr Interessierten eine Teilnahme zu ermöglichen, begrenzte das Festival die Tickets nachträglich auf maximal vier pro Person und passte einzelne Reservationen an.
Ob tatsächlich eine gezielte Aktion dahinterstecke, könne das Festival “nicht beurteilen oder kommentieren„, sagte eine Sprecherin. Auch ob so wenige Gäste bei Gratis-Anlässen üblich seien, lasse sich nicht generell sagen. Eine Anfrage des “Tages-Anzeigers„ an die marokkanische Botschaft in der Schweiz blieb unbeantwortet.
Ein zweiter Streitpunkt betrifft die Live-Übertragung. Eine Besucherin sagte Tsüri.ch, der Livestream des Anlasses sei kurzfristig nicht möglich gewesen, den Beteiligten vor Ort sei eine Übertragung kurzfristig untersagt worden – sie seien selbst überrascht gewesen. Das ZFF widerspricht: Ein Livestream sei bereits im Vorfeld mit den Veranstaltern abgesprochen gewesen.
Ein Film, zehn Jahre, eine Stimme
“My Home of Wind and Sand„ (Österreich, 2026, 101 Minuten) von Patrick Wally begleitet über zehn Jahre die sahrauische Aktivistin Najla Mohamed Lamin. Sie wurde in einem Flüchtlingslager bei Tindouf geboren, studierte in den USA und wirbt heute bei den Vereinten Nationen in Genf für friedlichen Widerstand. Die Weltpremiere am 29. September im Kino Koni war ausverkauft.
Mohamed Lamin sagte: “Als jemand, der als Flüchtling in der Wüste vergessen wurde, sucht man immer nach einem kleinen Fenster, um seine Geschichte zu erzählen.„ Sie trage die Botschaft ihres Volkes und werde sie überall teilen, wo sie hinkomme.
Thunberg war kurzfristig angereist, einen Tag vor dem Podium mit dem Zug aus Dänemark, wo sie sich wegen Hausfriedensbruchs bei einer Demonstration gegen den Genozid in Palästina vor Gericht verantworten muss. Am ZFF war sie auf Einladung der Produktionsfirma. Protest ist für sie kein Novum: Im Juli blockierten 39 Aktivisten mit Greta Thunberg das Rheinmetall-Büro in Berlin.
Vom Lagerbesuch bis zum leeren Saal
Der Kern des Vorgangs gilt als belegt: die ausgebuchte Gratisveranstaltung, rund 40 Anwesende, ungewöhnlich grosse Ticketbestellungen und die nachträgliche Begrenzung auf vier Tickets pro Person. Mehrere unabhängige Publikationen berichten übereinstimmend, und das Festival bestätigte die grossen Bestellungen über Keystone-SDA.
Der Weg zum fast leeren Saal
- Januar 2025Thunberg besucht die sahrauischen Flüchtlingslager
Najla Mohamed Lamin begleitet sie und übersetzt.
- 28. September 2026Das ZFF kündigt kurzfristige Programmänderungen an
Das Festival informiert online über Thunbergs Teilnahme an der Westsahara-Veranstaltung.
- 29. September 2026Weltpremiere von “My Home of Wind and Sand„
Das Kino Koni ist ausverkauft, Thunberg steht am Grünen Teppich. Sie ist mit dem Zug aus Dänemark angereist.
- 30. September 2026Podium im Kino Corso 2 – 40 statt 300 Gäste
Thunberg und das Filmteam sprechen von Sabotage. Der “Tages-Anzeiger„ berichtet am Nachmittag als erstes Medium.
- 1. Oktober 2026Das ZFF bestätigt ungewöhnlich grosse Ticketbestellungen
Reservierungen werden nachträglich auf vier Tickets pro Person begrenzt. Zahlreiche Schweizer Medien berichten.
- 2. Oktober 2026Deutsche Medien greifen den Fall auf
Die marokkanische Botschaft in der Schweiz hat auf eine Anfrage des “Tages-Anzeigers„ bislang nicht geantwortet.
Der Sabotagevorwurf und die Zuschreibung an Marokko stützen sich dagegen allein auf Aussagen von Thunberg, dem Filmteam und der Moderatorin. Beweise wurden nicht vorgelegt, das Festival hält sich mit einer Bewertung zurück, und die marokkanische Botschaft antwortete nicht. Auch die Zahl der Anwesenden schwankt zwischen rund 30 und rund 40.
Ob die massenhaften Buchungen je einem Absender zugeordnet werden können und ob das ZFF Konsequenzen für seine Gratisveranstaltungen zieht, ist offen. Die Frage, ob eine gezielte Aktion dahintersteckt, will das Festival weiterhin nicht bewerten.
