Die CDU in Sachsen-Anhalt will sich künftig nicht mehr festlegen, wie sie im Landtag abstimmt – auch nicht bei Anträgen der AfD. Bei „Markus Lanz“ wich Noch-Ministerpräsident Sven Schulze am Donnerstagabend aus. Auf die Frage nach einer Abstimmung mit der AfD gab er keine klare Absage.
Stattdessen kündigte Schulze an: „Wir werden uns zukünftig in der Opposition jedes Thema anschauen. Und dann werden wir entscheiden, wie wir darüber im Landtag abstimmen.“ Offen bleibt damit, ob die CDU-Fraktion der AfD im Magdeburger Landtag zu Mehrheiten verhilft. Seine Fraktion ist nach der Wahl vom 6. September von 40 auf 15 Sitze geschrumpft.
Eine Koalition mit der AfD schließt Schulze weiterhin aus. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es hier irgendwo eine Koalition mit der AfD gibt“, sagte er bei Lanz. Die CDU werde „nicht die Mehrheitsbeschaffer der AfD werden“. Vollständig verweigern will sich die Fraktion aber nicht, wie die ZDFheute-Zusammenfassung des Auftritts festhält.
Die schlechteste CDU-Wahl seit 1990
Die Zahlen erklären, warum Schulze den bisherigen Kurs infrage stellt. Bei der Landtagswahl am 6. September kam die CDU in Sachsen-Anhalt nur noch auf 17,2 Prozent – ihr schlechtestes Landtagswahlergebnis seit der Wiedervereinigung. Die AfD wurde mit 43,8 Prozent stärkste Kraft.
Für die CDU-Fraktion in Magdeburg bedeutet das einen Sturz von 40 auf 15 Mitglieder. Schulze räumte bei Lanz ein, die Wucht der Niederlage habe ihn überrascht. „Wir haben es ehrlich gesagt nicht erwartet, dass es so schlimm kommt“, sagte er.
Der Einbruch beschränkt sich nicht auf Sachsen-Anhalt. Bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September flog die CDU mit 4,9 Prozent erstmals aus einem Landtag. Die AfD kam dort auf 38,2 Prozent, die SPD auf 35,5 Prozent.
AfD und CDU bei den Landtagswahlen im September 2026
Stimmenanteile in Prozent
Vom Landesvorsitz zum Fraktionsvorsitz
Schulzes eigene Position ist umstritten. Am 7. September trat er als CDU-Landesvorsitzender zurück. Einen Tag später setzte er sich in einer Kampfabstimmung mit 8 zu 7 Stimmen gegen Guido Heuer durch und übernahm den Fraktionsvorsitz im Landtag – mit seiner eigenen Stimme.
Seitdem ist Schulze Ministerpräsident und Fraktionschef in Personalunion. Diese Doppelrolle verteidigte er nach der Wahl: Sie sei für eine überschaubare Zeit vertretbar, sagte er. Die Neuwahl des CDU-Landesvorstands kündigte er für Ende November oder Anfang Dezember 2026 an.
Neu ist der Streit nicht. Bereits im Sommer hatte Schulze im MDR-Sommerinterview eine Koalition mit der Linkspartei nicht ausgeschlossen. Der Umgang mit der Brandmauer-Frage in der CDU-Fraktion beschäftigt die Partei seit Monaten.
Die Wochen seit der Niederlage
- 6. September 2026Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Die CDU stürzt auf 17,2 Prozent, die AfD wird mit 43,8 Prozent stärkste Kraft. Die CDU-Fraktion schrumpft von 40 auf 15 Sitze.
- 7. September 2026Schulze tritt als Landesvorsitzender zurück
Der Druck nach der Wahlniederlage wird zu groß.
- 8. September 2026Fraktionsvorsitz mit 8 zu 7 Stimmen
Schulze setzt sich in einer Kampfabstimmung gegen Guido Heuer durch – mit seiner eigenen Stimme.
- 20. September 2026CDU fliegt aus dem Landtag von Mecklenburg-Vorpommern
4,9 Prozent für die CDU, 38,2 Prozent für die AfD, 35,5 Prozent für die SPD.
- 28. September 2026Koalitionsabsage in der ARD
Schulze schließt eine Koalition mit der AfD erneut aus.
- 1. Oktober 2026Auftritt bei Markus Lanz
Schulze weicht der Frage aus, ob die CDU im Zweifel mit der AfD stimmt, und bezeichnet den bisherigen Brandmauer-Kurs als nicht erfolgreich.
- Dezember 2026Wahl des Ministerpräsidenten
AfD-Politiker Ulrich Siegmund will sich im Landtag wählen lassen; laut Berichten fehlen ihm drei Stimmen.
Zweifel am eigenen Kurs
Schulze steht mit seiner Skepsis nicht allein. In der Sendung sagte er selbst, er habe „das Thema Brandmauer nie für richtig empfunden“. Moderator Markus Lanz bilanzierte, beim Stichwort Brandmauer komme derzeit etwas ins Wanken.
Auch am Lanz-Tisch fiel die Bilanz skeptisch aus. Handelsblatt-Redakteurin Annett Meiritz hielt dem Kurs entgegen, im Ausland verstehe ihn niemand – ein Satz, der die Begründung der Abgrenzung infrage stellt.
„Im Ausland versteht die Brandmauer kein Mensch.“
Auch der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hielt mehr Offenheit für denkbar: „Es ist durchaus lohnend, über Koalitionen nachzudenken, vielleicht etwas offener zu sein.“ Schulzes Kurswechsel bekommt damit Rückendeckung aus der Wissenschaft – während die CDU eine Koalition mit der AfD weiter ausschließt.
Im Dezember geht es um drei Stimmen
Entschieden wird der Kurs nicht in Talkshows, sondern im Landtag. AfD gewinnt die Landtagswahl mit 43,8 Prozent und verpasst die absolute Mehrheit nur knapp. Für einen eigenen Ministerpräsidenten reicht es damit nicht.
Trotzdem will sich AfD-Politiker Ulrich Siegmund im Dezember 2026 im Landtag zum Ministerpräsidenten wählen lassen. Nach Angaben der Berichterstattung fehlen ihm dafür drei Stimmen. Im Wahlgang kommt es auf jede einzelne an.
Bei Lanz blieb Schulze eine Festlegung schuldig. Eine Koalition mit der AfD schließt er aus, eine Zusammenarbeit bei einzelnen Anträgen nicht. Ende November oder Anfang Dezember wählt die CDU in Sachsen-Anhalt einen neuen Landesvorstand. Wie die Fraktion dann im Landtag abstimmt, bleibt bis dahin offen.
