Wer einen Deepfake meldet, bekommt von großen Plattformen teils nach Sekunden eine Antwort – und darin steht, es sei keiner. Genau das schilderte die Schauspielerin Collien Fernandes am Donnerstag als Sachverständige im Düsseldorfer Landtag.
Geladen war zu der Anhörung des Ausschusses für Kultur und Medien ab 15.30 Uhr unter dem Titel „Digitale Gewalt und Deep Fakes im Netz“. Als Sachverständige sprachen neben Fernandes die frühere WDR-Journalistin Georgine Kellermann und Vertreter der Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) NRW bei der Staatsanwaltschaft Köln.
Von der ersten Debatte zur Anhörung
- März 2026Fernandes macht Vorwürfe öffentlich
Die Schauspielerin macht öffentlich, welcher digitalen sexualisierten Gewalt sie ausgesetzt ist; es folgt eine deutschlandweite Debatte.
- April 2026Landesregierung sieht Dunkelziffer
Die NRW-Landesregierung legt dem Medienausschuss einen Bericht zu digitaler Gewalt und Deepfakes vor und geht von einer erheblichen Dunkelziffer aus.
- 2. August 2026Kennzeichnungspflicht tritt in Kraft
Artikel 50 Absatz 4 der KI-Verordnung verpflichtet Verwender, täuschend echte Deepfakes als künstlich erzeugt offenzulegen.
- 26. September 2026Medien melden den Auftritt
Mehrere Medien berichten, dass Fernandes am 1. Oktober als Sachverständige im Landtag sprechen soll.
- 1. Oktober 2026Anhörung im Kultur- und Medienausschuss
Fernandes und Kellermann kritisieren Schutzlücken, die ZAC NRW fordert erweiterte Zuständigkeiten, LfM-Direktor Schmid fehlende Kooperation der Plattformen.
Plattformen antworten in Sekunden – und prüfen nicht
Nach dem WDR-Bericht über Fernandes im Landtag sagte die Schauspielerin, sie habe „ganz klare Deepfakes“ gemeldet. Die Reaktion der Plattform kam binnen Sekunden. Fernandes, die öffentlich von Drohungen und Suizidaufforderungen gegen Fernandes berichtet, sagte zu den Meldewegen der großen Anbieter: „Meiner Erfahrung nach funktionieren sie aber nicht.“
„Die Plattform antwortete laut Collien Fernandes: „Konnten wir nicht feststellen, dass es sich hierbei um ein Deepfake handeln soll.““
Die frühere WDR-Journalistin Georgine Kellermann sagte als zweite Sachverständige: „Ich könnte Wände tapezieren mit all den Einstellungsverfügungen, die ich in den letzten Jahren bekommen habe.“ Zu den Plattformen sagte sie: „Ich glaube, dass die Plattformen sich das Leben sehr einfach machen, indem sie eben nichts tun. Und das treibt mich um, das macht mich wütend, daran verzweifle ich manchmal, aber es ändert sich nichts.“
Drei Tage vor der Anhörung hatte der Deutsche Frauenrat eine repräsentative Befragung unter 1.380 Frauen zu digitaler und KI-gestützter sexualisierter Gewalt veröffentlicht. Die Auswertung beschreibt Frauen, die sich aus dem Netz zurückziehen; die taz berichtete dazu unter dem Titel „Frauen ziehen sich aus dem Netz zurück“.
Staatsanwaltschaft in Köln will mehr Zuständigkeit
Die Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) NRW bei der Staatsanwaltschaft Köln forderte in der Anhörung eine maßvolle Erweiterung ihrer Zuständigkeiten. Zur Begründung hieß es, die Verbreitung sexualisierter Darstellungen sei bislang nicht ausreichend unter Strafe gestellt.
Auch die Landesanstalt für Medien NRW sieht keine Plattform, die mit den Behörden kooperiert. Ihr Direktor Tobias Schmid brachte den Befund in der Anhörung auf eine knappe Formel: „Es findet kein kooperatives Verhalten statt, bei keiner der Plattformen.“
SPD fordert Online-Kommissariat für Kinder und Jugendliche
Aus der Anhörung nimmt die SPD-Landtagsfraktion Rückenwind für ihren Antrag „Digitale Gewalt ganzheitlich bekämpfen“ (Drucksache 18/19794). Die Fraktion fordert ein Online-Kommissariat für Kinder und Jugendliche, eine Beauftragte oder einen Beauftragten für digitale Gewalt, einen Runden Tisch „NRW gegen digitale Gewalt“ und eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft.
„Collien Fernandes und Georgine Kellermann haben sehr deutlich gemacht, welche realen Folgen digitale Gewalt für Sicherheit, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe haben.“
Einen Tag nach der Anhörung dringt die SPD auf einen Schulterschluss der demokratischen Fraktionen im Landtag. Bereits vor der Sitzung hatten bundesweite Medien über Fernandes' geplanten Auftritt berichtet. Nach Angaben der GMK gehörte auch eine Klarnamenpflicht im Netz zu den Themen der Anhörung; die GMK hatte dazu am 24. September eine schriftliche Stellungnahme eingereicht.
Ob der Landtag nachzieht, ist offen. Der SPD-Antrag „Digitale Gewalt ganzheitlich bekämpfen“ liegt bei den Abgeordneten; ob die demokratischen Fraktionen gemeinsam nachschärfen oder die SPD mit ihrem Vorstoß allein bleibt, entscheidet sich in den nächsten Sitzungen des Ausschusses für Kultur und Medien.
