Rund 94 russische Gefangene aus Lyman berichten von Wochen ohne Wasser
Bild: KI-generiert
Ukraine-Krieg

Rund 94 russische Gefangene aus Lyman berichten von Wochen ohne Wasser

Das ukrainische 3. Armeekorps zeigt am 1. Oktober 2026 rund 94 russische Kriegsgefangene aus dem Raum Lyman. Die Männer berichten von Wochen ohne Wasser, von Pfützenwasser und Urin – und von Offizieren, die den Funk abschalteten und flohen.

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Es sind Aufnahmen, die die russische Militärführung in Erklärungsnot bringen: Rund 94 russische Soldaten gehen hintereinander durch einen Wald, eskortiert von ukrainischen Soldaten. Das 3. Armeekorps der Ukraine hat das Video am 1. Oktober 2026 veröffentlicht. Die Männer darin erheben schwere Vorwürfe – nicht gegen den Feind, sondern gegen die eigene Führung.

Die Gefangenen stammen aus dem Frontabschnitt nördlich der Stadt Lyman in der Oblast Donezk, wo die Ukraine seit Mitte September die Offensive „Operation Vivaldi“ führt. Wie FOCUS online über die Aussagen der Gefangenen berichtet, stützt sich die Auswertung auf den Militärhistoriker und OSINT-Analysten Chris Owen.

Der Sprengstoff liegt hinter den russischen Linien. Die Soldaten werfen ihren Offizieren vor, sie im Stich gelassen, die Funkgeräte abgeschaltet und die Lage gegenüber der übergeordneten Führung schöngeredet zu haben. Ein Gefangener sagt es kurz: „Unsere Offiziere sind einfach abgehauen.“

Wasser aus Pfützen, Rinde und Brennnesseln

Die Männer schildern übereinstimmend, dass sie an ihren Stellungen wochenlang ohne Wasser, Nahrung und medizinische Versorgung ausharren mussten. Gegessen worden seien Baumrinde und Gras, berichtet einer; ein anderer Gefangener schildert, man habe Brennnesseln auf einem Kocher zu einer Art Suppe verarbeitet.

„Wir hatten an unseren Stellungen kein Wasser. Wir mussten Wasser aus Pfützen trinken, wir mussten unseren eigenen Urin trinken.“
Alexander Manankov, russischer Kriegsgefangener und Marinekapitän

Mehrere Soldaten berichten von Toten. Ein Kamerad sei an Dehydrierung gestorben, sagt einer. Ein anderer gibt an, drei Männer seien wegen fehlender Medikamente ums Leben gekommen, ihre Leichen nie geborgen worden. Für einen Gefangenen war die Gefangenschaft die erste Gelegenheit seit anderthalb Monaten, wieder richtig zu essen.

Offiziere schalteten den Funk ab und flohen

Ein Soldat der 144. motorisierten Schützendivision, die zur 20. Armee gehört, schildert, das Kommando habe die Größe des ukrainischen Angriffs gekannt und die eigenen Leute belogen: „Die 66. kam aus dem Norden, die 3. Sturmbrigade umging uns aus dem Süden. Und das Kommando sah das alles ganz genau, sie wussten alles darüber. Wir wurden ständig belogen.“

Ein anderer Gefangener beschreibt den letzten Befehl vor dem Zusammenbruch. Die Offiziere hätten den Funk abgeschaltet und angeordnet, eine Rundumverteidigung aufzubauen und die Stellung zu halten. „Sie schalteten das Radio ab. Das war es, Radio aus.“ Danach seien die Vorgesetzten fort gewesen.

Für die Gruppe spricht der ranghöchste Gefangene: Der 45-jährige Alexander Manankov dient als Marinekapitän und ist als Major zur Armee versetzt worden. Er stammt aus dem 3. motorisierten Schützenbataillon und aus Woronesch.

„Unser Kommando hat uns einfach vergessen. Für sie waren wir nur Verbrauchsmaterial, deshalb haben wir uns ergeben“, sagt Manankov. An die noch an der Front stehenden russischen Soldaten gerichtet, ergänzt er: „Habt keine Angst zu kapitulieren. Die Propaganda, die unter uns verbreitet wird, ist eine absolute Lüge.“ Mehrere Gefangene widersprechen zudem der russischen Darstellung, Kriegsgefangene würden misshandelt.

250 Gefangene, 176 Quadratkilometer

Brigadegeneral Andrij Bilezkyj, Kommandeur des 3. Armeekorps und der Truppengruppierung „Zentrum“, beziffert die russischen Verluste in der dritten Phase der Operation auf über 2.000 Mann. Mehr als 250 russische Soldaten seien gefangen genommen worden, darunter Offiziere, Piloten und Artilleristen. Zum Vergleich: Die unabhängige Redaktion Mediazona und der russische BBC-Dienst haben bislang 258.989 gefallene russische Soldaten namentlich belegt.

Die dritte Phase brachte nach Angaben des 3. Armeekorps 51 Quadratkilometer zurückerobertes Gelände, insgesamt seit Beginn der Offensive 176 Quadratkilometer. Befreit wurden die Orte Nove, Ridkodub und Kateryniwka, die Kontrolle über Karpiwka und Nowomychajliwka wurde wiederhergestellt.

Bilezkyj wendet sich in dem Video direkt an die Gefangenen: „Die Gefangenschaft ist das Beste, was Euch passieren konnte, denn in nächster Zeit werden Eure Soldaten in eine noch größere Hölle geraten.“

Der General spricht von einem Wendepunkt der Operation. Die Filmvorstellung „Russen ergeben sich nicht“ habe sich in der Praxis als Kapitulation ganzer Einheiten erwiesen. Verletzte Gefangene seien nach der Gefangennahme medizinisch versorgt worden, einem Soldaten habe man Splitter aus Kopf und Rücken entfernt.

Operation Vivaldi: von der Geheimoffensive zum Gefangenen-Video

  1. 15. September 2026
    Offensive wird offiziell

    Die Ukraine gibt die bis dahin geheim gehaltene Offensive nördlich von Lyman bekannt.

  2. 20. September 2026
    Zweite Phase abgeschlossen

    Befreiung von Schandryholowe und Derylowe, volle Kontrolle über Drobyschewe; 125 Quadratkilometer zurückerobert.

  3. 27. September 2026
    Russischer Kanal meldet Wassernot

    Der Telegram-Kanal „Management Speaks“ berichtet, Kameraden säßen tagelang ohne Wasser und hätten ihren eigenen Urin getrunken.

  4. 28. September 2026
    Dritte Phase abgeschlossen

    51 Quadratkilometer, über 250 Gefangene, mehr als 2.000 russische Verluste; Nove, Ridkodub und Kateryniwka befreit.

  5. 29. September 2026
    ISW sieht eine „Kultur des Lügens“

    Das Institute for the Study of War wirft dem russischen Verteidigungsministerium vor, befreite Orte mit altem Bildmaterial weiter als eigene zu behaupten.

  6. 1. Oktober 2026
    Video mit 94 Gefangenen

    Das 3. Armeekorps veröffentlicht die Aufnahmen; FOCUS online greift die Aussagen der Männer auf.

  7. 2. Oktober 2026
    Internationale Medien greifen den Fall auf

    Weitere Medien berichten über die Gefangennahme von mehr als 250 Russen bei Lyman.

Russische Militärblogger bestätigen die Not

Teilweise bestätigt wird die Darstellung von russischer Seite. Der Telegram-Kanal „Management Speaks“, auf dem ein Soldat mit dem Rufnamen „Svatovsky“ aus dem Frontabschnitt Swatowe berichtet, schrieb bereits am 27. September – vier Tage vor der Veröffentlichung des Videos.

„Die Jungs sitzen dort seit Tagen ohne Wasser, viele haben bereits ihre eigene Pisse gekostet, und ich übertreibe nicht.“
Svatovsky, russischer Soldat im Telegram-Kanal „Management Speaks“

Der Kanal beklagt weiter, die Truppe erhalte statt Ersatzteilen, Drohnen und Störsendern nur einfache Gewehrmunition – „Wir bekommen Munition wie ein Haufen verdammter Paviane“. Viele Männer gerieten nicht aus Angst in Gefangenschaft, sondern weil Kommunikation und Logistik fehlten, die wenigstens Wasser und Nahrung an die Stellungen bringen könnten.

Der Führung wirft der Kanal vor, aus Angst vor Gesichtsverlust und dem Verlust eigener Privilegien zu schweigen: „Und die Jungs bezahlen das jeden verdammten Tag mit ihrem Leben.“ Am 28. September meldete derselbe Kanal, die eigene Stellung sei geräumt worden, es gebe vier Tote und zwei Vermisste.

Wie angespannt die Lage an der Front insgesamt ist, zeigen andere Einschätzungen russischer Militärblogger: Sie schätzen die Lebenserwartung neu an die Front geschickter Rekruten auf 20 bis 35 Minuten.

Auch der Blogger „Military Informant“ beklagte eine Flut falscher Informationen aus diesem Frontabschnitt, die das eigene Kommando und die Staatsführung täusche – ähnlich wie zuvor bei Swjatohirsk, Kupjansk und Borowa. Der nach Russland übergetretene frühere ukrainische Abgeordnete Oleg Tsaryov forderte, den russischen Misserfolg einzuräumen; russische Mütter und Ehefrauen müssten die ukrainischen Videoveröffentlichungen nach ihren Angehörigen durchsuchen. Das in Washington ansässige Institute for the Study of War stellte am 29. September fest, das russische Verteidigungsministerium versuche weiter, die Kontrolle über bereits befreite Orte zu behaupten, und veröffentlichte dafür altes Bildmaterial. Die anhaltende Leugnung der ukrainischen Erfolge verstärke die Kritik russischer Militärblogger an einer „Kultur des Lügens“.

Nicht unabhängig überprüfbar

Die Aussagen der Gefangenen entstanden in militärischer Gefangenschaft und lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Sowohl der Kyiv Independent über die ausgesetzten russischen Soldaten als auch CNN weisen ausdrücklich darauf hin. Die übereinstimmenden Berichte mehrerer russischer Militärblogger über Wassermangel, fehlende Logistik und Kommunikationsprobleme im Lyman-Abschnitt gelten jedoch als Teilbestätigung.

Die Operation Vivaldi war am 15. September 2026 offiziell bekannt gegeben worden, nachdem sie wochenlang unter Informationssperre gelaufen war. Die Ukraine bat Karten- und OSINT-Analysten, Veröffentlichungen zu verzögern, um den russischen Generalstab nicht zu warnen. Nach ISW-Berechnungen verlor Russland im September 2026 unterm Strich mehr Gelände, als es hinzugewann – 256 Quadratkilometer verloren gegenüber 175 gewonnenen; Vivaldi spielte dabei eine Schlüsselrolle.

Der russische Präsident Wladimir Putin behauptete am 1. Oktober 2026 beim Waldai-Klub dennoch, die Ukraine könne dem russischen Vormarsch nur noch 18 bis 24 Monate standhalten – am selben Tag, an dem das 3. Armeekorps die Aufnahmen der 94 Gefangenen veröffentlichte.

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Ob Moskau auf die Aufnahmen reagiert, ist offen – eine Reaktion des Verteidigungsministeriums auf das Video ist bislang nicht bekannt. Unabhängig überprüfen lassen sich die Aussagen der 94 Männer nicht. Bestätigen sich die Berichte aus weiteren Frontabschnitten, wächst der Druck auf eine Führung, die ihre Soldaten nach deren eigener Schilderung längst als Verbrauchsmaterial behandelt.