Maneo registriert 2025 mit 1.014 Meldungen einen Höchststand
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Queerfeindliche Angriffe

Maneo registriert 2025 mit 1.014 Meldungen einen Höchststand

Ein Berliner Sänger wird bei einem Grindr-Date in seiner Wohnung drei Stunden festgehalten und gedemütigt. Der stern-Report beschreibt ein Muster: Schwule Männer werden über Dating-Apps gezielt in Fallen gelockt – und ein Teil der Täter radikalisiert sich in Netzwerken, die sich als Kämpfer gegen Pädophilie ausgeben.

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Der Berliner Sänger Leopold (32) wurde Ende Mai 2026 bei einem Date in seiner eigenen Wohnung in Berlin-Mitte überfallen. Den Kontakt hatte er über die Dating-App Grindr geknüpft. Die Täter schlugen ihn, hielten ihn über drei Stunden fest und demütigten ihn queerfeindlich.

Der stern-Report über die Fake-Date-Überfälle vom 3. Oktober 2026 zeichnet daraus ein Muster: Schwule Männer werden über Grindr zunehmend zu vermeintlichen Dates gelockt und dort überfallen, ausgeraubt und gedemütigt. Die Opferberatungsstelle Maneo zählte 2025 elf Fälle queerfeindlicher Angriffe mit Bezug zu Datingportalen – bei insgesamt 1.014 neuen Meldungen, einem Höchststand.

Drei Stunden in der eigenen Wohnung

Leopold schildert den Abend als geplanten Angriff: Er wurde geschlagen, über drei Stunden in seiner eigenen Wohnung festgehalten und queerfeindlich erniedrigt. Die Demütigung war für ihn kein Nebeneffekt. „Sie wollen uns bestrafen, weil sie meinen, queere Personen hätten das verdient“, sagt er über die Täter. Was das mit ihm gemacht hat, fasst er in einem Satz zusammen, der die Scham der Opfer zeigt.

„Ich habe mich so geschämt in dem Moment und so erniedrigt gefühlt.“
Leopold, Berliner Sänger und Überfallopfer

Pedo-Jäger rüsten sich auf Discord

Ein Teil der Täter handelt als selbsternannte „Pedo-Hunter“. Sie behaupten, Kinder vor Pädophilen zu schützen, machen aber Jagd auf Schwule – und setzen Homosexualität mit Pädophilie gleich. Das Muster ist nicht neu: Schon 2012 lockte die russische Neonazi-Gruppe „Occupy Pedophilia“ um Maxim Martsinkewitsch schwule Männer an, filmte ihre Demütigung und verbreitete die Videos.

Die ARD-Doku „Jagd auf Schwule – Wer steckt hinter den Fake-Dates?“ des Teams Recherche hat einen solchen Server monatelang undercover beobachtet: Rund 1.500 Mitglieder, viele davon Schüler, tauschen dort Gewaltfantasien, Waffen und rechtsextreme Symbolik aus. Wie die Polizei gegen organisierte Online-Hassnetzwerke vorgeht, zeigt auch der Polizeieinsatz gegen eine Hater-Community in sieben Bundesländern. Einer der Administratoren des Pedo-Hunter-Servers sagt über sich selbst:

„Ich spiele einfach gern mit dem Feuer.“
Marcel, Administrator eines Pedo-Hunter-Discord-Servers

Fünf Jahre Jugendstrafe für sieben Überfälle

Eine zweite Serie verhandelte das Landgericht Berlin. Ab dem 9. November 2025 lockte Daniel F. (20) schwule Männer über Grindr zu angeblichen Sex-Dates in ein Hochhaus in Berlin-Neukölln und überfiel sie. Bis Dezember 2025 beging er mit einem Mittäter sieben Überfälle; die Beute lag bei rund 7.500 Euro. Bei vier Opfern setzten die Täter Gewalt ein, mehrfach demütigten sie die Männer. Im Januar 2026 kam Daniel F. in Untersuchungshaft.

Am 10. Juni 2026 begann der Prozess. Daniel F. gestand die sieben Taten und räumte eine achte ein. Am 17. Juni 2026 verurteilte ihn das Landgericht Berlin zu fünf Jahren Jugendstrafe; das Gericht sah Anhaltspunkte für ein homophobes Motiv. Rechtskräftig ist das Urteil nicht.

Im Juli 2026 nahm die Polizei in Berlin-Rudow einen zweiten mutmaßlichen Haupttäter fest; beide sitzen in einer Berliner Jugendstrafanstalt. Wie weit das Problem reicht, zeigt die ARD-Doku, die am 17. und 18. August 2026 in der Mediathek erschien: Die Investigativ-Recherche zu den Angriffen über Datingplattformen dokumentiert mehr als 70 angezeigte Fälle in zehn Jahren.

Von Occupy Pedophilia bis zum stern-Report

  1. 2012
    Occupy Pedophilia in Russland

    Die Neonazi-Gruppe um Maxim Martsinkewitsch etabliert das Muster: schwule Männer anlocken, Demütigung filmen, Videos verbreiten.

  2. 9. November 2025
    Beginn der Serie in Neukölln

    Daniel F. lockt über Grindr schwule Männer zu angeblichen Sex-Dates in ein Hochhaus und überfällt sie.

  3. Januar 2026
    Untersuchungshaft

    Nach sieben Überfällen mit rund 7.500 Euro Beute kommt Daniel F. in Haft.

  4. Ende Mai 2026
    Überfall auf Leopold

    Der Berliner Sänger wird bei einem Grindr-Date in seiner Wohnung in Berlin-Mitte geschlagen und drei Stunden festgehalten.

  5. 17. Juni 2026
    Fünf Jahre Jugendstrafe

    Das Landgericht Berlin verurteilt Daniel F. und sieht Anhaltspunkte für ein homophobes Motiv. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

  6. Juli 2026
    Zweiter Verdächtiger festgenommen

    Die Polizei fasst in Berlin-Rudow einen zweiten mutmaßlichen Haupttäter.

  7. 3. Oktober 2026
    stern-Report erscheint

    Der Report beschreibt die Überfälle über Grindr und die Netzwerke der Pedo-Hunter.

Grindr prüft keine Profile

Kritik richtet sich auch gegen Grindr selbst. Die App verifiziert keine Profile, Chats verschwinden nach einer Blockierung, und der Firmensitz in den USA erschwert die Strafverfolgung. Für Berlins Queerbeauftragten Alfonso Pantisano sind die Fälle deshalb mehr als eine Serie von Raubdelikten.

„Wenn Männer, die Sex mit Männern haben, gezielt über Grindr kontaktiert, ausgeraubt, geschlagen und erniedrigt werden, dann sprechen wir nicht nur über Raubdelikte. Dann sprechen wir über queerfeindliche Gewalt.“
Alfonso Pantisano, Queerbeauftragter des Landes Berlin

Der Bund soll die Community schützen

Im Bundestag liegt das Thema seit dem 11. September 2026: Die Linke-Fraktion reichte die Kleine Anfrage „Queere Dating- und Cruising-Kultur in Gefahr“ ein, Drucksache 21/8013. Die Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, fordert die Koalition auf, Schutz nicht nur zu versprechen: „… muss auch diese Bundesregierung zeigen, dass sie die Interessen queerer Menschen ernst nimmt und vor allen Dingen, dass sie die Community schützt.“ Ob der Bund nachzieht und ob das Urteil gegen Daniel F. rechtskräftig wird, ist offen.

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