Christoph Waltz (70) will keine Nazis mehr spielen – auch nicht für Geld. „Einen Nazi werde ich nicht noch mal spielen“, sagt der zweifache Oscar-Preisträger. Nazi-Rollen zum Broterwerb seien ihm „zu banal“, weil er Stereotype „fad“ findet. Am 4. Oktober feiert der in Wien geborene Schauspieler seinen 70. Geburtstag.
Begonnen hat diese Karriere in einem Regenbogen-Strampler: 1977 war Waltz’ erster Fernsehauftritt in der ORF-Kindersendung „Am dam des“, wie dem Kurier-Porträt über seinen Weg zu James Bond zu entnehmen ist. Danach folgten jahrzehntelang deutschsprachige Krimi- und Fernsehrollen, darunter „Derrick“, „Der Alte“, „Kommissar Rex“ und „Tatort“.
Geboren wurde Waltz 1956 in Wien als Sohn des Bühnenbildners Johannes Waltz und der Kostümbildnerin Elisabeth Urbancic. Dass aus ihm einmal ein Weltstar werden würde, war lange nicht absehbar: Der Durchbruch kam erst 2009, mit 52 Jahren, als SS-Standartenführer Hans Landa in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“.
Zwei Oscars und ein später Neuanfang
Für die Rolle des Landa bekam Waltz 2010 den Oscar und den Golden Globe als bester Nebendarsteller. 2013 folgte der zweite Oscar: als Kopfgeldjäger Dr. King Schultz in „Django Unchained“, erneut in einem Tarantino-Film.
Nach Jahrzehnten im deutschen Fernsehen war das eine Zäsur. Tarantino sagte über die Zusammenarbeit mit Waltz: „Ohne Christoph hätte ich den Film nicht gemacht.“ Waltz wiederum beschreibt sie als Neuanfang: „Quentin hat mir den Glauben an die Schauspielerei wiedergeschenkt.“
Der Blofeld, den er selbst zerlegt
2015 spielte Waltz in „Spectre“ Ernst Stavro Blofeld, den Gegenspieler von Daniel Craig. 2021 kehrte er in „Keine Zeit zu sterben“ in die Rolle zurück – ein Bond-Fan war er dabei nie: Er habe die Filme „immer genommen, wie sie kamen“, sagte er.
Über sein eigenes Ergebnis urteilt er härter als jeder Kritiker. Er habe „nach mehr Inspiration“ gesucht, sagt Waltz heute – und bewertet die Figur im Rückblick als misslungen.
„Ich kann nicht behaupten, dass mir der Blofeld wirklich gelungen ist. Es war nicht das, wonach ich gestrebt habe. Ich habe nach mehr Inspiration gesucht.“
Auf den Vorwurf der Arroganz hat er eine eigene Antwort: „Ich bin weder arrogant noch zynisch, was mir wohl gelegentlich vorgeworfen wird. Ich traue mich nur, die Dinge beim Namen zu nennen.“
Jahrzehnte im deutschen Fernsehen
Wer nur den Oscar-Preisträger kennt, übersieht, wie lange Waltz ein Gesicht des deutschsprachigen Fernsehens war. 1996 spielte er die Titelrolle in „Du bist nicht allein – Die Roy Black Story“, 2000 folgte mit dem Fernsehfilm „Wenn man sich traut“ seine erste Regiearbeit.
Ein langer Anlauf ist im Schauspielfach kein Einzelfall – auch David Bennents Weg zum gefragten Charakterdarsteller dauerte lange.
Waltz’ Stationen: vom Kinderfernsehen zum Oscar
- 4. Oktober 1956Geburt in Wien
Christoph Waltz kommt als Sohn des Bühnenbildners Johannes Waltz und der Kostümbildnerin Elisabeth Urbancic zur Welt.
- 1977Erster TV-Auftritt
In der ORF-Kindersendung „Am dam des“ steht Waltz im Regenbogen-Strampler vor der Kamera.
- 1996Titelrolle als Roy Black
In „Du bist nicht allein – Die Roy Black Story“ spielt Waltz die Hauptrolle.
- 2009Durchbruch als Hans Landa
Mit 52 Jahren wird Waltz in Tarantinos „Inglourious Basterds“ zum Weltstar.
- 2010Oscar und österreichischer Pass
Waltz erhält Oscar und Golden Globe als bester Nebendarsteller und zusätzlich die österreichische Staatsbürgerschaft.
- 2015Blofeld in „Spectre“
Waltz spielt den Gegenspieler von Daniel Craig – 2021 wiederholt er die Rolle in „Keine Zeit zu sterben“.
- 2020„Fidelio“ und US-Staatsbürgerschaft
Waltz inszeniert „Fidelio“ im Theater an der Wien und erhält die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Der ORF feiert mit einer ganzen Woche
Der ORF gratuliert mit einem Schwerpunkt über mehrere Tage: Am 27. September zeigt ORF 1 „Django Unchained“ und die Dokumentation „Christoph Waltz – Der Charme des Bösen“, wie dem ORF-Programm zum 70. Geburtstag zu entnehmen ist.
Am 2. Oktober folgt auf ORF III ein Dreifachabend mit „Du bist nicht allein – Die Roy Black Story“, „Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“ und „Der Gott des Gemetzels“. Am 3. Oktober zeigt ORF 2 „Die Verzauberung“ und ORF 1 die „Kommissar Rex“-Folge „Der Puppenmörder“. Ab 7. Oktober widmet das Filmarchiv Austria Waltz im Wiener Metro Kino die Schau „Dark Gentleman“.
Der nächste Traum heißt Billy Wilder
Angekündigt ist Waltz für Stephen Frears’ Filmbiografie „Wilder & Me“, in der er die Regielegende Billy Wilder verkörpern soll. Ob der Film tatsächlich kommt, ist offen: Laut Frears hängt die Umsetzung an der Finanzierung.
Für die Opernregie hat Waltz zwischendurch immer wieder Zeit gefunden: 2013 inszenierte er an der Vlaamse Opera in Antwerpen „Der Rosenkavalier“, 2017 dort „Falstaff“ und 2020 „Fidelio“ im Theater an der Wien. Waltz besitzt die deutsche, seit 2010 zusätzlich die österreichische und seit 2020 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Privat lebt der vierfache Vater, verheiratet mit der Kostümbildnerin Judith Holste, vorwiegend in Los Angeles. Distanz zum Herkunftsland gehört dazu: „Die Österreicher machen sich das Leben leichter. Sie sind extrem höflich, meinen das aber nicht unbedingt so“, sagt er über seine Landsleute. Sein Vermögen schätzen Medien auf rund 35 Millionen Euro beziehungsweise 20 Millionen US-Dollar; was er für einzelne Filme bekommt, ist nicht belegt.
Ob Frears das Geld für „Wilder & Me“ zusammenbekommt, ist offen – und damit auch, ob Waltz Billy Wilder noch spielen wird. Mit einer Rolle will er dagegen endgültig abgeschlossen haben: „Nazi-Spielen zum Broterwerb ist mir zu banal.“
