Erste Wahl mit 16-Jährigen lässt Streit ums Wahlalter neu aufflammen
Zwei Wochen nach der ersten Wahl mit 16-Jährigen erklärt die WELT das Wahlrecht ab 16 für gescheitert. In Berlin wählten 43 Prozent der 16- bis 24-Jährigen die Linke, in Mecklenburg-Vorpommern 36 Prozent die AfD – die CDU kam bei Jungwählern auf rund zwei Prozent. Forscherinnen halten trotzdem am Wahlalter 16 fest.
Zwei Wochen nach der ersten Wahl mit 16-Jährigen erklärt die WELT das Experiment für gescheitert. Am 4. Oktober 2026 veröffentlichte das Blatt den Meinungsbeitrag „Das Wahlrecht für 16-Jährige war ein Fehler“ von Jan Dams, Chefreporter der WELT am Sonntag – nach den Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, bei denen 16- und 17-Jährige erstmals abstimmen durften.
Dams begründet seine These mit den Altersgrenzen im Recht: Bei 18 Jahren ziehe der Gesetzgeber sonst klare Linien – volle Geschäftsfähigkeit, harter Alkohol, allein Auto fahren. Im Strafrecht wendet er sogar auf 18- bis 20-Jährige noch Jugendstrafrecht an. Dieselbe Gruppe wählen zu lassen, nennt er widersprüchlich; nachzulesen ist das in dem Meinungsbeitrag von Jan Dams.
„Geschäftsfähigkeit, Straftaten, Führerschein, Alkohol – in vielen Bereichen zieht der Gesetzgeber eine Grenze bei 18 Jahren. Warum lassen wir aber schon 16- und 17-Jährige wählen?“
Jan Dams, Chefreporter WELT am Sonntag
So haben die Jungwähler abgestimmt
Die Zahlen, auf die sich die Debatte stützt, liefert die MDR-Analyse zum Wahlverhalten der Jungwähler: In Berlin stimmten 43 Prozent der 16- bis 24-Jährigen für die Linke, in Mecklenburg-Vorpommern 36 Prozent für die AfD. Die CDU kam bei den Jungwählern in MV auf rund zwei Prozent.
Das Gesamtergebnis vom 20. September liest sich anders: In Berlin wurde die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft, in Mecklenburg-Vorpommern gewann die AfD mit 38,2 Prozent vor der SPD (35,5 Prozent) – die CDU flog mit 4,9 Prozent erstmals aus einem Landtag. Ein WELT-Report zum Rechtsruck unter jungen Männern berichtet, dass schon 2025 jeder vierte Mann unter 25 die AfD gewählt habe.
Mecklenburg-Vorpommern: Landesergebnis und Jungwähler im Vergleich
Anteile in Prozent, Wähler 16 bis 24 Jahre laut MDR-Analyse
Quelle: MDR, 23. September 2026; Tagesschau, 21. September 2026
Acht von 16 Ländern haben die Grenze gesenkt
Das Wahlalter 16 gilt in acht der 16 Bundesländer. Begonnen hat die Reihe 2009 mit Bremen, das 2011 erstmals so wählte; Brandenburg folgte 2011, Hamburg und Schleswig-Holstein 2013. Baden-Württemberg beschloss die Senkung im April 2022, Mecklenburg-Vorpommern im November 2022, Berlin im Dezember 2023 und Nordrhein-Westfalen im Dezember 2025.
Die erste praktische Bewährung fällt in dieses Jahr: In Baden-Württemberg wählten 16- und 17-Jährige am 8. März 2026 erstmals mit, in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am 20. September 2026. In NRW folgt der erste Einsatz im April 2027. Bei der U16-Wahl in MV vom 7. bis 11. September 2026 stimmten 1.504 Kinder und Jugendliche in 51 Wahllokalen ab – die AfD erreichte 33,3 Prozent.
Wie das Wahlalter 16 in die Länder kam
2009
Bremen macht den Anfang
Als erstes Bundesland beschließt Bremen das Wahlalter 16; erstmals angewandt wird es bei der Bürgerschaftswahl 2011.
2011
Brandenburg zieht nach
Brandenburg senkt das Wahlalter auf 16, erstmals angewandt 2014.
2013
Hamburg und Schleswig-Holstein folgen
Beide Länder senken das Wahlalter auf 16.
April 2022
Baden-Württemberg beschließt die Senkung
Erste Anwendung ist die Landtagswahl am 8. März 2026.
November 2022
Mecklenburg-Vorpommern stimmt mehrheitlich zu
Der Landtag beschließt das Wahlalter 16; erste Anwendung am 20. September 2026.
Dezember 2023
Berlin ändert die Landesverfassung
Das Abgeordnetenhaus senkt das Wahlalter auf 16, erste Anwendung am 20. September 2026.
Dezember 2025
Nordrhein-Westfalen senkt als bislang letztes Land
Erste Anwendung soll im April 2027 sein.
Die Gegenrede: Junge Menschen mit einbeziehen
In der Fachdebatte stößt Dams auf Widerspruch. Die Politikwissenschaftlerin Anna-Sophie Heinze von der Leuphana Universität Lüneburg hält das Wahlalter 16 demokratisch für richtig. Sie sieht das Problem nicht bei den Jugendlichen, sondern bei deren Ansprache – und dreht damit Dams’ Argument um.
„Ich würde eher sagen, dass man mit der Ansprache junger Menschen teilweise irgendwas verfehlt hat, nämlich: junge Menschen wirklich mit in Diskurse einzubeziehen“, sagt Heinze. Für sie folgt daraus keine Rücknahme des Wahlrechts, sondern ein Auftrag an die Parteien.
Der Jugendforscher Simon Schnetzer erklärt die Randgewinne mit der Entfremdung junger Wähler von den Parteien der Mitte: „Zum einen, dass junge Menschen sich von den Parteien der Mitte nicht abgeholt fühlen. Dass sie seit Jahren das Gefühl haben, dass die Themen, die sie umtreiben, ihre Sorgen von diesen Parteien nicht ausreichend bedient werden.“
Umfrage
Lädt
Offen ist, was aus Dams’ These politisch folgt. Die nächste Bewährung steht in Nordrhein-Westfalen an, wo 16- und 17-Jährige im April 2027 erstmals einen Landtag wählen. Dann zeigt sich, ob die Parteien der Mitte die Jungwähler erreichen – oder ob sich das Muster aus Berlin und Mecklenburg-Vorpommern wiederholt.