An diesem Sonntag entscheiden rund 159 Millionen Wahlberechtigte über Brasiliens Präsidentschaft – und über einen Bankenskandal, der Milliarden verschlang und bis in den Obersten Gerichtshof reicht. Die Quaest-Umfrage vom 2. Oktober sieht Amtsinhaber Lula da Silva bei 46 Prozent der gültigen Stimmen, Senator Flávio Bolsonaro bei 45. Eine Stichwahl am 25. Oktober gilt als wahrscheinlich.
Im Zentrum steht Daniel Vorcaro, der frühere Eigentümer der Banco Master. Die Zentralbank liquidierte die Bank im November 2025. Nach Schätzung der Bundespolizei fehlen bis zu 12 Milliarden Reais; die Ermittlungen laufen unter dem Namen Operation Compliance Zero.
Vom Übernahmeversuch zur Liquidation
Vorcaro hatte die Bank 2018/2019 nahezu bankrott gekauft und in Banco Master umbenannt; danach wuchs sie aggressiv. 2024 erkannte die Zentralbank, dass sie ihre Verpflichtungen nicht erfüllen kann. Im selben Jahr traf Vorcaro Präsident Lula im Präsidentenpalast – und die BRB zahlte mehr als 12 Milliarden Reais an die Banco Master, ohne ordnungsgemäße Dokumentation, während sie deren Übernahme anstrebte.
Im September 2025 blockierte die Zentralbank die Übernahme durch die BRB. Am 17. November 2025 wurde die Übernahme durch Fictor Holding Financiera angekündigt; nur Stunden später nahm die Polizei Vorcaro am Flughafen São Paulo-Guarulhos fest. Am 18. November ordnete die Zentralbank die Liquidation an, im Dezember ging die Aufsicht über die Ermittlungen an den Obersten Gerichtshof.
Die Banco Master und ihre Folgen
- 2018/2019Aus einer fast bankrotten Bank wird die Banco Master
Daniel Vorcaro kauft ein nahezu zahlungsunfähiges Institut und benennt es in Banco Master um. Die Bank wächst danach aggressiv.
- 2024Die Zentralbank erkennt die Unterdeckung
Die Aufsicht stellt fest, dass die Banco Master ihre Verpflichtungen nicht erfüllen kann. Vorcaro trifft Präsident Lula im Präsidentenpalast; die BRB überweist mehr als 12 Milliarden Reais ohne ordnungsgemäße Dokumentation.
- September 2025Die Zentralbank stoppt die BRB-Übernahme
Die Aufsicht blockiert die Übernahme der Banco Master durch die BRB.
- 17./18. November 2025Festnahme und Liquidation
Die Übernahme durch Fictor Holding Financiera wird angekündigt; Stunden später wird Vorcaro auf dem Flughafen São Paulo-Guarulhos festgenommen, als er nach Dubai ausreisen will. Am 18. November ordnet die Zentralbank die Liquidation an.
- Dezember 2025Der Oberste Gerichtshof übernimmt
Wegen möglicher Beteiligung von Amtsträgern mit Sonderzuständigkeit geht die Aufsicht über die Ermittlungen an das STF.
- 13. Mai 2026Nachrichten belasten Flávio Bolsonaro
Intercept Brasil veröffentlicht Nachrichten, in denen Flávio Bolsonaro Vorcaro um bis zu 134 Millionen Reais für den Film „Dark Horse“ über seinen inhaftierten Vater bittet.
- 4. Oktober 2026Erster Wahlgang
Brasilien wählt den Präsidenten; eine Stichwahl am 25. Oktober wird erwartet.
Die Zeche zahlt die Allgemeinheit
Den größten Teil der Verluste trägt die staatliche Einlagensicherung: Der FGC leistete die größte Auszahlung seiner Geschichte. Betroffen sind rund 1,6 Millionen Gläubiger mit Einlagen und Anlagen von über 41 Milliarden Reais – dem Bericht von El País zu den Banco-Master-Ermittlungen zufolge. Ein Drittel der FGC-Mittel stammt von zwei Staatsbanken, also aus öffentlichen Kassen.
Die Ermittlungen greifen weiter. Im April 2026 nahm die Bundespolizei den BRB-Präsidenten Paulo Henrique Costa fest; Vorwurf sind zugesagte Schmiergelder von 146,5 Millionen Reais. Vorcaro selbst soll bei der Polizei ausgesagt haben, er habe Freunde in allen Gewalten.
Von Flávio Bolsonaro bis zum Obersten Gerichtshof
Am 13. Mai 2026 veröffentlichte Intercept Brasil Nachrichten, in denen Flávio Bolsonaro Vorcaro um bis zu 134 Millionen Reais für den Film „Dark Horse“ über seinen inhaftierten Vater bat. Zwischen Februar und Mai 2025 sollen rund 61 Millionen Reais geflossen sein – umgerechnet etwa 12 Millionen US-Dollar.
Der Fall hat zwei Richter des Obersten Gerichtshofs erfasst, Dias Toffoli und Alexandre de Moraes, dazu einen Senator, einen Ex-Gouverneur und Bankenaufseher. Im September 2026 legte ein Bericht der Bundespolizei mutmaßliche WhatsApp-Kontakte zwischen Moraes und Vorcaro offen; der STF hob die Geheimhaltung auf. Wie stark der Fall das Gericht spaltet, beschreibt Richter Gilmar Mendes:
„Mendonças Bericht über Moraes liest sich wie ein politisches Pamphlet – als ob er eine politische Mission verfolge. Seine Vorgaben scheinen vom Wahlprozess getrieben. Das Ergebnis ist ein stark gespaltenes Gericht mit Folgen für seine Legitimität. Ich bin seit 24 Jahren hier und habe so etwas noch nie erlebt.“
Wem der Skandal nutzt – und wem er schadet
Die Wahrnehmung bleibt gespalten: Eine Datafolha-Umfrage im September ergab, dass 34 Prozent den Skandal eher mit linken Politikern verbinden und 27 Prozent eher mit rechten. Für Leonardo Paz von der FGV ist der Eindruck, der Fall treffe alle gleichermaßen, ungenau. Der Berater Thiago Amâncio von Control Risks sieht darin eine Erklärung:
„Es gibt nur einen Kandidaten, der eindeutig mit dem Skandal in Verbindung steht, und das ist Flavio Bolsonaro – ironischerweise schadet der Skandal Lula aber stärker. In den Augen der Wähler ist das System als Ganzes verrottet, also wollen sie Veränderung.“
Am Sonntag wird nicht nur der Präsident gewählt. Rund 158 bis 160 Millionen Brasilianer sind wahlberechtigt, die Beteiligung ist für die meisten Erwachsenen Pflicht; zugleich werden Gouverneure, die gesamte Abgeordnetenkammer und zwei Drittel des Senats bestimmt. Verfehlt einer der Kandidaten die absolute Mehrheit, entscheidet das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Lula und Bolsonaros Sohn in der Stichwahl am 25. Oktober.
