Ukraine wirbt mit hoher Prämie um junge Freiwillige
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Mobilisierung

Ukraine wirbt mit hoher Prämie um junge Freiwillige

Die Ukraine wirbt mit einer Million Hrywnja um junge Freiwillige. Bislang meldeten sich für das Programm nur wenige Tausend.

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Die Ukraine zieht Männer erst ab 25 Jahren verpflichtend ein. Jüngere können nur freiwillig dienen, und seit August 2025 dürfen Männer zwischen 18 und 22 Jahren trotz Kriegsrecht wieder legal aus- und einreisen. Eine Reportage der WELT über junge Ukrainer, die freiwillig an die Front gehen, zeigt, wie unterschiedlich die Betroffenen auf dieses Angebot reagieren.

Das Programm „Vertrag 18 – 24“ zahlt für einen Einjahresvertrag eine Prämie von einer Million Hrywnja, umgerechnet rund 20.000 bis 23.200 Euro, dazu hohe Monatssolden und ein Recht auf Ausreise. Zunächst meldeten sich trotzdem nur wenige Tausend Männer.

Einer der wenigen Freiwilligen ist der Tanzstudent Kostjantyn Kantemirov.

„Ich will in die Armee. Das ist jetzt mein Weg, um mein Vaterland zu verteidigen.“
Kostjantyn Kantemirov, Tanzstudent und freiwilliger Rekrut

Seine Entscheidung steht im Kontrast zu den vielen Männern, die sich dem Dienst entziehen. Wie tief dieser Graben reicht, zeigt der Blick an die Front.

Vom Ausreiseverbot zur Prämie

Regierungschefin Julia Swyrydenko und Innenminister Ihor Klymenko begründeten die Öffnung der Grenzen für die 18- bis 22-Jährigen mit deren Verbindung zur Heimat und mit Ausbildungschancen. 2025 wurde „Vertrag 18 – 24“ auf Drohnenpiloten ausgeweitet – die Nachfrage blieb gering.

Dass Geld allein kaum zieht, zeigt der Blick über die Grenze: 10.000 Euro Monatssold locken kaum Freiwillige – selbst Rekordgagen von bis zu 11.300 US-Dollar im Monat holten kaum ausländische Kämpfer in die Ukraine.

Vier Jahre Mobilmachung in der Ukraine

  1. 24. Februar 2022
    Vollinvasion und allgemeine Mobilmachung

    Russland beginnt die Vollinvasion. Die Ukraine verhängt Kriegsrecht und die allgemeine Mobilmachung, für Männer zwischen 18 und 60 Jahren gilt ein Ausreiseverbot.

  2. 2024
    Einberufungsalter sinkt auf 25 Jahre

    Kiew senkt das Einberufungsalter von 27 auf 25 Jahre und legt Förderprogramme mit großzügigen Geldleistungen für freiwilligen Dienst auf.

  3. Februar 2025
    Start von „Vertrag 18 – 24“

    Eine Million Hrywnja, rund 20.000 Euro, für einen Einjahresvertrag – zunächst nur für Sturmbriaden.

  4. August 2025
    Grenzen offen für Männer bis 22

    Die Ukraine erlaubt Männern zwischen 18 und 22 Jahren wieder die legale Aus- und Einreise.

  5. März 2026
    Fedorow nennt die Zahlen

    Zwei Millionen Männer entziehen sich laut Verteidigungsminister Fedorow dem Dienst, etwa 200.000 Soldaten sind desertiert.

  6. Juni 2026
    Reform der Militärverträge

    Höhere Gehälter und feste Dienstzeiten sollen den Infanteriedienst attraktiver machen.

  7. Juli 2026
    Umbau des Ministeriums

    Präsident Selenskyj ersetzt Fedorow durch Jewhenij Chmara.

An der Front fehlen ganze Einheiten

An der 1.250 Kilometer langen Front sind die Einheiten teils nur zur Hälfte besetzt. Der stellvertretende Kommandeur des Bataillons Da Vinci Wolves im Raum Pokrowsk, Rufname „Afer“, beschreibt die Lage so: „Mit der Ausrüstung und der Zahl der Leute, die wir heute haben, reicht es kaum, um den Abschnitt zu halten, den wir derzeit haben.“ Das beschreibt auch der AP-Bericht über Desertionen und Truppenmangel.

Der Militärexperte Nick Reynolds vom britischen Thinktank RUSI sieht darin einen Kreislauf, der die Verluste antreibt: „Der Mangel bedeutet, dass Einheiten nicht oft genug abgelöst werden können – das führt zu Erschöpfung und treibt die Verluste weiter hoch.“

Auch zwischen den Brigaden ist der Wettbewerb hart: „Zwischen den Brigaden herrscht erbitterter Konkurrenzkampf. Es gilt: wer zuerst kommt, mahlt zuerst“, sagt Wassylina Nakonetschna, Sprecherin des 49. Sturmbataillons.

Mit 22 ausreisen statt zu kämpfen

Die Öffnung der Grenzen für Männer zwischen 18 und 22 Jahren hat die Rechnung verändert. Wer gehen will, kann gehen – legal. Der Student Bohdan Mostowyj will genau das.

„Ich habe nur ein Leben und möchte wenigstens noch ein bisschen leben.“
Bohdan Mostowyj, Student

Mostowyjs Satz erklärt, warum das Werben um Freiwillige so schwer ist: Der Staat kann jungen Männern nicht befehlen zu bleiben. Er kann ihnen nur Geld, Ausbildung und das Recht auf Ausreise bieten.

Im Ausland wird die Frage inzwischen gegen Kiew gewendet. Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders fordert, ukrainische Männer zurück in ihr Land zu schicken, statt sie mit westlicher Militärhilfe zu schützen.

Reformen greifen erst jetzt

Im Juli 2026 baute Präsident Wolodymyr Selenskyj das Verteidigungsministerium um, Jewhenij Chmara ersetzte Mychajlo Fedorow. Reformen bei Mobilisierung, Ausbildung und Armeestruktur laufen erst an – ob sie greifen, ist offen.

Militäranalysten trauen der Ukraine nur begrenzte lokale Offensiven zu. Seit Anfang 2026 besetzten russische Truppen rund 990 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums, ukrainische Kräfte gewannen etwa 820 Quadratkilometer zurück.

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Für die Einheiten an der Front zählt zuerst die nächste Rotation. Bleibt sie aus, könnte der Truppenmangel weiter wachsen – und mit ihm die Zahl derer, die ihre Einheit verlassen und dafür bis zu zwölf Jahre Haft riskieren.