In Brüssel wird Europas digitaler Weg Stück für Stück abgetragen, vor allem die Schutzvorkehrungen des AI Act. Das sagt Shoshana Zuboff in dem Interview über das Weltbild der Tech-Milliardäre, das FOCUS Plus am 8. Oktober 2026 veröffentlichte.
Zuboff ist emeritierte Professorin der Harvard Business School. Mit ihrem Buch „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ hat sie 2019 das datengetriebene Geschäftsmodell von Google, Facebook und Co. beschrieben; im selben Jahr nannte sie in Berlin Europa die letzte demokratische Gegenkraft gegen die Macht der Tech-Konzerne.
Das Interview eröffnet in FOCUS 41/2026, der am 1. Oktober 2026 erschien, einen Schwerpunkt zur Macht der Tech-Konzerne. Dazu gehört die Reportage „Thiel, Altman & Co. — Amerikas neue Anführer“.
Ein Weltbild gegen die Gesellschaft
Zuboff wehrt sich gegen die Einordnung, das Denken von Peter Thiel und anderen Tech-Milliardären sei eine politische Philosophie. Sie nennt den Begriff unzutreffend — und begründet das mit einer Lehre aus der Geschichte.
„Es ist unzutreffend, das Weltbild von Thiel und Co. als „politische Philosophie“ einzustufen. … Dieses Weltbild verachtet die Menschen und ignoriert daher eine grundlegende Lehre der Geschichte: Nur die Gesellschaft und ihre Institutionen können den Schutz und die Freiheit jedes Einzelnen garantieren.“
Damit verschiebt Zuboff den Streit von der Ideengeschichte zur Schutzfrage: Nicht Theorien stehen zur Debatte, sondern wer die Freiheit des Einzelnen sichert. Ihre Antwort richtet sich an die europäische Politik, die über die Regeln für den Informationsraum entscheidet.
Die Lobbymaschine in Brüssel
In den Jahren 2021 bis 2024 sind in Brüssel drei Gesetze entstanden, die den Informationsraum regeln sollen: der Digital Services Act, der Digital Markets Act und der AI Act. Sie gingen aus dem Grundsatz von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hervor, einen digitalen Weg zu verfolgen, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt.
Auf dieses Bekenntnis zielt nach Zuboffs Darstellung die Lobbymaschine der Tech-Konzerne. Sie habe in Brüssel ein neues Publikum gefunden und trage die europäischen Regeln rücksichtslos Stück für Stück ab — vor allem die Schutzvorkehrungen des AI Act.
„Die Lobbymaschine der Tech-Konzerne hat in Brüssel ein neues Publikum gefunden. Rücksichtslos trägt sie Europas Bekenntnis zu einem „Ansatz, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt“, Stück für Stück ab. Vor allem will sie die Schutzvorkehrungen des europäischen AI Act entschärfen.“
Der Vorwurf kommt von der Frau, die das Geschäftsmodell der Konzerne benannt hat. Für Zuboff steht damit zur Debatte, ob Europa seine Schutzversprechen gegen den Druck der Konzerne durchhält.
Die Skepsis gegenüber dem digitalen Fortschritt ist längst auch in Deutschland öffentlich sichtbar — Barbara Schönebergers Kritik am digitalen Fortschritt steht dafür.
Ein Vakuum statt demokratischer Steuerung
Zuboff sieht die Ursache der heutigen Machtverhältnisse in einer frühen Entscheidung Washingtons: Die USA hätten den neuen globalen Informationsraum dem privaten Kapital überlassen, „ein tragisches Eigentor“, wie sie sagt. Es sei ein Vakuum dort entstanden, wo demokratische Steuerung hätte sein sollen.
Staatliche Aufgaben landen auch in Deutschland bei privaten Anbietern: 2017 testete Hessen die Polizeisoftware hessenDATA auf Basis von Palantirs Gotham, 2018 ging sie in den Echtbetrieb — der Beginn des Einsatzes von Palantir-Polizeisoftware in Deutschland.
2025 griff Elon Musk offen in den Bundestagswahlkampf ein: mit einem Gastbeitrag in der „Welt am Sonntag“ samt Wahlempfehlung für die AfD, einem Livestream-Gespräch mit Alice Weidel und der Parole „Nur die AfD kann Deutschland retten“.
Untersuchungen von ZDF/Frontal mit Dubliner Forschern und von Global Witness aus dem Jahr 2025 kommen zu dem Ergebnis, dass die Algorithmen von X und TikTok rechtslastige Parteien überproportional ausspielen.
Die Chronologie der Konzernmacht
Hessens Polizei testete die Software hessenDATA auf Basis von Palantirs Gotham 2017; 2018 ging sie in den Echtbetrieb. Der AI Act wurde 2024 verabschiedet. Die Chronologie zeigt, wie eng der Aufstieg der Konzerne und der Aufbau europäischer Regeln verzahnt sind.
Von hessenDATA bis zum Zuboff-Interview
- 2017/2018Palantir-Software bei der hessischen Polizei
Hessen testet hessenDATA auf Basis von Palantirs Gotham, 2018 geht die Software in den Echtbetrieb — der Beginn des Einsatzes von Palantir-Polizeisoftware in Deutschland.
- 2019Zuboff prägt den Begriff Überwachungskapitalismus
Sie veröffentlicht „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ und bezeichnet in Berlin Europa als letzte demokratische Gegenkraft gegen die Macht der Tech-Konzerne.
- 2021 bis 2024Brüssel reguliert den Informationsraum
Die EU verabschiedet Digital Services Act, Digital Markets Act und den AI Act.
- 2025Musk greift in den Bundestagswahlkampf ein
Gastbeitrag in der „Welt am Sonntag“ mit Wahlempfehlung für die AfD, Livestream-Gespräch mit Alice Weidel, Parole „Nur die AfD kann Deutschland retten“.
- 2025Studien: Algorithmen begünstigen rechte Parteien
Untersuchungen von ZDF/Frontal mit Dubliner Forschern und von Global Witness zeigen, dass X und TikTok rechtslastige Parteien überproportional ausspielen.
- 1. Oktober 2026FOCUS 41/2026 erscheint
Die Ausgabe enthält den Schwerpunkt zur Macht der Tech-Konzerne.
- 8. Oktober 2026Zuboff-Interview veröffentlicht
FOCUS Plus veröffentlicht das Gespräch unter dem Titel „Das Weltbild der Tech-Milliardäre verachtet die Menschen“.
Ob der AI Act seine Schutzvorkehrungen behält, entscheidet sich in Brüssel — und damit auch, ob Zuboffs Satz von den Institutionen, die den Einzelnen schützen, in Europa noch trägt.
