Papst Leo XIV. hat die Todesstrafe als „unzulässig“ und als Verletzung der Menschenwürde verurteilt. Seinen Post auf dem offiziellen Account @Pontifex veröffentlichte er am 10. Oktober 2026, dem internationalen Welttag gegen die Todesstrafe. Er versah ihn mit dem Hashtag #NoDeathPenalty.
„Die Todesstrafe ist unzulässig, da sie die Unverletzlichkeit und Würde des Menschen verletzt. Das Gemeinwohl kann geschützt und den Anforderungen der Gerechtigkeit kann Rechnung getragen werden, ohne auf die Todesstrafe zurückzugreifen: Es wurden wirksame Haftsysteme entwickelt, die die Bürger schützen, den Schuldigen aber gleichzeitig die Möglichkeit zur Resozialisierung nicht vollständig nehmen.“
Gewicht bekommt der Satz durch seinen Absender: Leo XIV. ist der erste Papst aus einem Staat, in dem die Todesstrafe nicht abgeschafft ist. Der in Illinois geborene Amerikaner Robert Francis Prevost steht seit Mai 2025 an der Spitze der katholischen Kirche. Seine Worte richten sich damit auch an Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio, zwei praktizierende Katholiken in der Regierung von Donald Trump.
Auf die konkreten Fälle in seinem Heimatland ging der Papst nicht ausdrücklich ein. Der Anlass für seinen Post liegt in Washington: Das Pentagon plant die erste öffentlich übertragene Hinrichtung der US-Geschichte.
Hegseth will die Erschießung zeigen lassen
Auslöser ist Verteidigungsminister Pete Hegseth. Am 8. Oktober kündigte er in einem Interview mit dem rechtskonservativen Sender Real America’s Voice an, die für den 3. Dezember geplante Hinrichtung des früheren Armeepsychiaters Nidal Hasan öffentlich zu machen – wie NBC News über Hegseths Ankündigung berichtet. Hasan werde „ein Erschießungskommando von Soldaten bekommen, und wir werden dafür sorgen, dass die Menschen es sehen können“, sagte Hegseth.
„Die Menschen müssen verstehen, dass solche Taten schwerwiegende Konsequenzen haben“, sagte er. Die Hinrichtungsart nannte er ein „no-brainer“. Mit Blick auf die Soldaten mit Gewehren sagte Hegseth: „Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir das nicht mehr gemacht. Nun, mir gefällt irgendwie die Mentalität, die wir im Zweiten Weltkrieg hatten.“
Kurz darauf bestätigte Hegseth die Pläne, ein Pentagon-Sprecher ebenfalls. Die Exekution ist für den 3. Dezember um 13 Uhr Ortszeit auf dem Stützpunkt Fort Hood in Texas angesetzt – derselbe Wochentag und dieselbe Uhrzeit wie Hasans Anschlag. Präsident Donald Trump hatte die Empfehlung zuvor genehmigt und nannte Hasan bei einem Wahlkampfauftritt in Texas einen „bösartigen Mörder“ – Trumps Genehmigung des Erschießungskommandos für Hasan.
Der Vatikan reagierte in zwei Stufen. Am 9. Oktober verurteilte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin vor Journalisten in Rom die Pläne: Es sei „wirklich unverständlich“, dieses System heute noch anwenden zu wollen, „ich weiß nicht, zu welchem Zweck“. Die Haltung der Kirche sei „vollständige Ablehnung“; die Todesstrafe sei „mit der Menschenwürde unvereinbar und schreckt nicht ab“.
„Es ist sicherlich nicht akzeptabel, dass der Tod zur Show gemacht wird; auch wenn die Person natürlich schuldig ist, gibt es doch andere Möglichkeiten.“
Am selben Tag veröffentlichte Erzbischof Paul S. Coakley, Vorsitzender der US-Bischofskonferenz, eine Erklärung. Er äußerte „Schock und große Trauer“: Die öffentliche Hinrichtung werde „das moralische Gefüge unserer Nation weiter untergraben und ein Schandfleck im Gewissen ihrer Bürger sein“. Hasans Taten könnten „auf keinen Fall gebilligt werden“, die Entscheidung sei aber „eine barbarische Förderung einer Kultur des Todes“. Stunden später folgte der Post des Papstes.
Widerspruch bis ins eigene Lager
Die Ankündigung löste parteiübergreifende Kritik aus. Der demokratische Senator Chris Murphy verglich die Pläne im Interview mit CNN mit den Praktiken der Terrormiliz Islamischer Staat.
„Das ist widerlich. Was ahmt er nach? Hinrichtungen durch (die Terrormiliz Islamischer Staat) IS? Aber öffentliche Hinrichtungen sind mittelalterlich.“
Auch Republikaner distanzierten sich. Der Abgeordnete Austin Scott sagte, er unterstütze die Hinrichtung Hasans, aber: „Hinrichtungen zu streamen ist das, was Dschihadisten tun. Amerika ist besser als das.“ Senator Mark Kelly (Demokrat, Streitkräfteausschuss) sagte, Hasan solle „sich der Justiz stellen“, öffentliche Hinrichtungen aber seien „die Art von Dingen, die Iran und die Taliban tun“. Der Abgeordnete Adam Smith nannte die Idee ein Spektakel, das „unser Rechtssystem lächerlich“ mache.
Auch im eigenen Lager bröckelte die Unterstützung. Vizepräsident JD Vance, praktizierender Katholik, äußerte am 9. Oktober Zweifel, ob der Livestream überhaupt stattfinde: „Wenn das per Livestream läuft, werde ich es nicht anschauen.“ Trump relativierte daraufhin, über die Liveübertragung sei noch keine Entscheidung getroffen.
Der frühere Trump-Antiterrorbeauftragte Joe Kent erklärte, er unterstütze die Todesstrafe gegen Hasan, dieser solle aber „schnell und still“ getötet werden. Die Übertragung sei nicht nur ein „Fleck auf unserer Moral“, sie liefere Terroristen auch Propagandamaterial. Das UN-Menschenrechtsbüro von Volker Türk nannte die Pläne eine Form von „Folter“: Eine Live-Übertragung sei „gleichbedeutend mit einer öffentlichen Hinrichtung“ und verstoße „gegen das absolute Folterverbot“.
Der Fall Nidal Hasan
Nidal Malik Hasan, Sohn palästinischer Einwanderer und Militärpsychiater der US-Armee, eröffnete am 5. November 2009 auf dem Stützpunkt Fort Hood das Feuer und tötete 13 Menschen – zwölf Soldaten und einen Zivilisten. 32 weitere wurden verletzt. Er rief dabei „Allahu akbar“ und erklärte später, er habe Vergeltung für die Kriege der USA in Afghanistan und im Irak üben wollen.
Hasan wurde bei dem Anschlag selbst angeschossen und ist seitdem von der Hüfte abwärts gelähmt; er sagte später, er wäre gern getötet worden, um als Märtyrer zu gelten. 2013 verurteilte ihn ein Militärgericht zum Tode. Er ist einer von vier Todeskandidaten im US-Militärjustizsystem.
Nach der Genehmigung durch den Präsidenten wäre es die erste Militärhinrichtung der USA seit 1961, als der Soldat John Bennett gehängt wurde, und die erste durch ein Erschießungskommando seit Januar 1945, als der Deserteur Eddie Slovik im Zweiten Weltkrieg erschossen wurde. Die letzte öffentliche Hinrichtung der USA war 1936 in Kentucky.
Rechtlich ist die Vollstreckung nicht gesichert. Nach Angaben des Death Penalty Information Center kann Hasan nach der Genehmigung noch Habeas-Corpus-Rechtsschutz bei Bundesgerichten suchen; das könnte die Exekution unbestimmt aufschieben. Der Anwalt John Mills nannte den Livestream „im modernen Zeitalter beispiellos“ und rechtlich auf „unsicherem Terrain“; die Strafrechtlerin Deborah Denno wies darauf hin, dass es in den USA noch nie eine live übertragene Hinrichtung gegeben habe.
Von Fort Hood bis zur geplanten Live-Hinrichtung
- 5. November 2009Attentat in Fort Hood
Nidal Hasan tötet 13 Menschen, zwölf Soldaten und einen Zivilisten; 32 weitere werden verletzt.
- 2018Katechismus geändert
Papst Franziskus erklärt die Todesstrafe im Katechismus für in allen Fällen „unzulässig“.
- 30. September 2026Hinrichtung in Tennessee scheitert
Christa Pike überlebt zwei Dosen Pentobarbital; der Bundesstaat setzt alle Exekutionen aus.
- 8. Oktober 2026Hegseth kündigt Livestream an
Der Verteidigungsminister will die Erschießung Hasans öffentlich zeigen; das Pentagon bestätigt die Pläne.
- 9. Oktober 2026Vatikan und Bischöfe protestieren
Parolin nennt die Pläne unverständlich, Coakley spricht von einer Kultur des Todes; auch Vizepräsident Vance distanziert sich.
- 10. Oktober 2026Papst postet #NoDeathPenalty
Am Welttag gegen die Todesstrafe erklärt Leo XIV. die Todesstrafe für unzulässig.
- 3. Dezember 2026Geplante Hinrichtung in Fort Hood
Um 13 Uhr Ortszeit soll Hasan durch ein Erschießungskommando getötet werden – nach den Plänen des Pentagons live übertragen.
Die Todesstrafe in Zahlen
Hintergrund ist auch die gescheiterte Hinrichtung von Christa Pike: Der verurteilten Mörderin wurden am 30. September 2026 in Tennessee laut Behördenangaben zwei Dosen des Mittels Pentobarbital verabreicht, doch sie überlebte. Pike kann Berichten zufolge inzwischen wieder gehen; Strafvollzugschef Frank Strada trat zurück, der Bundesstaat setzte alle Exekutionen aus.
In den USA wurden 2026 bislang 30 Menschen hingerichtet; 2025 waren es 47 – die höchste Zahl seit 2009. Weltweit wurden 2025 nach Angaben von Amnesty International mehr als 2.700 Menschen in 17 Ländern getötet, die meisten in China, Iran, Saudi-Arabien, Jemen und den USA. Öffentliche Hinrichtungen gab es 2025 nur in zwei Ländern: elf im Iran und sechs in Afghanistan.
Rund drei Viertel aller Staaten weltweit haben die Todesstrafe gesetzlich oder in der Praxis abgeschafft. In der US-Bevölkerung bröckelt die Unterstützung, doch immer noch sehen rund zwei Drittel der Befragten die Todesstrafe bei Mord als gerechte Strafe an – anders als der amerikanische Papst.
Warum die Kirche die Todesstrafe ablehnt
Die vollständige Ablehnung der Todesstrafe ist katholische Lehre jungen Datums. Erst Papst Franziskus änderte 2018 den Katechismus und erklärte die Todesstrafe als „Angriff auf die Unverletzlichkeit und Würde der Person“ für in allen Fällen „unzulässig“; an der Formulierung war maßgeblich der frühere Wiener Erzbischof Christoph Schönborn beteiligt.
Zuvor hatte der Katechismus den Rückgriff nicht ausgeschlossen, „wenn dies die einzige Möglichkeit ist, Menschenleben wirksam gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen“. Leo XIV. führt die Linie fort und macht Gefängnisbesuche zu einem Schwerpunkt seiner Reisen: Im April 2026 sprach er im Gefängnis Bata in Äquatorialguinea zu Häftlingen, bei seiner Lateinamerikareise will er ein Gefängnis in Buenos Aires besuchen.
Bis zum 3. Dezember bleibt Zeit für den Rechtsweg. Nehmen Bundesgerichte Hasans Antrag an, könnte die für 13 Uhr angesetzte Erschießung auf unbestimmte Zeit verschoben werden – und mit ihr die Frage, ob Amerika zum ersten Mal eine Hinrichtung live überträgt.
