Vanessa Emde nimmt nichts zurück und verliert Rückhalt der Fraktion
Die Berliner Linksfraktion spricht Vanessa Emde die gemeinsame Arbeitsgrundlage ab: Sie könne nicht mehr öffentlich für die Fraktion sprechen. Auslöser ist ein Video, in dem Emde alle umstrittenen Aussagen bekräftigt.
Vanessa Emde nimmt keinen einzigen ihrer Sätze zurück – einen Tag später spricht ihr die eigene Fraktion die Zusammenarbeit ab. Am Freitagnachmittag sagte Berlins Linken-Fraktionschef Tobias Schulze nach einer Sondersitzung von Fraktionsvorstand und Landesspitze, mit der Neuköllner Abgeordneten gebe es „keine gemeinsame Arbeitsgrundlage“.
Auslöser ist ein etwa dreiminütiges Video, das Emde am Donnerstagabend veröffentlichte. Darin bekräftigt die direkt gewählte Abgeordnete alle umstrittenen Aussagen – und beschreibt sich als „unfreiwillig Protagonistin eines Schmierentheaters“.
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Das Schmierentheater, sagt sie, werde von SPD und Grünen „im Verbund mit den großen Medienhäusern“ inszeniert. Emde, die im Wahlkreis Neukölln 1 mit 46 Prozent der Erststimmen gewann, sieht sich als „Verhandlungsmasse in Sondierungsgesprächen“ und spricht von einem aufzuklärenden „demokratischen Skandal“.
Für die Sondierungen von Linke, SPD und Grünen kommt die Distanzierung zum heiklen Zeitpunkt: Erst am Donnerstag waren die Gespräche wieder aufgenommen worden, bis Sonntagabend sollen sie laut Fahrplan abgeschlossen sein. Die Antisemitismus-Erklärung der drei Parteien soll in einen Koalitionsvertrag einfließen.
Drei Minuten, keine Rücknahme
In dem Video zählt Emde auf, was sie nicht zurücknimmt: ihre israelkritischen Positionen und ihre Kritik am Bekenntniszwang zum Existenzrecht Israels. Die Jüdische Allgemeine wirft ihr vor, Israel erneut das Existenzrecht abzusprechen. Emde hält laut dem Bericht der Zeit über ihre Aussagen an dieser Kritik fest.
Ihre Aufnahme in die Fraktion am Dienstag, die gegen Absprachen der Sondierungsführer zustande kam, deutet Emde als eigenen Erfolg: ein „kleiner Geländegewinn gegen die Staatsräson“.
„Ich stehe zu meinen Aussagen, und ich nehme keine einzige dieser Aussagen zurück. Und ich werde mich davon weder durch mediale Hetze oder durch Fraktionsausschluss-Drohungen und auch nicht durch bürokratische Tricks abhalten lassen.“
Vanessa Emde, Linken-Abgeordnete Berlin-Neukölln
Mit dieser Ansage stellt sich Emde offen gegen Fraktion und Landesspitze – und liefert der Parteiführung genau den Beleg, auf den sie ihre Distanzierung stützt.
„Nicht mit der Partei kooperiert“
Nach den Beratungen des Linken-Vorstands in Berlin sagte Schulze, der Fraktionsvorstand sei sich einig, dass Emde „in dieser Situation nicht öffentlich für die Fraktion sprechen“ könne.
„Wir müssen feststellen, dass wir uns mit einer Abgeordneten konstituiert haben, die nicht mit der Partei kooperiert – weder mit der Bezirks- noch mit der Landes- oder Bundesebene.“
Tobias Schulze, Fraktionsvorsitzender Die Linke Berlin
Der Streit hat eine Vorgeschichte, die bis zum Wahlabend zurückreicht – und er ist noch nicht am Ende.
Von der Wahl bis zur Fraktionssitzung
20. September 2026
Direktmandat in Neukölln
Die Linke gewinnt die Abgeordnetenhauswahl deutlich. Emde holt in Neukölln 1 mit 46 Prozent der Erststimmen ein Direktmandat.
13. Oktober 2026
Aufnahme gegen Absprachen
Die neue Fraktion konstituiert sich und nimmt Emde auf. Alle 44 Abgeordneten unterzeichnen eine Erklärung zum Existenzrecht Israels; SPD und Grüne setzen die Sondierungen aus.
15. Oktober 2026
Gespräche laufen wieder, Video am Abend
Linke, SPD und Grüne nehmen die Sondierungen wieder auf. Am Abend bekräftigt Emde in einem Video alle umstrittenen Aussagen.
16. Oktober 2026
Distanzierung der Fraktion
Fraktionsvorstand und Landesspitze erklären nach einer Sondersitzung, es gebe mit Emde keine gemeinsame Arbeitsgrundlage.
18. Oktober 2026
Sondierungen sollen stehen
Laut Fahrplan sollen die Gespräche bis Sonntagabend abgeschlossen werden.
20. Oktober 2026
Fraktionsvorstand berät
Emde ist zur regulären Sitzung eingeladen; dort soll über das weitere Vorgehen bis hin zum Ausschluss beraten werden.
31. Oktober 2026
Landesparteitag entscheidet
Der Parteitag der Berliner Linken soll über die Sondierungsergebnisse abstimmen.
Formal wäre ein Fraktionsausschluss möglich, bräuchte aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit aller Abgeordneten und die Einhaltung von Fristen. Ob die Fraktion den Schritt geht, ist offen.
Lob bei SPD und Grünen, scharfe Kritik von außen
SPD und Grüne begrüßten die Distanzierung. Der Grünen-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus, Werner Graf, sagte: „Die Linksfraktion hat angekündigt, dass sie handeln wird. Es ist gut, dass sie sich des Problems schnell annimmt.“ Aus der Union und von Grünen-Bundespolitikern kam scharfe Kritik.
Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt sagte: „Wenn solche Position in der Fraktion Platz haben, sind alle Bekenntnisse null Wert. Die Linke muss sich jetzt entscheiden.“ Der Grünen-Vize-Fraktionschef im Bundestag, Konstantin von Notz, warf der Linken vor, sie diskreditiere sich „für jede Form von politischer Verantwortung“, solange sie solche Leute nicht ausgrenze.
Berlins kommissarischer CDU-Generalsekretär Lukas Krieger richtete die Frage an die beiden möglichen Koalitionspartner: „Die Frage an SPD und Grüne ist, wie lange sie sich noch vorführen lassen wollen.“
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Am Dienstag (20. Oktober) kommt der Fraktionsvorstand zusammen, Emde ist eingeladen. Dann muss die Fraktion entscheiden, ob sie den Streit intern austrägt oder ein Ausschlussverfahren beginnt – elf Tage vor dem Landesparteitag, der über die Sondierungen abstimmen soll.