„An diesen Ton dürfen wir uns niemals gewöhnen“: Mit diesem Satz hat Hape Kerkeling (61) am Dienstagabend in der Frankfurter Paulskirche die Rechtspopulisten angegriffen. Der Komiker und Entertainer war Festredner der fünften Talisman-Verleihung.
Vergeben wird der Talisman-Preis der Deutschlandstiftung Integration. Die Laudatio auf die Geehrten hielt der frühere Bundespräsident Christian Wulff, Vorsitzender des Stiftungsrates. Kerkeling nutzte den Abend für eine Warnung, die sich nicht an die Preisträger richtete, sondern an das ganze Land.
Warnung vor dem Gossenjargon
Rechtspopulisten griffen auf „Gossenjargon“ zurück, sagte Kerkeling: „An diesen Ton dürfen wir uns niemals gewöhnen.“ So habe der Faschismus angefangen, warnte er. Kerkelings Rüge des Gossenjargons ist die zentrale Passage des Abends.
Kerkeling griff auch auf die Geschichte zurück: „Der Hass hatte in unserer Geschichte einen Platz, und genau deshalb darf er in unserer Zukunft keinen mehr haben.“ Und den Pessimisten hielt er entgegen: „Wer heute sagt, es ist eh alles verloren, der irrt genauso.“
Fünf Kommunalpolitiker geehrt
Ausgezeichnet wurden an dem Abend fünf Kommunalpolitiker aus vier Bundesländern. Zwei von ihnen kommen aus Köln, die übrigen aus Rheinland-Pfalz, Sachsen und Niedersachsen. Die Preisträger im Überblick:
- Henriette Reker – frühere Oberbürgermeisterin von Köln
- Maria Helmis-Arend – Bürgermeisterin der Stadt Köln
- Yannick Bares – Ortsbürgermeister von Rhaunen
- Stephanie Rikl – Bürgermeisterin von Ostritz in Sachsen
- Onyeka Oshionwu – designierte Oberbürgermeisterin von Göttingen
Der jüngste Geehrte ist Yannick Bares, Ortsbürgermeister von Rhaunen. In Göttingen tritt Onyeka Oshionwu von den Grünen ihr Amt als Oberbürgermeisterin am 1. November an. Schirmherr der Deutschlandstiftung Integration ist Bundeskanzler Friedrich Merz.
Seit Monaten politisch aktiv
Kerkelings Auftritt in Frankfurt ist Teil einer längeren Reihe. Anfang Oktober sagte er bei der ersten öffentlichen Anhörung eines Bundestagsausschusses in Erfurt, die AfD sei verfassungswidrig. Im April hielt er die Ansprache beim Gedenkfestakt zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald.
Sein Engagement hat Folgen: Kerkeling berichtet von Drohungen, die ihn seit Monaten erreichen. Eine Campact-Petition fordert ihn als Bundespräsidenten. Die AfD ist längst auch auf kommunaler Ebene angekommen – wie der erste AfD-Bürgermeister seine Stadt regiert.
Der Talisman-Preis und Kerkelings Weg zur politischen Rede
- 14. Mai 2019Erste Verleihung an Margot Friedländer
Der Talisman-Preis der Deutschlandstiftung Integration wird erstmals vergeben – an die Holocaust-Überlebende. Die Laudatio hält Mathias Döpfner.
- November 2025Merz spricht in Berlin, Stipendiaten verlassen den Saal
Festredner bei der Verleihung an vier Olympioniken und Paralympioniken ist Bundeskanzler Friedrich Merz. Rund 30 Stipendiaten verlassen aus Protest gegen seine „Stadtbild“-Äußerung den Saal.
- April 2026Kerkeling spricht in Buchenwald
Beim Gedenkfestakt zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers hält der Komiker die Ansprache.
- 1. Oktober 2026Kerkeling nennt die AfD verfassungswidrig
Bei der ersten öffentlichen Anhörung eines Bundestagsausschusses in Erfurt sagt er, die AfD sei verfassungswidrig.
- 20. Oktober 2026Rede in der Frankfurter Paulskirche
Bei der fünften Talisman-Verleihung rügt Kerkeling den „Gossenjargon“ der Rechtspopulisten. Fünf Kommunalpolitiker werden ausgezeichnet.
Bleiben Sie mutig
Zum Schluss wechselte Kerkeling vom Angriff zur Zuversicht. Er sprach über die Hoffnung wie über eine Person, die etwas tut – und nicht wie über ein Gefühl, das man hat.
„Hoffnung, sie sieht in der Vielfalt eine Stärke, sie schützt die Schwachen. Sie sät unermüdlich Zuversicht und geht mutig voran.“
Sein Schlusssatz lautete: „Bleiben Sie mutig und lassen Sie uns dafür sorgen, dass Geschichte sich nicht wiederholt und es nicht so schlimm wird.“ Ob diese Warnung gehört wird, entscheidet sich kaum in der Paulskirche, sondern im Bundestag, wo über das AfD-Verbotsverfahren beraten wird.
