2,8 Grad. Auf diesen Wert steuert die Erde bis zum Ende des Jahrhunderts zu, wenn Regierungen ihre Politik weiterlaufen lassen wie bisher. Das steht im Emissions Gap Report 2026, den das UN-Umweltprogramm UNEP am 21. Oktober in Nairobi vorstellte.
Der Bericht trägt den Titel „The Point of Return“, der Punkt der Umkehr. Denn das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens ist nach Einschätzung der Autoren ohne ein zeitweiliges Überschießen über die Marke nicht mehr zu halten: Die Temperatur steigt erst darüber, bevor sie wieder sinkt.
Selbst der optimistischste Pfad endet bei 2,1 Grad. Er setzt voraus, dass alle Staaten ihre Klimapläne vollständig umsetzen und ihre Netto-Null-Ziele einhalten. Von allein kommt niemand dorthin.
Die Prognose ist schlechter als im Vorjahr
Gegenüber dem Vorjahr haben sich die Aussichten verschlechtert. Damals ergab die vollständige Umsetzung aller Klimapläne noch bis zu 2,5 Grad. Der Bericht nennt zwei Gründe für den Rückschritt: den Rückzug der USA aus dem Pariser Abkommen und nach oben korrigierte historische Emissionsdaten.
2025 lagen die globalen Treibhausgasemissionen bei 58,4 Gigatonnen CO2-Äquivalent. Die Emissionen der USA stiegen um 133 Millionen Tonnen – in einem Jahr, in dem Erneuerbare bei der Stromerzeugung weltweit erstmals die Kohle überholten.
UN-Generalsekretär António Guterres richtet den Vorwurf an die Regierungen, nicht an die Forscher. Die Lücke sei längst keine Wissenslücke mehr:
„Die Emissionslücke ist inzwischen eine Führungslücke. Und der Welt gehen die Zeit und die Ausreden aus, sie zu schließen.“
Drei Wege, drei Zahlen
Der Bericht rechnet drei Wege durch. Bei unveränderter Politik landen die Temperaturen in diesem Jahrhundert bei 2,8 Grad und steigen danach weiter. Setzen alle Staaten ihre Klimapläne vollständig um, sind es 2,6 Grad. Kommen die Netto-Null-Ziele hinzu, 2,1 Grad.
Erwärmung bis Ende des Jahrhunderts je Szenario
Grad gegenüber vorindustriellem Niveau
Guterres liest daraus keinen Freibrief: „Überschießen ist keine Kapitulation. Wir können es noch so klein und so kurz wie möglich halten – und die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts wieder unter 1,5 Grad bringen.“ Der Rückweg hängt an CO2-Entnahme; wie Carbon Brief das Überschießen einordnet, ist die Lücke ohne sie nicht zu schließen.
UNEP-Chefin Inger Andersen warnt, jedes weitere Zehntelgrad und jedes weitere Jahr über 1,5 Grad erhöhe die Risiken – „die tödlichen Überschwemmungen, Hitzewellen und Waldbrände, die in diesem Jahr viele Nationen heimgesucht haben“.
5,7 Prozent pro Jahr – bis 2040
Laut den Zahlen des UNEP-Berichts zu den nötigen Emissionssenkungen müssten die globalen Treibhausgasemissionen gegenüber 2025 um 18 Prozent bis 2030 sinken, um 45 Prozent bis 2035 und um 69 Prozent bis 2040 – rund 5,7 Prozent pro Jahr, Jahr für Jahr.
Davon ist die Wirklichkeit weit entfernt. Alle bisher vorgelegten Klimapläne zusammen ergeben nur 5 bis 8 Prozent Rückgang bis 2030 und 11 bis 15 Prozent bis 2035.
Dazu kämen rund 320 Gigatonnen CO2, die der Atmosphäre in diesem Jahrhundert entnommen und dauerhaft gespeichert werden müssten – etwa acht Jahre der globalen CO2-Emissionen des Jahres 2024.
Einzelne Regierungen melden nationale Erfolge – wie deutsche Klimapolitik laut Schneider fünf Grad verhinderte. An der globalen Rechnung ändert das nichts: Entscheidend ist die Summe aller Pläne, und die reicht nicht.
Was seit Paris schiefging
Zum Stichtag des Berichts, dem 1. September 2026, erfasste UNEP 124 Länder mit dritten Klimaplänen. Sie decken 75 Prozent der globalen Emissionen ab; ein Viertel der Weltemissionen steht damit außerhalb jeder Planung.
Der September 2026 war mit 16,27 Grad im globalen Mittel der zweitheißeste je gemessene September, 1,63 Grad über vorindustriellem Niveau. Der Bericht fällt mitten in eine Rekordserie.
Von Paris bis Antalya
- 12. Dezember 2015Pariser Klimaabkommen
Die Staaten beschließen, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu begrenzen.
- Februar 2025Frist für die dritten Klimapläne verstreicht
95 Prozent der Staaten verpassen den Termin für ihre Pläne bis 2035.
- November 2025COP30 in Brasilien
122 Länder (63 Prozent) haben dritte NDCs vorgelegt. Im Abschlusspaket „Global Mutirão“ wird erstmals ein Überschießen über 1,5 Grad anerkannt.
- 21. Oktober 2026Emissions Gap Report 2026 erscheint
UNEP legt in Nairobi „The Point of Return“ vor: 2,8 Grad bei aktueller Politik, 2,1 Grad im besten Fall.
- November 2026COP31 in Antalya
Der zweite globale Stocktake beginnt und soll die Ziele bis 2035 und 2040 verlängern.
In Antalya beginnt der zweite Stocktake
Der Bericht erscheint wenige Wochen vor der Weltklimakonferenz COP31 im türkischen Antalya. Dort beginnt im November der zweite globale Stocktake – die Bestandsaufnahme, die die Ziele bis 2035 und 2040 verlängern soll.
UNEP-Chefin Inger Andersen hält den Rückweg für möglich: „Wir müssen alles daransetzen, die Spitzenerwärmung zu minimieren und bis zum Ende des Jahrhunderts zu 1,5 Grad zurückzukehren. Das ist möglich.“ Ob die Staaten in Antalya nachschärfen, entscheidet sich dort – die Messlatte liegt bei 5,7 Prozent pro Jahr.
