Marseille stellt 68 Verdächtige nach Plünderungen vor Gericht
In Marseille arbeitet die Justiz die Plünderungen vom 17. Oktober im Akkord ab: 68 Verdächtige, zwei Zusatzsitzungen, ein Staatsanwalt, der Haft und Landesverweis fordert – und Richter, die mehrere Angeklagte freisprechen. Ein 21-Jähriger kommt mit sechs Monaten auf Bewährung davon, ein 35-jähriger Video-Filmer zeigt danach das Victory-Zeichen.
68 Verdächtige, zwei zusätzliche Verhandlungstage: Marseille arbeitet die Plünderungen vom 17. Oktober im Akkord ab. Das Tribunal judiciaire setzte Sondersitzungen für 68 Verdächtige an – 58 Erwachsene und etwa zehn Minderjährige sollten an diesem Dienstag und Mittwoch in Schnellverfahren abgeurteilt werden.
In der Nacht des 17. Oktober hatte die Polizei in Marseille 101 Menschen festgenommen, 74 Erwachsene und 27 Minderjährige. Es war Teil einer Protestwelle, bei der das Innenministerium am Nachmittag 272 Festnahmen bei den Protesten gegen die Teuerung zählte. Justizminister Gérald Darmanin wies die Staatsanwaltschaften auf X zu „extremer Festigkeit“ an; in Marseille tagte die 12. Kammer deshalb im Akkord.
Ein Staatsanwalt führt die Anklage persönlich
Staatsanwalt Nicolas Bessone, Chef der Marseiller Anklagebehörde, vertrat die Anklage am ersten Verhandlungstag selbst – für einen Amtschef ungewöhnlich. Er sprach von „bestialischen Plünderungen“ und einem „apokalyptischen Chaos“.
„Sie haben an diesem apokalyptischen Chaos teilgenommen, sie rannten vor der Polizei weg. Sie, Herr B., wollten keine TikToks aufnehmen, sondern an den Plünderungen teilnehmen.“
Nicolas Bessone, Staatsanwalt von Marseille
Der Vorwurf richtete sich an Boudiem B.: Der 35-Jährige sei nicht als Beobachter dabei gewesen, sondern habe mitgeplündert. Für ihn forderte Bessone bis zu einem Jahr Haft und ein fünfjähriges Einreiseverbot.
Freispruch für den Mann mit dem Handy
Boudiem B. gab an, er habe in der Nacht nur TikTok-Videos von den Plünderungen gedreht. Das Gericht sprach ihn frei, anschließend zeigte er für die Kameras das Victory-Zeichen – mehrere Angeklagte verließen lachend den Saal.
„Ich wollte zeigen, was passiert ist, das Chaos!“
Boudiem B., Angeklagter
Auch drei Männer, die am selben Ort festgenommen worden waren, kamen frei – das Gericht sah keinen Beweis für einen tatsächlichen Diebstahl. Die Verteidigung sprach von einem „leeren Dossier“.
Sechs Monate Bewährung statt Haftbefehl
Essedine (Chamesse Eddine) Ch. wurde mit einem Koffer mit 38 Artikeln aus einem geplünderten Monoprix aufgegriffen. Bessone sagte, der Mann sei „nicht in die Stadt gekommen, um Fußball zu spielen, sondern um zu rauben“, und forderte ein Jahr Haft mit Haftbefehl sowie ein Verbot, Frankreich zu betreten.
Das Gericht verurteilte den 21-Jährigen zu sechs Monaten auf Bewährung; er darf im Land bleiben. „Ich möchte in Frankreich bleiben, weil hier mein Herz ist“, sagte er. „Ich möchte für Frankreich sterben.“
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37 Urteile, 22 weiter in Haft
Bis Donnerstag, 22. Oktober, wurden in Marseille 37 Personen in vier Sitzungen abgeurteilt. Von den ursprünglich 34 Inhaftierten saßen nach Bessones Angaben noch 22 in Haft; drei mutmaßliche Elektronik-Diebe kamen bis zu einer neuen Verhandlung frei. Die Richter hätten den Herausforderungen gestanden, sagte Bessone im Sender ICI Provence, und warnte Händler vor Selbstjustiz.
Von der Festnahme zum Urteil in Marseille
Wie viele der nach den Plünderungen vom 17. Oktober erfassten Personen vor Gericht kamen
Quelle: Parquet de Marseille, ICI Provence, La Provence
Am 21. Oktober reiste Justizminister Gérald Darmanin nach Marseille, lobte die Justiz und kündigte eine schnellere Strafvollstreckung sowie Unterstützung für geschädigte Händler an. Landesweit wurden 2.500 Polizeigewahrsame, 917 Vorführungen und 174 Inhaftierungen gezählt. Ob die versprochene Hilfe vor der nächsten Protestwelle greift und ob Bessone seine harte Linie durchhält, ist offen.