Frankreich zählt 272 Festnahmen bei Protesttag gegen Teuerung
Am Protesttag „On en a marre“ zählte das Innenministerium bis zum Nachmittag rund 272 Festnahmen; in Marseille wurde das Rathaus gestürmt, in Saint-Étienne riss einem Demonstranten eine Polizeigranate die Hand ab. Auslöser ist eine Schülerbewegung, die Mitte September an einem Gymnasium in Créteil begann.
Bis zum Nachmittag zählte das Innenministerium rund 272 Festnahmen, in Marseille stürmten Demonstranten kurzzeitig das Rathaus, in Lille wurde das Büro des Bürgermeisters verwüstet. Frankreichs Protesttag unter dem Motto „On en a marre“ – „Wir haben die Schnauze voll“ – ist in Gewalt umgeschlagen.
Zu dem Protesttag hatten sich Schüler, Studenten und Gelbwesten zusammengetan, wie Le Monde über den Protesttag in Frankreich berichtet. Am Mittag zählten die Behörden 140 Aktionen mit 32.800 Beteiligten außerhalb von Paris; erwartet hatten sie bis zu 200.000. Bis zum Mittag gab es 166 Festnahmen, rund 100 davon in Paris. Schon Anfang Oktober hatte die Polizei 1.949 Menschen bei Schülerprotesten festgenommen.
Teilnehmer an den Aktionstagen laut Innenministerium
Landesweite Zahlen; am 17. Oktober Stand Mittag, 140 Aktionen außerhalb von Paris
Quelle: Innenministerium Frankreich
Rathaus gestürmt, Radiosender demoliert
In Marseille drangen Demonstranten kurzzeitig ins Rathaus ein, warfen eine Büste um und demolierten Möbel. In Lille wurde das Büro des Bürgermeisters verwüstet, in Lyon das Tourismusbüro in Brand gesetzt, in Paris die Fenster der Sender CNews und Europe 1 zerstört.
Die Polizei setzte in Paris, Lyon und Straßburg Tränengas, Wasserwerfer und Schlagstöcke ein. In Saint-Étienne wurde ein Demonstrant durch eine Polizeigranate schwer an der Hand verletzt – einen Tag, nachdem Innenminister Laurent Nuñez Blendgranaten bei „städtischer Gewalt“ wieder erlaubt hatte.
Nach Angaben des Justizministeriums wurden seit Mitte September 6.773 Minderjährige in Polizeigewahrsam genommen. Mehr als 900 Polizisten und mindestens 215 Jugendliche wurden verletzt; die Polizeiaufsicht ermittelt in Dutzenden Fällen von Polizeigewalt. „Wir sind an dem Punkt, an dem die Repression sich gegen unsere eigenen Kinder richtet“, sagte der Zimmermann Christophe, ein früherer Gelbwesten-Protestierender.
Während die Regierung um Deeskalation wirbt, liest Marine Le Pen den Tag als Beweis gegen die Proteste selbst:
„Plünderungen, Raub, Angriffe auf Polizisten – Randalierer haben die Demonstrationen gegen die Lebenshaltungskosten am 17. Oktober erneut beschmutzt.“
Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement National
Der Funke kam von einem Gymnasium in Créteil
Die Welle begann Mitte September: Oberschüler blockierten landesweit den Zugang zu Schulen, Ausgangspunkt war ein Gymnasium in Créteil. Sie fordern mehr Lehrkräfte, sanierte Gebäude und zehn Milliarden Euro zusätzlich für Bildung. Die Regierung bietet bislang 1,2 Milliarden Euro und 3.000 Vertretungslehrer.
Von den Schulblockaden zum Protesttag
17. September 2026
Oberschüler blockieren Schulen
Landesweit blockieren Schüler den Zugang zu Gymnasien, Ausgangspunkt ist eine Schule in Créteil.
5. Oktober 2026
15-Jähriger verliert die Hand
In Lens reißt eine Blendgranate der Polizei einem 15-Jährigen die linke Hand ab.
6. Oktober 2026
Nationaler Aktionstag
Das Innenministerium zählt 256.000 Teilnehmer, Gewerkschaften sprechen von bis zu 480.000; Macron beruft eine Krisensitzung im Élysée ein.
7. Oktober 2026
Schockgranaten ausgesetzt
Frankreich setzt den Einsatz von Schockgranaten vorerst aus, die Polizeiaufsicht ermittelt in 18 Fällen.
13. Oktober 2026
Nächster Aktionstag
161.500 Teilnehmer laut Innenministerium, 214 blockierte Gymnasien; Greta Thunberg und Jean-Luc Mélenchon nehmen teil.
Von Créteil aus weiteten sich die Proteste auf Tausende Gymnasien aus, wie der Tagesschau-Bericht über die Schülerproteste zeigt. Ryad Rani, Vorsitzender des Schülerverbands LSU, sagt, die Regierung zittere – „und sie zittert zu Recht, denn wenn das französische Volk wütend ist, lässt es nie locker“.
Sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl
Die Proteste treffen Premierminister Sébastien Lecornu sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl 2027. Der Haushalt ist der Grund: Das Defizit lag bei 5,1 Prozent des BIP, die Schuldenquote bei 115,6 Prozent, die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen erreichte ein 24-Jahres-Hoch.
Lecornu sprach von „einem Moment der Müdigkeit im Land“ und einer „Atmosphäre der Dauerkrise“ aus Kriegen, Inflation und Kaufkraftfragen; Macron rief am Tag zuvor zu „Ruhe und Respekt“ auf. Ob die Regierung die Schüler mit 3.000 Vertretungslehrern besänftigt, entscheidet sich vor dem 20. November – dann ist der nächste internationale Jugendaktionstag angekündigt.