Washington hat Elon Musks Firma SpaceX über Jahre gebeten, den Satellitendienst Starlink in Krisenländern ab- oder aufzuschalten – im Jemen, im Libanon, im Iran und in der Ukraine. Das geht aus dem exklusiven Bericht über jahrelange Bitten an SpaceX hervor; sechs ehemalige hochrangige US-Beamte schilderten die Vorgänge.
Zwei Tage zuvor hatte Außenminister Marco Rubio die Schuld für die Drosselung auf Musk geschoben. Der Bericht zieht das in Zweifel – und zeigt, wie sehr Washington auf ein Privatunternehmen angewiesen ist, dessen Chef zugleich eigene außenpolitische Entscheidungen trifft.
Starshield-Systeme sind Eigentum der US-Regierung und werden von ihr kontrolliert. Alle Beschränkungen hinsichtlich Geschwindigkeit oder Nutzung werden vom US-Militär und letztlich vom POTUS entschieden. Starlink ist ein kommerzieller Dienst, der SpaceX gehört und von SpaceX kontrolliert wird. Die Nutzung von Starlink ist auf zivile oder defensive Aktivitäten beschränkt und kann nicht für offensive militärische Aktionen verwendet werden, da dies für ein kommerzielles Unternehmen unangemessen wäre.
Abschalten für Milizen, aufschalten für Verbündete
Vier der sechs Ex-Beamten schilderten, unter Präsident Joe Biden habe die Regierung darum gebeten, Starlink im Jemen und im Libanon abzuschalten, um die Kommunikation der vom Iran unterstützten Huthi und der Hisbollah zu unterbinden. Im Iran und in der Ukraine sollte der Dienst dagegen eingeschaltet werden.
US-Geheimdienste teilten SpaceX mehrfach Hinweise auf umgeleitete Terminals: Im Oktober 2023, während der Kämpfe zwischen Israel und der Hisbollah im Südlibanon, und 2024 während der US-Luftkampagne gegen die Huthi. Die Regierung bat das Unternehmen, die Geräte zu identifizieren und abzuschalten; ein Teil wurde nach Aussage von zwei Beamten deaktiviert.
Von der Freischaltung zur Drosselung
- Februar 2022Starlink für die Ukraine
Kurz nach dem russischen Überfall drängen Biden-Beamte SpaceX, den Dienst für das ukrainische Militär auszuweiten.
- September 2022Freischaltung im Iran
Nach dem Tod von Mahsa Amini bittet Washington um Aktivierung; Terminals werden laut einem Ex-Beamten mit Regierungshilfe ins Land gebracht.
- Oktober 2023Warnung aus dem Südlibanon
Geheimdienstvertreter melden Hisbollah-nahe Personen mit möglichem Zugang zu Starlink-Terminals.
- 2024Abschaltung für die Huthi
Während der US-Luftkampagne im Jemen bittet die Regierung um Identifikation und Abschaltung; ein Teil der Geräte wird deaktiviert.
- Juni 2025Iran nach US-israelischen Angriffen
Die Trump-Administration erörtert mit Musk, Terminals in den Iran zu bringen und zu aktivieren.
- Februar 2026Tausende Terminals
Nach neuen Angriffen folgen weitere Gespräche; das Wall Street Journal berichtet von Tausenden ins Land geschickten Geräten.
- 14. Oktober 2026Drosselung in der Ukraine
Ukrainische Einheiten melden nur noch rund 160 Kilometer pro Stunde.
Im Iran aufschalten, in der Ukraine drosseln
Unter Donald Trump kehrte sich das Vorzeichen in der Ukraine um. Nach den US-israelischen Angriffen auf den Iran im Juni 2025 und erneut im Februar 2026 erörterte die Regierung mit Musk, Terminals in den Iran zu bringen und für regierungsfeindliche Protestierende zu aktivieren. Offiziell bestätigt wurde das nie.
In der Ukraine verlangte Washington dagegen eine Drosselung, um Druck auf Wolodymyr Selenskyj aufzubauen. Seit dem 14. Oktober verlieren ukrainische Drohnen ab Tempo 160 die Starshield-Verbindung. Die Drosselung begann wenige Tage, nachdem Trump und Musk Selenskyj für Angriffe auf russische Raffinerien kritisiert hatten.
Musk schiebt die Verantwortung zur Regierung
Musk wies die Verantwortung am Freitag von sich und verwies auf die Eigentumsverhältnisse. Vizepräsident JD Vance nannte es „völlig verständlich“, dass Musk nicht in einen Krieg wolle, ohne dass die Regierung ihn wirksam anleite. Verteidigungsminister Pete Hegseth verwies auf Nutzungsbedingungen, deren Einhaltung Sache von Starlink sei.
„Starshield-Systeme sind Eigentum der US-Regierung und werden von ihr kontrolliert. Jede Begrenzung von Geschwindigkeit oder Nutzung entscheiden das US-Militär und letztlich der Präsident der Vereinigten Staaten.“
An der Front fehlt eine Alternative
Starshield-Empfänger sind weitgehend unempfindlich gegen Funkstörungen und dienen der ukrainischen Armee als Bordsteuerung für Drohnen – auch tief hinter den russischen Linien. Das Netz umfasst rund 10.000 Satelliten; für die Kommunikation an der Front gibt es nach ukrainischer Darstellung keine gleichwertige Alternative. Europäische Regierungen fordern deshalb eigenen militärischen Satellitenfunk.
Die ukrainische Botschaft in Washington nannte als vorrangiges Ziel, den Dienst „so schnell wie möglich“ wieder auf normale Geschwindigkeit zu bringen, „denn das Leben unserer Leute hängt davon ab“ – so Sprecherin Halyna Yusypiuk. Am Samstag meldete Kiew über 400 Kilometer pro Stunde bei stabiler Verbindung, Verteidigungsminister Jewhenij Chmara wertete das als Ergebnis des direkten Dialogs mit Selenskyj.
„Nicht gewählte Milliardäre und private Konzerne sollten nicht entscheiden, was im Interesse der nationalen Sicherheit Amerikas liegt.“
Der Branchenberater Armand Musey sagte, Musk solle „eigentlich ein Wirtschaftsmanager mit Regierungsverträgen“ sein, treffe aber „im Wesentlichen enorme außenpolitische Entscheidungen“. Trump erklärte am Freitag, er habe nicht mit Musk über den Ukraine-Zugang gesprochen: „Vielleicht muss ich es, aber bisher nicht.“ Fällt die Drosselung erneut, steht die Frage nach dem Urheber sofort wieder im Raum.
