Berlin zählt 585 Schusswaffendelikte – mehr als im Vorjahr
In Berlin hat die Polizei im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 585 Delikte mit Schusswaffengebrauch erfasst, mehr als im Vorjahreszeitraum. Hinter vielen Taten steht nach Erkenntnissen von Polizei und Justiz die Gruppierung Daltons aus dem türkisch-kurdischen Milieu; ihr mutmaßlicher Chef wird in Russland vermutet, das ihn nicht an die Türkei ausliefert.
Am frühen Samstagmorgen ist in Charlottenburg-Wilmersdorf mehrfach auf die Fensterfront einer Bar geschossen worden. Verletzt wurde niemand. Für die Ermittler ist das kein Ausreißer: Ladenbesitzer aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis sollen Schutzgeld von 100.000 bis 250.000 Euro zahlen – wer sich weigert, bekommt Schüsse auf das Geschäft oder einen Brandanschlag.
Berlins Polizei zählte im ersten Halbjahr 2026 insgesamt 585 Delikte mit Schusswaffengebrauch, im Vorjahreszeitraum waren es 561. Die Berliner Zahlen zum Schusswaffengebrauch teilen sich in 324 Bedrohungen und 261 Schussabgaben; 65 Mal wurde mit einer scharfen Waffe geschossen, in 62 Fällen geht die Polizei von einer Straftat aus. 118 Menschen wurden als Geschädigte erfasst, zwei von ihnen starben.
Die Spur führt zu den Daltons
Hinter vielen Taten steht nach Erkenntnissen von Polizei und Justiz die Gruppierung Daltons aus dem türkisch-kurdischen Milieu, die als Teil der Gen-Z-Mafia gilt und ihre Gewalt in sozialen Netzwerken inszeniert. Die Recherche zur Blutspur der türkisch-kurdischen Gen-Z-Mafia zeichnet die Spur bis nach Russland nach. Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) beschreibt die Arbeitsteilung so:
„Bei diesen Schutzgelderpressungen stellen wir fest, dass es eine Gruppierung namens „Daltons“ gibt, die aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis stammt. Es gibt die Hintermänner, die meist im Ausland sitzen. Und dann gibt es Leute, die hier vor Ort, hier in Berlin, die Taten ausführen.“
Felor Badenberg, Berliner Justizsenatorin (CDU)
Genau diese Aufteilung macht die Ermittlungen zäh: Die Hintermänner sitzen im Ausland, die Ausführenden vor Ort sind oft jung und austauschbar. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel sagte, es werde in verschiedenen europäischen Staaten agiert und auch aus dem nicht-europäischen Ausland heraus gesteuert und rekrutiert.
Der Chef sitzt in Russland
Der mutmaßliche Daltons-Chef Berat Can Gökdemir, 29, hält sich in Russland auf; dort war er 2024 festgenommen worden. Die Türkei wirft ihm Mord und Anstiftung vor und fordert seine Auslieferung, Russland liefert ihn nicht aus.
Die Gewalt reicht längst über Berlin hinaus: Im März 2024 wurde ein 44-Jähriger am Checkpoint Charlie erschossen, italienische Ermittlungsakten bezeichnen Barış B. als Auftraggeber des Mordes. Im Mai 2024 nahm die italienische Polizei Barış B. fest; die Vorwürfe lauten Mord sowie Drogen- und Waffenhandel.
Von den Haftbefehlen in der Türkei bis zu den Schüssen in Berlin
2021
Haftbefehle gegen die Führung
Die türkische Justiz erlässt Haftbefehle gegen die Führungsriege der Daltons, viele Mitglieder fliehen nach Europa.
März 2024
Mord am Checkpoint Charlie
Ein 44-Jähriger wird in Berlin erschossen; italienische Ermittlungsakten nennen Barış B. als Auftraggeber.
November 2025
Ferrum und Telum starten
Die Berliner Polizei gründet die Sondereinheit Ferrum, die Staatsanwaltschaft richtet die Ermittlungsgruppe Telum ein.
April 2026
Europol-Taskforce Grimm
Die länderübergreifende Taskforce nimmt die Arbeit auf, seitdem gibt es rund 300 Festnahmen.
14. Oktober 2026
Festnahmen in Nürtingen
Zwei mutmaßliche Daltons-Mitglieder werden nach einem Brandanschlag auf eine Starlink-Station in Polen festgenommen.
24. Oktober 2026
Schüsse auf eine Bar
In Charlottenburg-Wilmersdorf wird mehrfach auf die Fensterfront einer Bar geschossen, niemand wird verletzt.
Schutzgeld und Aufträge für Minderjährige
Die Opfer sind häufig Ladenbesitzer aus dem türkisch-kurdischen Kulturkreis. Die Forderungen liegen bei 100.000 bis 250.000 Euro, begleitet von Schüssen auf Geschäfte und Brandanschlägen. Mitte Oktober 2026 nahmen Ermittler zwei mutmaßliche Daltons-Mitglieder in Nürtingen fest, die eine Starlink-Station in Polen angezündet haben sollen.
Ermittler beschreiben das Modell als Crime as a Service: Kriminelle Netzwerke werben auch Minderjährige für Aufträge an. Die im April 2026 eingerichtete Europol-Taskforce Grimm verzeichnet seitdem rund 300 Festnahmen.
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Berlin rüstet auf
In Berlin haben Polizei und Justiz nachgerüstet: Im November 2025 gründete die Polizei die Sondereinheit Ferrum gegen Schusswaffengewalt im Milieu, die Staatsanwaltschaft richtete die Ermittlungsgruppe Telum ein. Ende September 2026 waren bei Telum 258 Verfahren in Bearbeitung, 19 Anklagen oder Strafbefehlsanträge gestellt und 61 Haftbefehle vollstreckt. Justizsenatorin Badenberg will den Tätern ihre Spielzeuge wegnehmen.
Sinan Selen, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, sieht „zunehmend auch Strukturen der Organisierten Kriminalität“ am Werk: Kombiniert und koordiniert würden „das gesamte Instrumentarium an Angriffsmitteln und Akteuren“. Offen bleibt, ob die Türkei ihre Auslieferungsforderung gegen Gökdemir durchsetzt – und wie die Ermittler die Hintermänner ohne ihn fassen wollen.