Jools Oliver spricht mit 51 erstmals über ADHS und Autismus
Mit 51 spricht Jools Oliver erstmals über ihre ADHS- und Autismus-Diagnose – und widerspricht dem Bild der „Superkraft“: Die späte Erkenntnis erkläre ihr Leben, entlaste sie aber nicht.
45 Jahre lang hat Jools Oliver (51) geglaubt, mit ihr stimme etwas anderes nicht. Jetzt kennt sie die Antwort – und sagt, es habe „45 Jahre meines Lebens“ ruiniert, weil sie dachte, es sei etwas anderes. Ausgelöst hat das die vierte Folge von „Lessons From Our Mothers“ (die Folge mit Jools Oliver) vom 25. Oktober 2026; der Independent über die verspätete Diagnose schrieb vom „ruinierten“ halben Leben.
Ein Bekenntnis gegen den Superkraft-Mythos
In dem Gespräch mit den Moderatorinnen Cressida Bonas und Isabella Branson spricht die frühere Model und Modedesignerin erstmals öffentlich über zwei Diagnosen aus dem Erwachsenenalter. Die ADHS-Diagnose erhielt sie nach eigener Darstellung „vor etwa vier Jahren“, also mit rund 47 Jahren. Bei mehreren ihrer Kinder wurde Autismus diagnostiziert; in der Familie gehören dazu auch Legasthenie und ADHS – wie auch Annika Lau über die ADHS-Diagnose ihres Sohnes spricht.
Den Autismusverdacht entwickelte sie über die Kinder: „Aber wir haben herausgefunden, dass die Kinder Autismus haben. Da dachte ich: Mein Gott, das klingt nach mir. Also bin ich dem nachgegangen, und ich habe das auch“, sagte sie. Mit dieser Deutung stellt sie sich gegen den Ton der Neurodiversitätsdebatte, in der ADHS und Autismus oft als Bereicherung und „Superkraft“ gerahmt werden: Die Diagnosen erklären ihre Schwierigkeiten, nehmen ihr aber nicht den Leidensdruck.
„Ich glaube, es ist tatsächlich ruiniert – ich bin 51, und bisher waren es 45 Jahre meines Lebens, in denen ich dachte, es sei etwas anderes. Es ist keine Superkraft, es ist einfach nur Kraftraub, und es ist wirklich harte Arbeit.“
Jools Oliver, Modedesignerin und Ehefrau von Jamie Oliver
Die Tabletten bleiben im Schrank
Für das ADHS bekam sie Medikamente verschrieben – nimmt sie aber bis heute nicht. „Ich habe die Medikamente, aber ich will sie nicht nehmen, weil ich Angst habe – wegen meiner Gesundheitsangst –, dass etwas passieren könnte; das ist ein andauernder Zustand“, sagte sie. Ihre Hypochondrie beschreibt sie selbst als ständigen Begleiter.
Ihren Alltag schildert sie als Dauerzustand hoher Reizempfindlichkeit: „Ich werde bei einfachen Dingen dramatisch und kann emotional ziemlich schwanken. Und die Empathie ist manchmal schmerzhaft.“ Ob ADHS, Autismus oder Wechseljahre dahintersteckt, kann sie selbst nicht trennen – „wenn man neurodivers ist, sind die Wechseljahre ein doppelter Albtraum“.
Das Outing kam per Geburtstagseinladung
Öffentlich gemacht hat sie die Diagnosen nicht in einem Interview, sondern über einen privaten Anlass: Für ihre Feier zum 50. Geburtstag 2025 schrieb sie Freunden und Familie, sie wolle sich „outen“. Ihrem Mann kündigte sie an: „Jamie, ich werde allen erzählen, dass ich nicht normal bin, weil ich so eine tolle Show abziehe, als wäre ich total gesellig. In Wirklichkeit ist es wie mein schlimmster Abend.“
Die Reaktion war nicht durchweg freundlich: „Viele Leute sind nicht gekommen und waren abgeschreckt“, sagte sie. Jamie Oliver (51), mit dem sie seit 2000 verheiratet ist und fünf Kinder großzieht, hatte die Lage 2025 in Davina McCalls Podcast „Begin Again“ schon angedeutet – seine Frau habe „Neurodiversitäten, die ihr Leben wirklich interessant und wirklich herausfordernd machen“.
Späte Diagnosen treffen viele Frauen
Der Fall trifft einen Nerv, weil späte Diagnosen bei Frauen kein Ausnahmefall sind. Eine 2023 veröffentlichte Studie unter 2.600 Frauen mit ADHS ergab, dass 43 Prozent die erste Diagnose im Alter zwischen 41 und 50 Jahren erhielten. Für England schätzten die NHS 2025, dass knapp 2,5 Millionen Menschen ADHS haben, auch undiagnostizierte.
Autisten in England ohne offizielle Diagnose
Anteil ohne Diagnose nach Altersgruppe
Quelle: King's College London
Eine Auswertung des King's College London ergab, dass 91,45 Prozent der autistischen Männer und 79,48 Prozent der autistischen Frauen im Alter von 40 bis 59 Jahren ohne offizielle Diagnose leben; bei den über 60-Jährigen liegt die Quote bei über 96 Prozent. Fachleute erklären die späte Erkennung damit, dass Mädchen und Frauen eher unauffällige, nach innen gerichtete Symptome zeigen und ihre Schwierigkeiten jahrelang verbergen.
Gewonnen hat Oliver nach eigener Darstellung vor allem für ihre Kinder: „Es gibt so eine Verbindung im Verstehen mit denen, die Autismus haben, weil ich sagen kann: Ja, ich verstehe dich. Ich hab's.“ Jamie Oliver beschrieb das Familienleben als „vier neurodiverse Menschen am Esstisch, die versuchen, ihren Standpunkt klarzumachen“. Ob sie ihre ADHS-Tabletten doch noch nimmt, ist offen – bislang nimmt sie sie nicht.