Axel Börsch-Supan will die Mütterrente abschaffen, falls Kindererziehungszeiten nicht mehr für die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren zählen. Den Kompromiss der Union nennt der Ökonom „verlogen und fehlerhaft“ – bei Frauen machen Erziehungszeiten knapp vier Jahre ihrer Wartezeit aus.
Axel Börsch-Supan will die Mütterrente abschaffen, falls Kindererziehungszeiten nicht mehr für die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren zählen. Wer Mütter aus der Wartezeit herausrechne, dürfe ihnen nicht zugleich die Leistung lassen, argumentiert der Ökonom – und greift damit einen Kompromiss der Union frontal an.
Anlass ist ein Vorschlag aus der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, über den die „Bild“ am 20. Oktober berichtete: Die Frührente nach 45 Jahren bleibt, Erziehungs-, Pflege-, Krankengeld-, Arbeitslosigkeits- und Ausbildungszeiten sollen aber nicht oder weniger zählen. Fraktionssprecher Marc Biadacz (CDU) nannte das „Spekulation“; der CDU-Abgeordnete Pascal Reddig kritisierte den Vorstoß.
„Börsch-Supan sagt im Interview mit der WirtschaftsWoche: „Dann muss man auch die Mütterrente abschaffen.““
Axel Börsch-Supan, Ökonom und Direktor des MEA
Fast vier Jahre Erziehungszeit
Im Interview mit der WirtschaftsWoche zur Rentenreform rechnet Börsch-Supan vor: Männer mit abschlagsfreier Frührente haben im Schnitt 38,1 Jahre sozialversicherungspflichtig gearbeitet, Frauen 33,6 Jahre. Bei Frauen machen Kindererziehungszeiten 8,5 Prozent der Wartezeit aus – knapp vier Jahre. Bei Männern sind solche Zeiten praktisch inexistent.
„Das Klischee vom Dachdecker und der Krankenschwester, die 45 Jahre in einem besonders anstrengenden Beruf ihre Gesundheit verschlissen haben und deshalb früher ohne Abschläge in Rente gehen dürfen, ist falsch.“
Axel Börsch-Supan, Ökonom und Direktor des MEA
Den Kompromiss nennt Börsch-Supan „verlogen und fehlerhaft“. Und er liefert die politische Formel gleich mit: „Es tut uns leid, es war gut gemeint, aber hat seinen Zweck nicht erfüllt. Jetzt schaffen wir sie ab.“ Wer Erziehungszeiten aus der Wartezeit nehme, müsse auch die Leistung streichen – nicht nur ihre Berechnung ändern.
Die Mütterrente III ist beschlossen
Die Leistung, die Börsch-Supan streichen will, ist längst beschlossen. Der Bundestag verabschiedete die Mütterrente III am 5. Dezember 2025 mit 318 Ja-, 225 Nein-Stimmen und 53 Enthaltungen, der Bundesrat billigte sie am 19. Dezember 2025.
Zum 1. Januar 2027 werden 36 statt 30 Monate Erziehungszeit für vor 1992 geborene Kinder anerkannt, ausgezahlt wird das Geld aber erst 2028. Der Bund finanziert die Ausweitung mit rund fünf Milliarden Euro pro Jahr aus Steuermitteln. Börsch-Supan will diese Leistung komplett streichen, nicht nur ihre Ausweitung stoppen.
Von der Mütterrente I zur Abschaffungsforderung
2014
Mütterrente I
24 Monate Erziehungszeit werden für vor 1992 geborene Kinder anerkannt.
2019
Mütterrente II
Ausweitung auf bis zu 30 Monate.
6. August 2025
Arbeitgeber und ifo-Chef fordern Verzicht
Rainer Dulger und Clemens Fuest verlangen, die Ausweitung zu streichen; CSU und SPD weisen das zurück, Söder verweist auf die Lebensleistung von Frauen.
5. Dezember 2025
Bundestag beschließt Mütterrente III
318 Ja-, 225 Nein-Stimmen, 53 Enthaltungen.
20. Oktober 2026
Unionskompromiss wird bekannt
Die „Bild“ berichtet, Erziehungs- und Pflegezeiten sollen nicht mehr für die 45 Jahre zählen; Biadacz nennt das Spekulation.
24. Oktober 2026
Bofinger bringt Kürzung ins Spiel
Der Ökonom schlägt vor, zur Rettung der Rente mit 63 „zum Beispiel die Mütterrente“ zu kürzen.
27. Oktober 2026
Börsch-Supan fordert das Ende
Ohne Erziehungszeiten in der Wartezeit müsse auch die Mütterrente abgeschafft werden.
Bofinger hatte dieselbe Sparidee
Börsch-Supan ist nicht allein. Der Ökonom Peter Bofinger, Mitglied der Alterssicherungskommission, legte am 24. Oktober seine Idee zur Rettung der Rente mit 63 vor: Bleibe die Frührente, müsse man „zum Beispiel die Mütterrente" kürzen – deren Ausweitung koste fünf Milliarden im Jahr.
Widerstand kommt von den Verbänden. Heide Mertens, Sozialwissenschaftlerin beim Deutschen Frauenrat, sagt, die Debatte „zeuge von Ignoranz gegenüber dem Wert dieser unverzichtbaren Arbeit und der höheren Armutsbetroffenheit unter Rentnerinnen“. Der Sozialverband VdK bezeichnete den Vorschlag als „sozialpolitischen Skandal ersten Ranges“.
Entschieden wird erst 2027
Entschieden ist nichts. Auskünfte zu den Details der Umsetzung verweigerte das Arbeitsministerium am 26. Oktober; seit dem 14. Oktober führt Alexander Schweitzer (SPD) das Haus, nachdem Bärbel Bas am 12. Oktober zurückgetreten war – die stockende Rentenreform gilt als zentraler Kritikpunkt.
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Kanzler Friedrich Merz will den Kabinettsbeschluss bis Jahresende, der Bundestag soll im ersten Quartal 2027 folgen. Verhandelt wird über 46 oder 47 Beitragsjahre statt 45. Offen bleibt, ob die Union Erziehungszeiten am Ende doch aus der 45-Jahre-Regel nimmt – und ob die Mütterrente III dann noch zu halten ist.