Ein Mitgründer der AfD hat Björn Höcke 2017 in internen Mails eine „Persönlichkeitsstörung“ und eine „Wahnvorstellung“ unterstellt. Die Schreiben an mehrere Vorstandskollegen wurden am Mittwoch öffentlich.
Albrecht Glaser, Mitgründer der Partei und früheres Mitglied des Bundesvorstands, nannte Höckes Anspruch auf Führung in der AfD „absurd“ und „vielleicht pathologisch“. Der Thüringer Landeschef leide unter „narzisstischer Selbstüberschätzung“, schrieb Glaser an seine Kollegen.
Die Sätze fielen in einer Phase, in der die AfD offen um ihre Richtung rang. Sie dokumentieren, wie grundsätzlich Funktionsträger intern über Höcke stritten – und wie wenig davon nach außen drang.
Glaser nennt Höckes Anspruch „absurd“
Glaser schrieb die Mails an Vorstandskollegen, nicht an die Öffentlichkeit. Darin heißt es, Höckes Führungsanspruch sei „absurd“; der Autor hielt ihn „vielleicht“ für „pathologisch“ und warf ihm eine „Persönlichkeitsstörung“ sowie eine „Wahnvorstellung“ vor.
Glaser schrieb aus der Mitte der Führung: Er gehörte 2017 dem Bundesvorstand an. Seine Mails sind keine Randnotiz, sondern fallen in eine Phase, in der die Partei über den Umgang mit dem Thüringer Landesverband stritt.
Aus demselben Datenbestand ist bereits ausgewertet, wie sehr führende AfD-Politiker ihre Haltung zu Höcke änderten. Weidels frühere Höcke-Kritik und späterer Kurswechsel dokumentiert diesen Wandel.
Ein Mitgründer warnte selbst vor dem Leak
Glaser war in dieser Sache auch Warner. Im Juli 2017 schrieb er an Alice Weidel, Jörg Meuthen, Frauke Petry und André Poggenburg und warnte eindringlich vor den Folgen, falls interne Schriftwechsel nach außen gelangen sollten.
Wenige Monate zuvor hatte Dirk Driesang, Mitglied des Bundesvorstands, intern Alarm geschlagen: Die AfD stehe kurz davor, eine „Höcke-Partei“ zu werden. Gauland und Meuthen wiesen ihn scharf zurecht. Die Auswertung der AfD-Leaks zum Innenleben der Partei zeichnet diese Debatte nach.
Neun Jahre später ist eingetreten, wovor Glaser warnte. Diesmal sind die Mails durch einen Angriff von außen nach draußen gelangt.
421.000 Mails aus zehn Postfächern
Der Datenbestand umfasst nach bisherigem Stand rund 421.000 E-Mails aus zehn Postfächern und insgesamt rund 617.000 Dateien, darunter ein Konto Alexander Gaulands. Erbeutet wurden sie über den parteinahen Dienstleister Alternita; der WELT-Bericht über Glasers Höcke-Mails stützt sich auf diese Daten.
Im September 2026 griffen Hacker den Hosting-Dienstleister der AfD an; mehrere ältere Postfächer der Partei wurden abgeschaltet. Am 19. Oktober ging die erste Website mit KI-Kurzfassungen der angeblichen Mails online, einen Tag später bestätigte die AfD den Angriff und nannte ihn illegal.
Rechtlich ist die Sache geklärt: Das Bundesverfassungsgericht hatte 2022 klargestellt, dass Journalisten mit geleakten Daten arbeiten dürfen.
Von der Warnung zum Leak
- Februar 2017Driesang warnt vor einer „Höcke-Partei“
Das Bundesvorstandsmitglied Dirk Driesang schlägt intern Alarm. Gauland und Meuthen weisen ihn scharf zurecht.
- 2017Glaser rechnet mit Höcke ab
In einer Reihe von Mails an Vorstandskollegen unterstellt Glaser Höcke eine „Persönlichkeitsstörung“ und eine „Wahnvorstellung“.
- Juli 2017Glaser warnt vor einem Leak
Er schreibt an Weidel, Meuthen, Petry und Poggenburg und warnt eindringlich vor den Folgen eines Datenabflusses.
- September 2026Hacker greifen den Dienstleister an
Getroffen wird das parteieigene Unternehmen Alternita, mehrere ältere Postfächer werden abgeschaltet.
- 19. Oktober 2026Erste Website mit KI-Kurzfassungen
Die Rohdaten liegen auf einem separaten Download-Server.
- 20. Oktober 2026Die AfD bestätigt den Angriff
Die Partei nennt ihn illegal und kündigt eine Prüfung an. Rund 421.000 Mails sollen veröffentlicht sein.
- 28. Oktober 2026Glasers Mails werden öffentlich
Der WELT-Bericht macht die internen Attacken gegen Höcke bekannt.
Die AfD schweigt zur Echtheit
Auf Fragen zur Echtheit der geleakten Inhalte antwortet die Partei nicht. Zur Veröffentlichung selbst äußert sie sich dagegen – mit Spott.
Einer der Absender äußert sich indirekt. Albrecht Glaser bestreitet den Wortlaut seiner Mails nicht.
„Was den Sprachstil und die Tonalität angeht, kann ich nicht bestreiten, dass sich dies liest, als wäre es von mir …“
Die Parteispitze spielt den Vorgang herunter. Bundesschatzmeister Hannes Gnauck schrieb: „Dann brauchen irgendwelche Leute gefühlt zwei Wochen, um ein paar Gigabyte unwichtiges Zeug … herunterzuladen. Das ist der große Wurf, ja?“
Was die Partei bis heute offenlässt
Offen ist, ob die AfD die Echtheit der Glaser-Mails bestätigt und ob sie rechtlich gegen die Veröffentlichung vorgeht. Sie hat angekündigt, den Angriff zu prüfen; Ergebnisse nennt sie bislang nicht.
Eine öffentliche Reaktion auf Glasers Einschätzung ist bislang nicht bekannt. Die Partei hat weder dementiert noch bestätigt, dass ihr Mitgründer so über ihren Thüringer Landeschef schrieb.
