Frankreich zählt nach Protesten 2.025 Brandstiftungen
Micky Beisenherz greift in einer stern-Kolumne das Verständnis für die Gewalt bei den französischen Protesten an und vergleicht sie mit den Corona-Demonstrationen. Für den 31. Oktober drohen neue Ausschreitungen in Frankreich und Proteste in 23 deutschen Städten.
Ein einziges Foto mit Reichskriegsflagge reichte, um eine ganze Corona-Demonstration zu verurteilen. Bei brennenden Rathäusern in Frankreich soll plötzlich Milde gelten – dagegen schreibt Micky Beisenherz an.
Am 28. Oktober erschien um 18:37 Uhr bei stern.de seine Kolumne Beisenherz' Kolumne über Protest und blinde Gewalt. Darin rechnet er mit dem Verständnis für die Gewalt ab, die seit Wochen französische Städte erschüttert.
Was als Unmutsäußerung von Schülern begann, sei zu Bildern eskaliert, die er mit einem Hieronymus-Bosch-Gemälde vergleicht: fassungslose Ladenbesitzer, zerstörte Fassaden, ein brennendes Rathaus in Limoges. An „Fridays for Future“ habe wenig erinnert.
Zwei Protesttage, zwei Bilanzen
Am 17. Oktober kippte ein landesweiter Protesttag in schwere Gewalt: Das Rathaus von Limoges brannte, das Rathaus von Marseille wurde gestürmt, in Bordeaux drangen Demonstranten in die Residenz des Präfekten ein.
Das Innenministerium zählte danach 2.025 Brandstiftungen, 1.522 geplünderte Läden und 1.144 verletzte Beamte. Präsident Emmanuel Macron sprach am 19. Oktober von Defiziten bei Antizipation und Lageeinschätzung und warf ultralinken Gruppen einen Umsturzversuch vor. Am Macrons Kurs nach dem Gewaltprotesttag hielt er fest: Innenminister Laurent Nuñez bleibt im Amt und nannte die Ereignisse völlig inakzeptabel.
Beim zweiten Protesttag am 24. Oktober fuhr die Regierung 70.000 Sicherheitskräfte auf. Das Ministerium zählte 410.000 Teilnehmer, die Gewerkschaft CGT rund 800.000. Bis zum Abend wurden fast 1.000 Menschen festgenommen, in Paris, Lyon, Bordeaux und Marseille kamen Tränengas und Wasserwerfer zum Einsatz.
Verletzte Polizeikräfte und Plünderungen an den beiden Protesttagen
Bilanzen des französischen Innenministeriums nach dem 17. und dem 24. Oktober
Quelle: Französisches Innenministerium
Die Bilanz vom 25. Oktober: 1.314 Festnahmen, 53 verletzte Polizeikräfte, 75 versuchte Brandstiftungen, 24 Plünderungen, wie der Bericht über 1.300 Festnahmen nach Gewalt festhält. In Clermont-Ferrand und Toulouse wurden zwei Menschen schwer verletzt. Einen Tag später galten in mehreren Städten Ausgangssperren.
Der Maßstab, den er vermisst
Beisenherz misst die Gegenwart an den Corona-Demonstrationen. Dort habe eine Handvoll Teilnehmer mit Reichskriegsflagge genügt, um einen ganzen Protest zu diskreditieren. Warum dieser Maßstab nicht mehr gilt, wenn Jugendliche Rathäuser anzünden, ist seine Frage.
Seine Antwort steht als Satz in der Kolumne: „Entweder ich bin gegen Gewalt oder ich bin nicht.“ Zuvor hatte er den Beobachtern vorgehalten, die totale Eskalation in Paris mit erstaunlicher Milde zu betrachten – als Motto taugt ihm der Dreiklang „Free Education! Free Palestine! Free Gucci Bags!“.
Selbst klügere Linke, so sein Befund, hätten nur ein Argument: Die Jungen seien wütend, verzweifelt und ohne Gewalt nicht hörbar. Auch die Einordnung der Proteste als Vorbild löste bereits Widerspruch aus.
Als Kronzeugen führt er den Comedian Felix Lobrecht an. Der habe im Podcast „Gemischtes Hack“ beobachtet, dass eine vergleichbare Eskalation bei einer rechten Demonstration kaum so viel Toleranz erfahren hätte – wofür ihn manche im Netz zum Rechtsextremen erklärten.
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Deutsche Konsequenzen
In Deutschland bereiten sich die Sicherheitsbehörden auf den 31. Oktober vor. Die Initiative „Gen Z regelt“ ruft zu Protesten in 23 Städten auf. Mit Blick auf die Lage in Frankreich sagt der Innenexperte der Unionsfraktion, Alexander Throm:
„Solche Zustände wie in Frankreich müssen unter allen Umständen verhindert werden.“
Alexander Throm, Innenexperte der Unionsfraktion
Damit ist die Erwartung an den 31. Oktober formuliert: Was in Limoges und Marseille geschah, soll sich in deutschen Städten nicht wiederholen. Ob Beisenherz' Maßstab dabei hilft, hängt an einer Frage, die er selbst stellt – ob Gewalt als Mittel der Jugendproteste gilt oder nicht.
Was der 31. Oktober bringt
In Frankreich haben die Gelbwesten einen „3. Akt“ angekündigt – mit Kundgebungen vor der Nationalversammlung und vor allen Rathäusern.
Der Samstag entscheidet, ob die Milde hält. Die Gelbwesten wollen vor allen Rathäusern aufmarschieren, in Deutschland sollen in 23 Städten Menschen auf die Straße gehen. Beisenherz hat seinen Maßstab öffentlich gemacht – jetzt müssen die Behörden zeigen, ob sie ihn anwenden.