2.397 Festnahmen, 997 verletzte Polizisten und Gendarmen, sieben davon schwer: Das ist die Bilanz der Gewaltnacht mit 2.397 Festnahmen, die das Innenministerium am Sonntagabend nach dem Protesttag vom 17. Oktober vorlegte. In Paris starb ein Demonstrant an einem Herz-Kreislauf-Stillstand.
Am selben Abend wandte sich Emmanuel Macron mit einer Fernsehansprache an die Nation. Der Präsident verurteilte die Ausschreitungen, trennte friedliche Demonstranten mit legitimen Forderungen von Randalierern und kündigte an, die Verantwortlichen zahlen zu lassen. Die Ansprache folgte auf die Ausschreitungen, bei denen unter anderem das Rathaus von Limoges in Brand gesetzt wurde.
Der Ton der Ansprache war der eines Präsidenten, der die Kontrolle zurückholen will. „Wir alle empfinden heute Abend Wut und Scham“, sagte Macron. Für die Gewalt fand er klare Worte: Nichts rechtfertige sie, nichts erkläre sie, nichts entschuldige sie.
Von den Gymnasien zur Gewaltwelle
- 30. September 2026Protestwelle beginnt an Gymnasien
Im Großraum Paris demonstrieren Schüler gegen Lehrermangel, Unterrichtsausfall und marode Schulgebäude. Die Bewegung weitet sich landesweit aus.
- Anfang Oktober 2026Macron mahnt Zurückhaltung an
Der Präsident fordert die Polizei zu Zurückhaltung bei friedlichen Schülerdemonstrationen auf. Innenminister Nuñez setzt Schockgranaten aus.
- 17. Oktober 2026Landesweiter Protesttag eskaliert
550.000 Teilnehmer zählt die Regierung, 800.000 die Organisatoren. In Limoges brennt das Rathaus, in Paris stirbt ein Demonstrant an einem Herzstillstand.
- 18. Oktober 2026Neue Ausschreitungen, Macron spricht im Fernsehen
Am Place de la République kommt es erneut zu Ausschreitungen, in Mulhouse verliert eine 17-Jährige ein Auge. Am Abend verurteilt Macron die Gewalt und kündigt Untersuchungen an.
- 19. Oktober 2026Macron lehnt Nuñez' Rücktritt ab
Der Élysée teilt mit, der Präsident habe das Rücktrittsangebot des Innenministers zurückgewiesen und ihn mit neuen Konzepten gegen Plünderer beauftragt.
- 5. November 2026Neue Proteste angekündigt
Aktivisten rufen zu neuen Protesten und einem branchenübergreifenden Arbeitskampf auf.
Kein Ausnahmezustand, aber Verbote
Macron kündigte die volle Härte des Gesetzes an, eine Schadensersatzpflicht für Plünderer und eine Überprüfung der Polizeieinsätze. „Es wird volle Transparenz geben“, sagte er. Einen Ausnahmezustand rief der Präsident nicht aus.
Stattdessen sollen Präfekten und Bürgermeister künftig bestimmte Versammlungen verbieten dürfen. Zudem will Macron Schüler, Lehrer, Gewerkschaften, Parlamentarier und Arbeitgeber noch in derselben Woche an einen Runden Tisch bringen.
Wer zahlt, ist für Macron die zentrale Frage. An die Adresse der Geschädigten sagte er:
„Wer zerstört hat, muss dafür bezahlen. Wer geplündert hat, muss den Schaden ersetzen. Wer versucht hat, die Republik zu stürzen, wird dafür zur Rechenschaft gezogen.“
Limoges verliert sein Rathaus
In Limoges setzten Randalierer das 143 Jahre alte, denkmalgeschützte Rathaus in Brand; es wurde weitgehend zerstört. Der Präfekt des Département Haute-Vienne, Maurice Barate, sprach von einem großen Verlust. Am Sonntagabend zogen rund 7.000 Menschen zu dem ausgebrannten Gebäude.
Die Ausschreitungen dauerten am Sonntag an, unter anderem am Pariser Place de la République. In Mulhouse verlor eine 17-Jährige ein Auge. Der Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire sagte, ihn hätten Szenen in rasende Wut versetzt – Randalierer, die Geschäfte am Fuße von Wohngebäuden in Brand gesteckt hätten.
Nuñez bietet den Rücktritt an, Macron lehnt ab
Am Montag, 19. Oktober, bot Innenminister Laurent Nuñez seinen Rücktritt an. Der Élysée-Palast bestätigte die Absage an das Rücktrittsangebot des Innenministers und teilte mit, Macron habe Nuñez beauftragt, schnell neue Konzepte gegen Plünderer auszuarbeiten.
Innenminister Nuñez steht für die Polizeistrategie der vergangenen Wochen. Anfang Oktober setzte er Schockgranaten aus, kurz vor dem 17. Oktober kündigte er ihren Wiedereinsatz an – genau die Einsätze, die Macron nun überprüfen lässt.
Mélenchon sieht eine Regierung, die zusieht
Von links kam scharfe Kritik. Jean-Luc Mélenchon, Vorsitzender der Linkspartei La France insoumise, warf der Regierung vor, die Krise der Jugend auszusitzen und die Lage erst eskalieren zu lassen, um dann mit blinder Gewalt zu antworten.
„Wir haben die Wahl zwischen einem Volk und seiner Jugend, die in einer tiefen Krise stecken – moralisch, psychologisch, wirtschaftlich –, und einer Regierung, die immer auf die gleiche Strategie setzt: nämlich zuzuschauen, wie sich die Lage verschlimmert, um dann blinde Gewalt einzusetzen und allen Angst zu machen.“
Die Dimension der Bewegung reicht über eine Polizeifrage hinaus: Zum Protesttag am 17. Oktober zählte die Regierung 550.000 Teilnehmer, die Organisatoren 800.000. Viele von ihnen sind Schüler und Studierende; schon Ende September zählte die Polizei 440 Festnahmen bei den Schülerprotesten, Anfang Oktober 1.949 Festnahmen nach der Gewaltnacht.
Der 5. November steht im Kalender
Die Bewegung ist nicht beendet. Für den 5. November gibt es Aufrufe zu neuen Protesten und einem branchenübergreifenden Arbeitskampf. Ob die neuen Verbotsbefugnisse greifen, hängt davon ab, wie Präfekten und Bürgermeister sie auslegen.
Der Runde Tisch soll noch in dieser Woche zusammenkommen, Nuñez' Vorschläge gegen Plünderer sollen folgen. Am 5. November zeigt sich, ob Macrons Kurs die Wut dämpft – oder ob mehr Menschen auf der Straße stehen als am 17. Oktober.
