AfD-Chefin Alice Weidel hat auf dem „Europapolitischen Abend“ der Rechtsaußen-Fraktion ESN offen gegen das Lager des NRW-Landesvorsitzenden Martin Vincentz Stellung bezogen. Ein am 30. Oktober publik gewordener Videomitschnitt zeigt sie am 20. Oktober im Forum Leverkusen zwischen dem Thüringer Europapolitiker René Aust und dem Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich, der als rechtsextrem gilt.
Vincentz war zu dem Abend nicht eingeladen und erfuhr erst davon, als das Konzept stand. Die rund 150 Teilnehmer der internen Vorabrunde kamen überwiegend aus dem Anti-Vincentz-Lager, moderiert wurde sie von Helferich. Der Bericht des WDR über den Europapolitischen Abend zeigt, dass es inhaltlich kaum um Europa ging. Im Vincentz-Lager gilt der Auftritt als „Affront“.
Sperenzien von halbseidenen Leuten
In ihrer Rede warf Weidel dem Vincentz-Lager vor, Mitgliedsanträge zurückzuhalten, weil Bewerber „vielleicht Alice Weidel toll finden oder den Sven Tritschler ganz gut“. Wer Leute draußen halte, weil sie aus einem bestimmten Kreisverband kämen, verstoße gegen die Ordnung der Partei:
„Die Leute einfach draußen zu halten oder weil es ein bestimmter Kreisverband ist, das verstößt gegen die Ordnung der Partei. Solche Sperenzien von irgendwelchen halbseidenen Leuten, das ist mit mir nicht zu machen.“
Der Vorwurf trifft den Landesvorstand direkt: Er unterstellt der Landesspitze, Mitglieder auszurechnen und dem eigenen Lager fernzuhalten. Wie die Süddeutsche Zeitung in ihrer Analyse beschreibt, stützt Weidel damit das völkische Lager in NRW. Für Vincentz heißt das: Die eigene Bundesvorsitzende arbeitet offen gegen die Landesspitze, die sich ihr im Sommer widersetzt hat.
Der Streit begann in Marl
Auslöser war die Aufstellungsversammlung für die NRW-Landesliste zur Landtagswahl 2027. Am 9. Juli blockierte das Helferich-Lager die Versammlung in Marl mit Massenkandidaturen; der Parteitag ging als „Parteitag der Schande“ in die Parteigeschichte ein. Acht Tage später setzte das Vincentz-Lager die Aufstellung durch, nachdem Weidel und Tino Chrupalla den Abbruch verlangt hatten.
Im Sommer versuchte der Bundesvorstand, die Listenaufstellung zu stoppen. Vincentz und seine Unterstützer erwirkten dagegen eine einstweilige Verfügung gegen den eigenen Bundesvorstand – Vincentz' Brief und die weiter aktive Verfügung. Am 24. September erstattete Helferich in einem Schreiben an den Bundesvorstand Strafanzeige gegen den Bundestagsabgeordneten Knuth Meyer-Soltau wegen falscher eidesstattlicher Versicherung.
Von Marl nach Leverkusen
- 9. Juli 2026Blockade in Marl
Das Helferich-Lager bringt die Aufstellungsversammlung mit Massenkandidaturen zum Stillstand.
- 17. Juli 2026Vincentz setzt die Liste durch
Nach dem Abbruchverlangen von Weidel und Chrupalla setzt das Vincentz-Lager die Aufstellung durch.
- Sommer 2026Einstweilige Verfügung gegen den Bundesvorstand
Vincentz und Unterstützer wehren sich gerichtlich gegen den Versuch, die Listenaufstellung zu stoppen.
- 24. September 2026Strafanzeige gegen Meyer-Soltau
Helferich wirft dem Abgeordneten in einem Schreiben an den Bundesvorstand falsche eidesstattliche Versicherung vor.
- Ende September 2026Ausschlussverfahren gegen Blex
Der Bundesvorstand entzieht dem Landesschatzmeister sofort die Mitgliedsrechte.
- 20. Oktober 2026Weidels Auftritt in Leverkusen
Ohne den nicht eingeladenen Landeschef greift sie das Vincentz-Lager vor rund 150 Funktionären an.
- 30. Oktober 2026Video und Verfahren werden bekannt
Der Mitschnitt der Rede wird publik, zugleich die Ordnungsverfahren gegen Blex und Meyer-Soltau.
Verfahren gegen Blex und Meyer-Soltau
Gegen Landesschatzmeister Christian Blex läuft seit Ende September ein Ausschlussverfahren, seine Mitgliedsrechte sind sofort entzogen. Der Bundesvorstand wirft ihm vor, in Marl Delegierte „laut und aggressiv“ eingeschüchtert zu haben. Ende Oktober legte er dem Landesschiedsgericht zusätzlich vor, Blex habe Frauen als „im Schnitt vier Prozent dümmer als Männer“ und Afrikaner als „auf dem Intelligenz-Niveau eines geistig behinderten weißen Menschen“ bezeichnet.
Gegen den Bundestagsabgeordneten Knuth Meyer-Soltau wurde Ende Oktober ein weiteres Ordnungsverfahren eingeleitet. Der Bundesvorstand wirft ihm einen „erheblichen Interessenkonflikt“ um eine unbrauchbare elektronische Zählmaschine beim Parteitag in Marl vor – Schaden rund 30.000 Euro, „Anfangsverdacht einer Untreue“ – sowie eine falsche eidesstattliche Versicherung. Meyer-Soltau bestreitet das und spricht von einer „politisch motivierte[n] Ordnungsmaßnahme“.
„Ich sehe dem gelassen entgegen, ich habe keine falsche Versicherung abgegeben.“
7:5 – und ein Wackelkandidat
Der Landesvorstand steht 7:5 für Vincentz, die Mehrheit ist knapp. Im Vincentz-Lager wird befürchtet, dass der Bundesvorstand als Nächstes ein Verfahren gegen Vize-Landeschef Sascha Lensing einleitet. Dann hätte die bisherige Minderheit um Christian Zaum die Mehrheit im Landesvorstand – der Vorstand wäre pattgestellt und kaum noch handlungsfähig.
Die Fronten sind auch juristisch verhärtet: Am 20. Oktober erstattete die Helferich-nahe Vorstandsminderheit um Christian Zaum Strafanzeige gegen sieben Vorstandsmitglieder um Vincentz bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Offen ist nun, wann das Landesschiedsgericht über Blex entscheidet – und ob der Bundesvorstand tatsächlich auch gegen Lensing ein Verfahren eröffnet.
