Hans Sigl (57) will nicht von einem Bruch sprechen. Wer ihn fragt, wie es ihm mit dem Ende des Kontakts zu seinen Eltern ergangen ist, bekommt eine Korrektur der Frage: kein Zerwürfnis, sondern eine Verabschiedung.
Der Anlass ist ein Gespräch, das der „Stern“ am Freitag, 30. Oktober 2026, veröffentlichte – das Interview über seine Herkunftsfamilie. Darin sagt der Österreicher, der seit 2008 als Dr. Martin Gruber in der ZDF-Reihe „Der Bergdoktor“ vor der Kamera steht: „Ich habe nicht mit ihnen gebrochen, sondern mich von ihnen verabschiedet.“
Der Schritt sei „zu einer Zeit, in der das notwendig war“ erfolgt, sagte Sigl. Eine Rechtfertigung schiebt er nicht hinterher, eine Erklärung schon.
Ein Abschied, der nicht im Zorn endet
Hinter dem Abschied steht eine Erkenntnis über die eigene Herkunft. Sigl beschreibt seine Familie als ein Gefüge, aus dem er herausmusste: „Ich muss meinen Weg anders gehen und aus diesem System aussteigen.“
Das klingt nach Abrechnung, ist aber als Selbstfürsorge gemeint. „Wenn jemandem eine Beziehung nicht guttut, kann und darf man sich davon lösen“, sagt er. „Wichtig ist, nicht im Zorn zu gehen, sondern versöhnt sagen zu können: Das ist nicht gut für dich und nicht gut für mich.“
Reagiere der andere anders, müsse dieser selbst damit umgehen, sagt Sigl. Die Verantwortung für die Folgen liege nach dieser Logik nicht bei dem, der geht. Zugleich betont er, dass ein solcher Schritt nie grundlos geschehe.
Mit zehn zerbrach die Familie, er hielt sie zusammen
Die Distanz hat eine lange Vorgeschichte. Sigl wuchs in Rottenmann in der Steiermark auf. Als er zehn Jahre alt war, trennten sich seine Eltern.
Danach versuchte er über Jahre, den Rest zusammenzuhalten. 2024 schilderte er im Podcast „Hotel Matze“: „Ich wurde sehr kurzfristig damit konfrontiert und habe dann aber nachhaltig und länger versucht, das immer wieder zusammenzuhalten.“ Er habe „ein Bindeglied für alle“ sein wollen. Aufgewachsen ist er zu großen Teilen bei seinen Großeltern.
Mit 30 Jahren zog er den Schlussstrich. Im Rückblick sagt er, er habe sich „mit großer Dankbarkeit und Demut“ von seinen Eltern verabschiedet: „Ich bedanke mich für mein Leben mit euch.“
Vom Bindeglied zum Abschied
- um 1978/79Die Eltern trennen sich
Hans Sigl ist etwa zehn Jahre alt, als die Familie in der Steiermark auseinanderbricht.
- um 1998/99Abschied mit 30
Sigl beendet den Kontakt zu seinen Eltern – nach eigenen Worten nicht im Zorn, sondern versöhnt.
- 2008Neue Familie, neue Rolle
Er heiratet Susanne Sigl, die zwei Söhne mit in die Ehe bringt; im selben Jahr startet „Der Bergdoktor“ im ZDF.
- 2024Erste ausführliche Schilderung
Im Podcast „Hotel Matze“ erzählt er von der Scheidung seiner Eltern, seiner Rolle als Bindeglied und dem Abschied.
- 1. März 2025Der Vater stirbt
Er stirbt in Österreich, rund 25 Jahre nach dem Kontaktabbruch. Die Mutter war einige Jahre zuvor gestorben.
- 30. Oktober 2026Das Interview erscheint
Der „Stern“ veröffentlicht das Gespräch; der Satz von der Verabschiedung wird von vielen Medien aufgegriffen.
Beide Eltern starben vor einer Versöhnung
Sein Vater starb am 1. März 2025 in Österreich – rund 25 Jahre, nachdem der Sohn den Kontakt beendet hatte. Er hatte jahrelang mit Herzproblemen gekämpft, wie aus dem Bericht über den Tod seines Vaters hervorgeht.
Die Mutter war bereits einige Jahre zuvor gestorben; zuletzt hatte Sigl sie vor ihrem Tod noch zwei Mal besucht. An Beerdigungen und Sterbebetten nahm er nach der öffentlichen Darstellung nicht mehr als Angehöriger im engeren Sinne teil. In anderen Familien wird ein solcher Schnitt öffentlich ausgetragen, etwa in Bericht über den Kontaktabbruch.
Trotzdem spricht Sigl ohne Bitterkeit über die beiden – und macht damit den Kern seines Auftritts aus:
„Beide sind inzwischen verstorben, aber wenn ich an sie denke, habe ich ein großes, warmes Gefühl in meinem Herzen.“
Reue über den Abbruch äußert er nicht; er blickt nach eigenen Worten positiv auf Mutter und Vater zurück. Beide starben, bevor es eine Versöhnung geben konnte.
Zu Hause zählt die Frage: Bist du glücklich?
Sein eigenes Familienmodell beschreibt Sigl als Gegenentwurf zur Herkunft. Seit 2008 ist er mit Susanne Sigl verheiratet, einer Fotografin und Musikerin, die zwei Söhne mit in die Ehe brachte. Aus einer früheren Beziehung mit der Schauspielerin Katja Keller hat er einen Sohn, geboren 2002; dazu kommt eine Stieftochter. Alle Kinder sind inzwischen erwachsen.
In der Patchworkfamilie sei ihm wichtig gewesen, dass alle „möglichst viel Freiheit“ haben. Seine wichtigste Frage an die Kinder sei stets gewesen: „Bist du glücklich?“
Dass die erwachsenen Kinder weiterhin gern nach Hause kommen, bedeutet ihm viel. Wenn die Familie im Haus sei, fühle er sich „glücklich und aufgehoben“ – er müsse dabei nicht mittendrin sein: „Es reicht manchmal, wenn ich aus einem anderen Zimmer höre, wie sie sich in der Küche unterhalten.“
Der Vater, der sich selbst grandios nennt
Sigl nutzt das Gespräch auch für eine Bilanz seiner eigenen Vaterrolle. Ob er ein guter, präsenter Vater gewesen sei, beantwortet er zuerst ironisch: „In meiner Welt war ich grandios und sensationell.“
Dann schränkt er ein: „Die anderen werden wahrscheinlich sagen: ‚Du hast viel gearbeitet, manchmal warst du nicht da.‘“ Er habe „ein lustiger, kein strenger, traditioneller Vater“ sein wollen und glaubt, dieses Ziel erreicht zu haben.
Von Eltern fordert er dafür die Bereitschaft, Kritik der Kinder auszuhalten. Er sagt:
„Die Kinder sind nicht dazu da, ihren Eltern zu bestätigen, wie toll sie waren. Man muss auch bereit sein, zu hören, was für sie nicht gut war.“
Berührt zeigte er sich von alten Tonaufnahmen, die er beim Durchsehen fand. Darauf übt er vor rund 15 Jahren mit seinen Söhnen das Lesen. „Plötzlich hört man die kleinen Stimmen dieser mittlerweile erwachsenen Männer. Da wurde viel gelacht“, sagte Sigl.
Sein Appell, „auch an mich selbst“, lautet: „Nicht aufhören, miteinander zu reden. Niemals.“ Ob seine Kinder ihm bestätigen, was er über sich selbst sagt, hat er nicht erzählt. Den Maßstab, an dem er seine Eltern gemessen hat, legt er damit an die eigene Vaterrolle an – die Antwort darauf steht noch aus.
