Rund 8.000 Menschen in Deutschland warten auf ein Spenderorgan. Nur etwa 40 Prozent der Bevölkerung haben festgehalten, ob sie nach ihrem Tod Organe abgeben wollen – bei den Jüngeren ist es nicht einmal jeder Dritte. Am 29. Oktober 2026 hat eine Frau darüber gesprochen, die diese Entscheidung selbst erlebt hat.
Helene Grass (52), Schauspielerin („Wendland“, „Rentnercops“) und Tochter des 2015 gestorbenen Schriftstellers Günter Grass, sprach bei der Pressekonferenz zum Auftakt des 22. Jahreskongresses der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in Frankfurt erstmals öffentlich über den Tod ihres Ehemanns.
Lutz Rademacher, früherer Generalmusikdirektor des Landestheaters Detmold, erlitt im November 2025 einen plötzlichen Herzstillstand. Er wurde reanimiert, doch es war keine Hirntätigkeit mehr messbar. Er starb mit 56 Jahren. Grass beschrieb die Lage ihrer Familie später so:
„Mein Mann war 56, unsere Kinder waren 14 und 17 Jahre alt zu dem Zeitpunkt. Und dieser Tod bleibt sinnlos, aber woanders geht durch sein Geschenk ein Leben weiter. Du gibst jetzt ein großes Geschenk und andere Menschen können weiterleben.“
Ein Ausweis gab der Familie Sicherheit
Rademacher hatte seine Zustimmung zur Organspende mit einem Organspendeausweis dokumentiert. Grass übergab den Ausweis im Krankenhaus, als der Arzt ihr mitteilte, dass keine Hirntätigkeit mehr messbar sei. Damit lag die Entscheidung bei ihm und nicht bei der Familie – diese Klarheit habe der Familie geholfen, sagte Grass.
Sie habe sich vorgestellt, wie irgendwo das Telefon klingelt und jemand die schon lange gepackte Tasche greift, um ins Krankenhaus zu fahren. Der Gedanke, dass ihr Mann anderen Menschen Hoffnung schenken konnte, sei bis heute ein Trost. Auch andere Prominente machen solche Geschichten öffentlich – Henning Krautmachers Update zum Krebskampf seiner Frau etwa.
Vom Herzstillstand zur ersten öffentlichen Rede
- November 2025Herzstillstand ohne messbare Hirntätigkeit
Lutz Rademacher wird reanimiert, doch es ist keine Hirntätigkeit mehr messbar. Er hat einen Organspendeausweis.
- 22. November 2025Das Landestheater Detmold macht den Tod öffentlich
Kulturmedien melden den Verlust des Dirigenten, der das Haus von 2013 bis 2021 als Generalmusikdirektor leitete.
- 29. Oktober 2026Pressekonferenz zum DSO-Kongress in Frankfurt
Grass spricht erstmals öffentlich über den Tod ihres Mannes; die DSO nennt 772 postmortale Spender von Januar bis September 2026.
- 30. Oktober 2026Weitere Medien übernehmen die Berichte
Nach epd und KNA berichten weitere Zeitungen und Portale über den Kongressauftakt und Grass' Appell.
- 31. Oktober 2026Ausführliches Porträt über Helene Grass
Der Merkur veröffentlicht einen Beitrag über die Schauspielerin und ihre Entscheidung im Krankenhaus.
Ein Nein ist besser als keine Antwort
Grass appellierte an die Bevölkerung, die Entscheidung zu Lebzeiten zu dokumentieren, wie der Bericht über ihren Appell zum Organspendeausweis festhält. „Auch ein Nein ist besser als keine Antwort“, sagte sie. Ohne Ausweis lande die Frage im Ernstfall bei Menschen, die gerade einen Verlust verkraften müssen.
Für Januar bis September 2026 nennt die DSO 772 postmortale Spender, ein leichter Anstieg bei weiterhin großer Entscheidungslücke. Der positive Trend aus dem Vorjahr setze sich fort, sagte Axel Rahmel, medizinischer Vorstand der DSO, doch die Zahl bleibe weit hinter dem zurück, was für die rund 8.000 Wartenden nötig wäre. „Wir dürfen nicht die Entscheidung auf die Angehörigen übertragen“, sagte Rahmel.
Deshalb wirbt die DSO für die Einführung der Widerspruchsregelung, über die derzeit politisch erneut diskutiert wird. In Deutschland gilt bisher die Zustimmungsregelung: Ohne dokumentierte Zustimmung entscheiden die Angehörigen. Die Stiftung will den Wechsel – beschlossen ist er nicht.
Rund 800 Fachleute beraten in Frankfurt
Rund 800 Teilnehmende kamen am 29. und 30. Oktober ins Steigenberger Airport Hotel Frankfurt, vor Ort und per Livestream. Themen waren die Anfang 2026 eingeführte Maschinenperfusion für Spendernieren – bisher über 500 Nieren – und die Diagnostik des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls.
Gerald Gaß, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, nannte Organspende „einen besonderen Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität“. Für die rund 8.000 Menschen auf den Wartelisten ändert das nichts, solange die Regeln sich nicht ändern – und solange rund 60 Prozent der Bevölkerung keine Antwort hinterlassen haben. Entschieden ist bislang nichts.
