Hacker lösen in Ukraine und Russland falschen Atomalarm aus
Bild: KI-generiert
Cyberangriff

Hacker lösen in Ukraine und Russland falschen Atomalarm aus

Erfundene Warnungen vor Strahlung, Chemieangriff und Atomsprengköpfen haben in der Nacht Millionen Handys in der Ukraine und Russland erreicht. Kiew macht Moskau verantwortlich, eine Partisanengruppe reklamiert den Gegenschlag.

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Um 22:47 Uhr Kiewer Zeit leuchtete am 1. November auf Millionen Handys in der Ukraine der rote Alarmlevel. Die staatliche Warn-App „Powitrjana triwoha“ meldete Strahlungsgefahr für Kiew, einen Chemieangriff und Straßenkämpfe. Alles war erfunden.

Eine Minute später ging eine zweite Nachricht an alle Nutzer – auf Russisch: „Gleich wird in der ganzen Ukraine Nuklearalarm ausgelöst. Keine Sorge, die Oreschnik ist unterwegs.“ Der Satz spielt auf die russische Mittelstreckenrakete an. In der Ukraine sind amtliche Mitteilungen eigentlich nur auf Ukrainisch zulässig.

Um 23:02 Uhr erklärte die ukrainische Luftwaffe auf Telegram, die App sei „wahrscheinlich feindlicher Einwirkung“ ausgesetzt gewesen; eine Strahlungsgefahr bestehe nicht. Die Entwickler schalteten die Push-Nachrichten ab und setzten die App außer Betrieb, wie die Tagesschau-Recherche zum Fehlalarm in Kiew festhält.

Roter Alarm auf sieben Millionen Handys

Der Angriff traf den wichtigsten digitalen Warnkanal des Landes. Die App wurde gemeinsam vom Ministerium für Digitale Transformation, Ajax Systems und Stfalcon entwickelt; laut Hersteller hat sie rund sieben Millionen tägliche Nutzer bei 46 Millionen Downloads. In der Nacht stand die Anzeige landesweit auf Rot.

In Iwano-Frankiwsk und Winnyzja warnten die Gouverneurinnen öffentlich vor den Links in den Falschnachrichten. Switlana Onyschtschuk sagte, die Lage in ihrer Oblast sei ruhig, die Berichte deuteten auf einen Cyberangriff auf die Warn-App hin.

„Cyberangriff auf die App „Air Alert“. Klicken Sie nicht auf den Link in der Nachricht.“
Natalia Sabolotna, Gouverneurin des Gebiets Winnyzja

Die Warnungen der beiden Gouverneurinnen galten nicht dem Raketenalarm, sondern der zweiten Falle: Wer dem Link aus der vertrauten App folgte, landete nicht bei einer Behörde. Die Falschalarme selbst waren nach etwa einer Stunde wieder aus der App gelöscht.

Vier Stunden später trifft es Russland

Gegen 02:00 Uhr Moskauer Zeit meldete das russische Katastrophenschutzministerium MTSchS einen „massiven Cyberangriff“ auf seine mobile App. Nutzer erhielten Falschmeldungen über gestartete Atomsprengköpfe auf Trägern des Typs „P1-SUN“.

Nach Angaben des Ministeriums erreichten die Falschnachrichten 33 der 89 Regionen Russlands – darunter Moskau, Sankt Petersburg, Belgorod, Nischni Nowgorod, Tula, Tscheljabinsk, Swerdlowsk, Tjumen, Brjansk, Orjol, Woronesch und Rostow.

Betroffen waren auch regionale MTSchS-Kanäle im staatlichen Messenger Max und der Telegram-Kanal des Einsatzstabs Belgorod. Aus Woronesch ist der Eingang der Nachricht um 02:47 Uhr dokumentiert. Die Warn-Apps beider Seiten fielen damit innerhalb von gut drei Stunden aus.

Kiew macht Moskau verantwortlich

Das ukrainische Zentrum für Strategische Kommunikation (SPRAVDI) machte Russland für den Angriff auf die Warn-App verantwortlich. Eine offizielle Zuschreibung aus Moskau gibt es nicht – die Luftwaffe sprach von „feindlicher Einwirkung“, ein Vorwurf, kein bewiesener Sachverhalt, wie auch die Rekonstruktion des Angriffs im Kyiv Independent zeigt.

Den Angriff auf das russische System reklamierte die proukrainische Partisanenbewegung Atesh. Für die Attacke auf die Ukraine nannte ein russischer Telegram-Kanal die Gruppe „Hitcore“. Beides ist nicht unabhängig bestätigt.

Die russische Seite reagierte am Vormittag mit einer allgemeinen Lagebeschreibung. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte bei einem Pressebriefing:

„Die Website des Präsidenten der Russischen Föderation wird viele Male am Tag, jeden Tag, Cyberangriffen ausgesetzt. Dasselbe gilt für andere staatliche Organe.“
Dmitri Peskow, Sprecher des russischen Präsidenten

Peskow verlangte, alle staatlichen Organe müssten Schritte unternehmen, um die Cybersicherheit der digitalen Ressourcen zu verbessern. Beide Seiten betonten zugleich, die eigentlichen Warnketten – Sirenen, Lautsprecher, SMS, Fernsehen und Radio – hätten weiter funktioniert. Die App sei nur ein ergänzender Kanal.

Die App kommt zurück, die Karte bleibt leer

Ab etwa 02:00 Uhr Kiewer Zeit nahm die ukrainische App den Betrieb schrittweise wieder auf. Die Zielanzeige auf der Karte blieb zunächst aus, das Team kündigte zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen an. Der ukrainische Katastrophenschutz DSNS meldete, das landesweite Warnsystem arbeite wieder normal.

Erst am 17. Oktober hatte Premierminister Serhij Koretzkyj angekündigt, die App solle künftig die ungefähre Flugrichtung feindlicher Drohnen und Raketen auf einer Karte zeigen. Ob diese neue Funktion und die wachsende Reichweite die App zum Ziel machten, ist nicht geklärt. Wer bei Alarm Schutz sucht, ist ohnehin oft auf sich gestellt: Kiews Bunker versagen im Raketen-Daueralarm.

Der Doppelangriff fiel mit dem Ende der humanitären Feuerpause um die besetzte Stadt Oleschky in der Region Cherson zusammen. Sie galt vom 27. Oktober bis Mitternacht am 1. November, kam unter Beteiligung der US-First-Lady Melania Trump zustande und war die längste Waffenruhe seit Februar 2022.

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Offen bleibt, ob eine der beiden Seiten die Urheber belastbar belegen kann – und ob Warn-Apps künftig als militärische Infrastruktur gelten. In Kiew läuft die App wieder, in Russland will das Ministerium seine Systeme nachbessern. Der nächste Alarm wird zeigen, ob die Millionen Nutzer dem roten Balken noch glauben.