Bundeswehr meldet 724 Fälle sexuellen Fehlverhaltens an Justiz
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Sexualisierte Gewalt

Bundeswehr meldet 724 Fälle sexuellen Fehlverhaltens an Justiz

Das Verteidigungsministerium bestätigt 724 Fälle sexuellen Fehlverhaltens, die zwischen 2023 und 2025 an die Justiz gingen. Für 2026 stehen bereits 518 Meldungen – und der Wehrbeauftragte verlangt, das Thema zur Chefsache zu machen.

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In 724 Fällen sexuellen Fehlverhaltens hat die Bundeswehr zwischen 2023 und 2025 die Justiz eingeschaltet, wie aus einem Spiegel-Bericht über 724 weitergeleitete Verdachtsfälle hervorgeht. Das Verteidigungsministerium bestätigte die Zahl den Zeitungen des RedaktionsNetzwerks Deutschland.

Für 2026 sind bis zum Stichtag am 30. Oktober bereits 518 Verdachtsmeldungen registriert, wie eine Recherche zu gestiegenen Meldezahlen bei der Bundeswehr zeigt. Auf zwölf Monate gerechnet läge 2026 mehr als doppelt so hoch wie der Jahresschnitt der Jahre 2023 bis 2025.

Generalinspekteur Carsten Breuer hatte die Truppe bereits am 8. September in einem internen Tagesbefehl gewarnt: Die Zahl der gemeldeten Fälle sexualisierten Fehlverhaltens sei zu hoch, solche Verhaltensweisen hätten keinen Platz in den Streitkräften.

Von der ersten Studie bis zur Ausschusssitzung

  1. 2024
    Högl stößt die Dunkelfeldstudie an

    Die damalige Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) regt eine Studie zu sexualisiertem Fehlverhalten an, die Fälle jenseits der Meldestatistik erfassen soll.

  2. 2025/2026
    Vorwürfe in Weißenfels und Zweibrücken

    Sexualisiertes Fehlverhalten, Drogenkonsum und ein Wettbewerb um Rekrutinnen im Sanitätsregiment 1 und im Fallschirmjägerregiment 26 werden öffentlich.

  3. August 2026
    Datenerhebung abgeschlossen

    Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr beendet die Erhebung für die Studie.

  4. 8. September 2026
    Breuers Tagesbefehl an die Truppe

    Der Generalinspekteur nennt die Zahl der gemeldeten Fälle zu hoch und schließt sexualisiertes Fehlverhalten in den Streitkräften aus.

  5. 30. Oktober 2026
    518 Meldungen für 2026

    Bis zum Stichtag sind 518 Verdachtsmeldungen registriert; das Ministerium bestätigt den Abschluss der Datenerhebung.

  6. 1. November 2026
    Hotline HELP geht in Betrieb

    Die von Breuer am 31. Oktober angeordnete Beratungs-Hotline ist rund um die Uhr erreichbar.

  7. 11. November 2026
    Pistorius im Verteidigungsausschuss

    Der Verteidigungsminister will die Ergebnisse der Studie im Bundestagsausschuss vorstellen, die Truppe wird vorher informiert.

Der Wehrbeauftragte fordert Chefsache

Henning Otte, Wehrbeauftragter des Bundestags (CDU), macht die Entwicklung zur Sache der Führung – und nicht der einzelnen Einheit:

„Diese Entwicklung muss für den Dienstherrn ein klarer Handlungsauftrag sein und zur Chefsache erklärt werden.“
Henning Otte, Wehrbeauftragter des Bundestags (CDU)

Das Ministerium stützt sich bislang vor allem auf das Disziplinarrecht: Sexualisiertes Fehlverhalten kann laut Verteidigungsministerium schon unterhalb der Strafbarkeitsschwelle gegen soldatische Pflichten verstoßen und ein gerichtliches Disziplinarverfahren auslösen.

Dunkelfeldstudie ist abgeschlossen

Die Studie, die die damalige Wehrbeauftragte Eva Högl (SPD) 2024 angestoßen hat, liegt vor: Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr schloss die Datenerhebung im August 2026 ab, am 30. Oktober bestätigte das Ministerium den Abschluss.

Die Befragung soll Fälle sichtbar machen, die in keiner Meldestatistik auftauchen. Der Parlamentarische Staatssekretär Sebastian Hartmann (SPD) benennt die Lücke:

„Es ist bekannt, dass sexualisiertes Fehlverhalten nicht immer gemeldet wird.“
Sebastian Hartmann, Parlamentarischer Staatssekretär (SPD)

163 von 452 Verfahren sind abgeschlossen

Zum Stichtag 4. November hat die Bundeswehr seit 2024 insgesamt 452 Disziplinarverfahren eingeleitet. 163 davon sind rechtskräftig abgeschlossen, 84 endeten mit einer Einstellung.

Disziplinarverfahren in der Bundeswehr seit 2024

Eingeleitete, abgeschlossene und eingestellte Verfahren

Quelle: Verteidigungsministerium, Stichtag 4. November 2026

Ein Teil der bekannt gewordenen Fälle betrifft Regimenter, die ohnehin unter Beobachtung stehen: Im Sanitätsregiment 1 in Weißenfels (Sachsen-Anhalt) und im Fallschirmjägerregiment 26 in Zweibrücken (Rheinland-Pfalz) wurden Vorwürfe sexualisierten Fehlverhaltens, von Drogenkonsum und eines Wettbewerbs um Rekrutinnen öffentlich.

In Weißenfels steht inzwischen eine ganze Gruppe im Fokus: Bundeswehr ermittelt gegen zehn Soldaten in Weißenfels.

Hotline außerhalb der Befehlskette

Seit dem 1. November ist die Hotline „HELP“ rund um die Uhr erreichbar. Betroffene und Zeugen können dort sexualisiertes Fehlverhalten außerhalb der truppendienstlichen Befehlskette melden; angeordnet hatte die Einrichtung Generalinspekteur Carsten Breuer am 31. Oktober per Weisung.

HELP leistet Hilfestellung, Erstberatung und Lotsenfunktion und unterstützt die Prävention – als ergänzendes Angebot des Ministeriums.

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Am Mittwoch, 11. November 2026, will Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) die Ergebnisse im Verteidigungsausschuss vorstellen, die Truppe wird vorher informiert. Offen ist, ob das Ministerium darüber hinaus strukturelle Konsequenzen ankündigt – und ob 2026 mit 518 Meldungen bis Ende Oktober zum neuen Höchststand wird.