Claudia Roth nennt ihre Berlinale-Kritik einen „totalen Fehler
In Folge 862 von „Jung & Naiv“ nimmt Claudia Roth ihre Kritik an den Regisseuren von „No Other Land“ zurück und spricht von „unfassbarem Druck vom Zentralrat“. Volker Beck wirft ihr „klassische deutsche Schuldabwehr“ vor.
Claudia Roth nennt ihre eigene Kritik an den Berlinale-Regisseuren von 2024 einen „totalen Fehler“ – und schiebt den Grund dafür dem Zentralrat der Juden zu. Die Kehrtwende der 71-Jährigen fällt mitten in die laufenden Koalitionsverhandlungen in Berlin.
In der am 4. November veröffentlichten Folge 862 des Podcasts „Jung & Naiv“ bei Tilo Jung sagte die Grünen-Politikerin, sie sei damals „zu schwach oder überfordert in dieser Lage“ gewesen. Was sie vor zwei Jahren selbst verlangt hatte, hält sie heute für falsch.
Anlass war die Preisverleihung der Berlinale im Februar 2024: Der Film „No Other Land“ von Basel Adra und Yuval Abraham wurde ausgezeichnet, beide erhoben gegen Israel Vorwürfe von Apartheid und Genozid. Roth hatte sie dafür gerügt – und nimmt das nun zurück:
„Den Regisseur zu kritisieren dafür, dass er von Apartheid redet, oder den Palästinenser, dass er von Genozid redet, war ein Fehler!“
Claudia Roth, Bundestagsabgeordnete (Grüne)
Der Druck vom Zentralrat
Ihren damaligen Rückzug erklärt Roth mit organisiertem Druck. Sie beschreibt die Debatte als „absolut toxisch“ und erhebt schwere Vorwürfe gegen den Zentralrat – wie die WELT über die „absolut toxische Debatte“ berichtet.
„Aber es war so ein unfassbarer Druck vom Zentralrat, von unglaublich vielen Kreisen.“
Claudia Roth, Bundestagsabgeordnete (Grüne)
Roth zitiert ausländische Freunde mit der Frage, wann sie sich „endlich von dieser Schuld der Geschichte“ befreie. Der Satz ist der politisch heikelste des Gesprächs: Er beschreibt die deutsche Erinnerung an die NS-Zeit als Last, von der man sich lösen müsse.
„Dann ist es Apartheid, ja“
Deutlicher wird Roth beim Blick auf das Westjordanland. Sie verweist auf einen israelischen Minister, der Palästinensern das Fahren auf Straßen untersagt habe, und zieht daraus den Schluss:
„Wenn ein Minister, dieser ganz fürchterliche Minister, jetzt sogar gesagt hat, Palästinenser dürfen nicht mehr auf den Straßen fahren im Westjordanland, dann ist es Apartheid, ja.“
Claudia Roth, Bundestagsabgeordnete (Grüne)
Was Roth nun sagt, ist eine Kehrtwende bei den Israel-Aussagen: Im März 2024 hatte sie im „Spiegel“-Interview die Bezeichnungen „Apartheid“ und „Genozid“ für Israels Vorgehen abgelehnt und einen der Begriffe einen „Tiefpunkt“ der Gala genannt.
Beck: „Klassische deutsche Schuldabwehr“
Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, sagt, er sei „erschüttert über diese Entwicklung“. Die Muster ihrer Sentenzen entsprächen klassischer deutscher Schuldabwehr, sagte er – und legte nach:
„Alle Diabolisierungslabels gegen Israel – Genozid und Apartheid – macht sich Claudia Roth nun zu eigen. Alle anderslautenden Äußerungen, die sie zuvor zu dem Thema gemacht hat, schiebt sie auf ihre eigene Überforderung.“
Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft
Am 5. November griffen „Bild“, WELT, Tagesspiegel, „Spiegel“, „Jüdische Allgemeine“, Nius, Apollo News und „Merkur“ den Auftritt auf. Der Publizist Henryk M. Broder sagte bei WELT TV: „Frau Roth ist die Fachfrau für peinliches Auftreten.“
Die Vorgeschichte reicht bis Kassel
Roths Verhältnis zur Israel-Debatte hat eine Vorgeschichte, die 2022 in Kassel beginnt und über die Berlinale 2024 bis zu einem Pfeifkonzert führt.
Von der documenta fifteen bis zur Podcast-Folge 862
Juni 2022
Documenta fifteen zeigt antisemitische Motive
Auf dem Banner „People's Justice“ des Kollektivs Taring Padi erscheinen eine Figur mit SS-Runen und eine Schweinegesicht-Figur mit der Helmaufschrift „Mossad“. Das Werk wird verhüllt und abgebaut, Generaldirektorin Sabine Schormann tritt zurück.
Februar 2024
„No Other Land“ wird auf der Berlinale ausgezeichnet
Die Regisseure Yuval Abraham und Basel Adra erheben Apartheid- und Genozid-Vorwürfe gegen Israel. Roth applaudiert bei Abrahams Rede.
März 2024
Roth lehnt die Begriffe im „Spiegel“-Interview ab
Sie nennt „Apartheid“ und „Genozid“ für Israels Vorgehen falsch und bezeichnet einen der Begriffe als „Tiefpunkt“ der Gala.
2024
Pfeifkonzert bei der Jewrovision
Roth wird nach eigener Schilderung „gezielt und kampagnenmäßig ausgepfiffen“. Veranstalter ist der Zentralrat der Juden.
4. November 2026
Folge 862 von „Jung & Naiv“ erscheint
Roth nennt ihre Kritik an den Regisseuren einen „totalen Fehler“ und spricht von „unfassbarem Druck vom Zentralrat“.
5. November 2026
Medien und Beck reagieren
Volker Beck wirft ihr „klassische deutsche Schuldabwehr“ vor; mehrere Zeitungen berichten über den Auftritt.
Der Zentralrat der Juden ist in Roths Erzählung der zentrale Gegner. Bei der Jewrovision 2024, die der Verband veranstaltet, war sie nach eigener Schilderung „gezielt und kampagnenmäßig ausgepfiffen“ worden.
Mitten in den Koalitionsverhandlungen
Die Sätze fallen in eine laufende Regierungsbildung. Am 2. November begannen in Berlin Koalitionsverhandlungen von Grünen, SPD und Linken; die Sondierungsparteien verständigten sich auf eine gemeinsame Erklärung gegen Antisemitismus.
Roth ist Konfrontation gewohnt: Im August hatte sie nach der Absage des Schwarzen Schwimmens im Berliner Volksbad die Berliner CDU frontal angegriffen – Roths Frontalangriff auf die Berliner CDU.
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Ob die Grünen-Spitze die Sätze zur „Schuld der Geschichte“ mitträgt, ist offen. Die Antwort wird auch zeigen, wie ernst die gemeinsame Erklärung gegen Antisemitismus gemeint ist, auf die sich die Berliner Koalitionsrunde verständigt hat.