Mit 98 Jahren reist Jane Clark ihrem Sohn noch immer zu Konzerten hinterher. Bryan Adams (67) kann sie nicht davon abhalten: „Wenn es nach ihr ginge, wäre sie bei jedem Konzert dabei.“ Auf der Bühne grüßt er sie, wenn er in ihrer Nähe in Kanada spielt.
Der Anlass für die Sätze über die Mutter ist eine Platte über sein Heimatland. Am Freitag, 6. November 2026, ist „How's It Goin'“ erschienen – das 17. Studioalbum des Kanadiers, herausgebracht über sein eigenes Independent-Label BAD Records. Gegenüber der dpa sprach Adams von einem „Liebesbrief an Kanada“.
Der Bruch steckt in der Musik – und im Ton. Statt Arena-Rock singt Adams Country, Folk und Americana. Zwei Stücke tragen Politik: „51st State“ antwortet auf Donald Trumps Idee, Kanada zum 51. US-Bundesstaat zu machen, der Bonustrack „Lake Ontario“ auf Pläne, den Großen See in „Lake America“ umzubenennen.
Von „Reckless“ zum Kanada-Album
- 1980Erstes Album nach Clubauftritten
Bryan Adams tritt als Teenager nachts in Clubs und Kneipen in Vancouver auf, 1980 erscheint sein erstes Album.
- 1984Durchbruch mit „Reckless“
Das Album bringt den Evergreen „Summer of 69“ und macht Adams weltweit bekannt.
- 2002Porträt der Queen in fünf Minuten
Adams fotografiert Queen Elizabeth II. zum Goldenen Thronjubiläum im Buckingham Palace.
- 1. Juli 2026„51st State“ zum Canada Day
Der Song antwortet auf Donald Trumps Idee, Kanada zum 51. US-Bundesstaat zu machen.
- 28. Oktober 2026„Lake Ontario“ als Vorbote
Single und Video erscheinen; der Song reagiert auf Umbenennungspläne des Sees.
- 5. November 2026Telefoninterview über die Mutter
Im BUNTE.de-Gespräch bezeichnet Adams seine Mutter als Inspiration.
- 6. November 2026„How's It Goin'“ erscheint
Das 17. Studioalbum kommt über Adams' Label BAD Records heraus; am selben Tag berichtet die dpa aus Vancouver.
Er singt Country, der Laie sagt Folk
Wer den „Summer of 69“-Sänger erwartet, hört etwas anderes. „Er singt Country, würde der Laie sagen. Doch es ist Folk“, sagt Adams. Rezensenten beschreiben das Album als Mischung aus Country, Folk, Americana und Roots-Musik, in der die typische Adams-Stimme und die großen Refrains erhalten bleiben.
Die Fachkritik reagierte wohlwollend. Music Talkers schrieb, „How's It Goin'“ sei „vielleicht eine der persönlichsten und musikalisch interessantesten Platten seiner jüngeren Karriere“; das US-Magazin Rock Cellars Kritik zum Kanada-Album nennt es eine „Liebeserklärung an Kanada“.
Zwölf Songs umfasst das Album in Adams' eigener Zählung, die Digitalversion enthält mit „Lake Ontario“ einen 13. Bonustrack. Angefangen hatte alles mit einem Song für die Dokumentation „Canada's Wild Eastern Edge“ – die Recherche brachte ihn dazu, weitere Lieder über sein Heimatland zu schreiben.
Highway of Tears, Terry Fox, Klondike
Inhaltlich sind die Lieder Puzzlestücke eines Landesporträts. „Musikalisch hat es mich auch ein wenig woandershin geführt, was das Ganze aufregend gemacht hat“, sagt Adams über die Folgen der Recherche.
Zwei Stücke zeigen die Reichweite. „Highway 16“ thematisiert die verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen am sogenannten Highway of Tears. „The Ballad Of Terry Fox“ erinnert an den Nationalhelden, der 1980 mit einer Beinprothese quer durch Kanada laufen wollte; der Song ist auch in der Dokumentation „Run, Terry Run“ zu hören.
- „The Battle Of Lundy's Lane“ – die blutigste Schlacht des Kriegs von 1812 (1814)
- „Iron Ribbon“ – der Bau der kanadischen Eisenbahn
- „The Bridge“ – der Einsturz der Second Narrows Bridge in Vancouver 1958
- „A Handful Of Gold“ – der Klondike-Goldrausch
Zölle, Trump und der 51. Staat
„51st State“ erschien bereits zum Canada Day am 1. Juli 2026. Adams singt darin: „Go'n load us up with tariffs, but we'll never be the 51st State“ – ihr könnt uns mit Zöllen beladen, aber wir werden niemals der 51. Staat.
Der Bonustrack „Lake Ontario“ war Ende Oktober 2026 als Single und Video erschienen und reagiert auf Pläne, den Großen See in „Lake America“ umzubenennen. Adams' Statement dazu: „Empires and regimes, dictators and kings, they all come and go. Lake Ontario is forever.“
Die Schwäbische Post beschreibt das Album als stolze Feier kanadischer Eigenständigkeit, die „zwischendurch immer wieder mal gegen die USA austeilt“. Solche Ansagen sind bei Adams kein Einzelfall: In diesem Jahr hat er auch Friedrich Merz den vorzeitigen Rücktritt empfohlen.
Die Mutter, die ihn ziehen ließ
Adams hatte keine Bilderbuchkindheit. Der Vater arbeitete für das kanadische Militär, die Familie zog ständig um – von Kanada nach Österreich, nach Portugal und weiter nach Israel. Eigentlich hätte Bryan, wie Vater und Großvater, eine Militärkarriere anstreben sollen; stattdessen trat er als Jugendlicher nachts in Clubs und Kneipen in Vancouver auf.
„Meine Mutter hat mir die Freiheit gegeben, meinen eigenen Weg zu gehen und Dinge auszuprobieren, die ich tun wollte. Sie hat praktisch alles unterstützt, was ich ausprobieren wollte. Deshalb ist sie für mich eine Inspiration.“
Der Satz erklärt, warum aus dem Soldatensohn ein Musiker wurde. Erst nach der Trennung der Eltern zog er mit ihr zurück nach Kanada. Jane Clark ist heute 98 Jahre alt, bildende Künstlerin und in British Columbia zumindest regional bekannt. „Unser Ziel ist es, sie bis 100 zu bringen. Sie hat noch 17 Monate vor sich“, sagte Adams in Vancouver.
Auf seiner Nordamerikatour 2025 war sie bei den Konzerten in Vancouver und Boston dabei, der Sänger grüßte sie von der Bühne aus – Mutter besucht Konzerte mit 98 Jahren. Er könne sie nicht davon abhalten, zu kommen, wenn er in ihrer Nähe spiele: „Sie ist eine ganz eigene Persönlichkeit, und wir können sie eigentlich nur dabei unterstützen, das zu tun, was gut für sie ist.“
Vater mit 51, schlechter Surfer, Fotograf
Zu Hause ist Adams Familienmensch: Seine beiden Töchter sind inzwischen Teenager, Vater wurde er mit 51 Jahren. Mit ihrer Mutter Alicia ist er seit mehr als 17 Jahren zusammen; die Familie lebte zunächst in England, seit rund zehn Jahren in Kanada. Ob ihn seine Kinder cool finden? „Ich hoffe es. Allerdings frage ich sie das nicht.“
Sein Rezept für das Zusammenleben: „Ich sorge dafür, dass wir immer etwas zu lachen haben.“ Er selbst beschreibt sich als Stadtmenschen mit Studio in der Innenstadt von Vancouver, der gern mit dem Hund spazieren geht und überall schwimmt, „wo es warm genug ist“ – und als „schrecklichen Surfer“.
Beruflich hat er sich längst auch als Fotograf einen Namen gemacht: 2002 durfte er Queen Elizabeth II. zum Goldenen Thronjubiläum porträtieren, mit fünf Minuten Zeit. Gefragt, wen er sonst gern vor der Linse hätte, antwortet er: „Henry VIII.“ – „Weil er sechs Ehefrauen hatte.“
Für alle, die das Album als Reiseanleitung lesen, lieferte Adams gleich eine Route: mit einem Lufthansa-Flug nach Vancouver, Stadt, Berge und Meer, dann in die Rocky Mountains und mit dem Zug weiter Richtung Prärien und Toronto, Niagara-Fälle, Montreal für die Kultur Québecs – und bei genügend Zeit bis nach Neufundland, „das Juwel Kanadas“.
Offen ist, ob die Familie ihr Ziel erreicht: Jane Clark soll 100 Jahre alt werden, 17 Monate fehlen noch. Bis dahin will sie ihren Sohn weiter bei jedem Konzert begleiten, wenn es nach ihr geht.
