Frankreich fürchtet deutsche Dominanz – „Das offensichtliche Tabuthema“
PolitikBundeswehr-Ausbau

Frankreich fürchtet deutsche Dominanz – „Das offensichtliche Tabuthema“

Deutschland will bis 2029 fast doppelt so viel für Verteidigung ausgeben wie Frankreich. Paris fürchtet den Verlust der militärischen Führungsrolle in Europa und spricht hinter vorgehaltener Hand von einem Undenkbaren: der stärksten Armee auf dem Kontinent unter deutschem Kommando.

Deutschland rüstet massiv auf – und das sorgt bei den Nachbarn für Unbehagen, vor allem in Paris. Hinter den offiziellen Gratulationen zur deutschen Verteidigungsbereitschaft brodelt es: Frankreich fürchtet, dass die Bundeswehr zur militärisch dominierenden Kraft in Europa aufsteigt und das jahrzehntealte Gleichgewicht zwischen Berlin und Paris kippt.

Bis 2035 will Kanzler Friedrich Merz die Truppenstärke der Bundeswehr um 40 Prozent auf 260.000 aktive Soldaten erhöhen. Der Verteidigungshaushalt soll bis 2029 auf rund 153 Milliarden Euro steigen – etwa das Doppelte des französischen Budgets, das dann bei 72,8 Milliarden Euro liegen wird. Deutschland würde damit zum mit Abstand größten Militärhaushalt in Europa aufrücken, wie Politico berichtet.

Stillschweigendes Gleichgewicht gerät ins Wanken

Jahrzehntelang fußte die deutsch-französische Partnerschaft auf einer unausgesprochenen Arbeitsteilung: Frankreich übernahm militärische Verantwortung, Deutschland lieferte wirtschaftliche Stärke. Als einzige Atommacht der EU und mit umfangreicher Einsatzerfahrung war Paris gewohnt, die Führung zu übernehmen. Diese Rollenverteilung löst sich nun auf.

„Das ist das offensichtliche Tabuthema. Dass Deutschland die größte Armee Europas haben könnte, sei für uns undenkbar.“
Hochrangiger französischer MilitärvertreterMehr Zitate von Unbekannt →

Kampfjet-Projekt gescheitert

Die Spannungen werden durch das Scheitern des gemeinsamen Kampfflugzeugprojekts FCAS (Future Combat Air System) verschärft. Friedrich Merz und Emmanuel Macron hatten am Rande des EU-Balkan-Gipfels in Montenegro festgestellt, dass die monatelange Blockade nicht zu lösen sei. Das Projekt, das als Aushängeschild europäischer Verteidigungskooperation galt, ist damit faktisch beerdigt, wie Defense News meldet.

Deutschland prüft nun Alternativen, darunter den Kauf weiterer F-35-Kampfflugzeuge aus den USA. Das nährt in Frankreich die Sorge, dass Berlin sich strategisch von Europa ab- und den USA zuwendet – und damit die gemeinsame Verteidigungsautonomie untergräbt.

Macron spricht von „Fragezeichen“

Präsident Emmanuel Macron zeigte sich in einem TV-Interview zurückhaltend: „Das ist gut, solange es der gemeinsamen Stärke dient. Andernfalls wäre das ein Fragezeichen.“ Er mahnte, man müsse gemeinsam handeln, um nicht in die Zeit europäischer Bürgerkriege zurückzufallen. Hinter den Kulissen wird der Ton jedoch schärfer.

„In fünf Jahren wird das Argument, dass wir über operative Erfahrung und bestimmte Fachkenntnisse verfügen, nicht mehr greifen.“
Fabien Mandon, Generalstabschef der französischen StreitkräfteMehr Zitate von Fabien Mandon →

Ein anderer Militärvertreter bemängelt die mangelnde Risikobereitschaft Deutschlands: „Wir müssen in der Lage sein, Kriegführung neu zu denken – und zwar ohne Amerika –, doch dazu sind sie absolut nicht bereit.“ Frankreich setzt daher als Gegengewicht verstärkt auf seine nukleare Abschreckung und hat eine neue Doktrin der „vorwärtsgerichteten Abschreckung“ vorgeschlagen.

Ungleiche Schuldenstände als Bremsklotz

Frankreich fehlt der finanzielle Spielraum, um mit Deutschland mitzuhalten. Mit einer Staatsverschuldung von 115,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – gegenüber 63,5 Prozent in Deutschland – sind massive Rüstungsinvestitionen kaum durchsetzbar. Zugleich ächzt das französische Heer unter Ausrüstungsmängeln, obwohl es bei den Rekruten sogar einen Überschuss verzeichnet.

Die Grünen-Co-Vorsitzende Franziska Brantner brachte das Dilemma auf den Punkt: „Hinter der Erleichterung verbergen sich auch Gefühle, die unsere Verbündeten aus Höflichkeit nicht laut aussprechen: ein leises, historisch verwurzeltes Unbehagen angesichts der Aussicht auf einen Kontinent, auf dem Deutschland erneut die mit Abstand stärkste Militärmacht ist.“

Europa vor neuen Verteilungskämpfen

Während Merz auf die „stärkste konventionelle Armee Europas“ pocht, stellen sich längst auch andere Nachbarn darauf ein. Polen etwa plant, seine Streitkräfte von zuletzt rund 210.000 auf 300.000 Mann auszubauen. Europa steht vor einer Rüstungsspirale, in der sich alte Rollenmodelle auflösen – und neue Konkurrenzen entstehen.

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