Rätselhafter Kaltfleck im Nordatlantik
Seit Jahrzehnten verblüffen Klimaforscher ein blauer Fleck auf den globalen Temperaturkarten – ein riesiges Meeresgebiet südlich von Grönland, das sich nicht erwärmt, sondern abkühlt. Während der Planet im Durchschnitt um etwa 1,2 Grad heißer geworden ist, hat sich diese Region seit 1900 sogar um nahezu ein Grad Celsius abgekühlt. Ein Widerspruch, der nun als Vorbote eines gefährlichen Kippens im Klimasystem gedeutet wird.
Abschwächung der AMOC ist die Ursache
Eine im Juni 2026 veröffentlichte Studie unter Leitung von Wei Liu (University of California, Riverside) liefert die Erklärung. Der Kaltfleck ist demnach das direkte Symptom einer sich abschwächenden Atlantischen Meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC), zu der auch der Golfstrom gehört. Liu betont, dass die Abkühlung durch die Verlangsamung der Strömung so stark sei, dass sie die Erwärmung durch Treibhausgase vor Ort überkompensiert.
Die AMOC pumpt warmes Oberflächenwasser in den Norden, wo es abkühlt, absinkt und in der Tiefe zurückströmt. Doch das System gerät durch den Klimawandel ins Stocken: Schmelzendes Grönlandeis und vermehrte Niederschläge verdünnen das salzige Meerwasser, es wird leichter und sinkt nicht mehr so tief. Bereits die direkten Messungen der Strömung seit 2004 deuten auf eine Abnahme hin, wie auch das Königlich-Niederländische Meteorologische Institut (KNMI) bestätigt.
Kipppunkt in Jahrzehnten statt Jahrhunderten
Noch im letzten Sachstandsbericht des Weltklimarats galt ein abrupter Kollaps der AMOC vor 2100 als unwahrscheinlich. Neue Modellstudien zeichnen jedoch ein beunruhigenderes Bild. Das Team um Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) zeigte im August 2025, dass in allen Szenarien mit hohen Emissionen der Kipppunkt innerhalb weniger Jahrzehnte eintreten könne. Eine weitere Arbeit der Universität Utrecht identifizierte sogar eine latente Nordwärtsverschiebung des Golfstroms als Frühwarnzeichen.
Nordsee droht ein halber Meter mehr
Die Folgen eines AMOC-Zusammenbruchs wären verheerend. Wie Forscher um René van Westen in einer Studie vom April 2026 errechneten, könnte der dynamische Meeresspiegel an der niederländischen Küste um bis zu 4 Millimeter pro Jahr schneller steigen. Über mehrere Jahrzehnte summiert sich das zu etwa einem halben Meter zusätzlich. Zugleich sagen Modelle für Europa kältere Winter, häufigere Stürme und ausgedehnte Dürren voraus, während in Afrika der lebenswichtige Regengürtel kippen könnte. Eine in Nature Food publizierte Prognose warnt vor dem weitgehenden Erliegen des Ackerbaus in Großbritannien.
Trotz aller Unsicherheiten mahnen die beteiligten Forschungsgruppen zur Vorsorge. Das EPOC-Projekt resümiert, die Risiken einer allmählichen, aber anhaltenden Abschwächung seien schon für sich genommen gravierend. Der stille Kaltfleck im Atlantik könnte sich als Vorbote einer tektonischen Verschiebung des Weltklimas erweisen.





