Tödliche Fahrt auf den CSD
Es sollte ein rauschendes Fest der Liebe werden. Samstagabend, kurz nach 22 Uhr: Hunderttausende feiern beim 48. Berliner Christopher Street Day und tanzen zu den Klängen von Sarah Connor. Die Sängerin verlässt gerade die Bühne – da rast ein weißer Transporter in die Menschenmenge am nahen Ahornsteig. Das Fahrzeug kracht gegen einen Baum, der Fahrer flüchtet zu Fuß und attackiert weitere Passanten mit einer Machete. Eine Frau stirbt noch vor Ort. Die Zahl der Verletzten steigt schnell auf 16, später korrigiert Bundesinnenminister Dobrindt auf mindestens 29 – einige schweben in Lebensgefahr.
Inmitten des Chaos: Sarah Connor, die mit allen vier Kindern gekommen war. Ihr neunjähriger Sohn Jax hatte noch backstage die Drag Queens bestaunt. Nun wird die Familie evakuiert. Noch im Auto greift die Sängerin zu ihrem Handy.
„Umso furchtbarer, dass wir dann kurz danach aus dem Backstage evakuiert wurden, weil wieder irgendein Vollidiot ausgerastet ist. [...] Mir fehlen die Worte. Ich finde es furchtbar.“
Wenige Stunden später schiebt sie einen zweiten Instagram-Beitrag nach – diesmal mit einem Regenbogenbild.
„Als ich das Video im Auto an euch aufgenommen habe, wussten wir noch nicht, was genau passiert war und es gab noch keine Angaben zu dem Täter. Ekelhaft und sinnlos diese Tat! Mein tiefes Mitgefühl den Opfern und Angehörigen und allen, die in unmittelbarer Nähe waren.“
Doch die Sängerin denkt nicht ans Aufhören. Sie will sich vor allem an die Liebe und Freude erinnern, die vor dem Anschlag herrschte.
„Ich würde jederzeit wieder auftreten und ich hoffe, wir machen das im nächsten Jahr wieder genauso! Noch lauter, noch bunter!“
Islamistischer Täter war polizeibekannt
Die Polizei identifizierte den 21-jährigen Abdul B. als mutmaßlichen Täter. Der Deutsch-Libanese war den Behörden als IS-Sympathisant bekannt: Er hatte mehrfach versucht, sich dem Islamischen Staat im Ausland anzuschließen, und saß im Libanon in Haft. Nach seiner Rückkehr verurteilte ihn das Amtsgericht Tiergarten zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten – hob den Haftbefehl jedoch auf. Die Strafe war zum Tatzeitpunkt nicht rechtskräftig.
„Alles, was wir hier sehen, deutet auf einen islamistischen Terroranschlag hin.“
Am Sonntagabend stürmten Spezialkräfte eine Gartenlaube in Berlin-Spandau. Dabei fielen Schüsse, Abdul B. wurde tödlich getroffen.
Berlin trauert – und blickt nach vorn
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verurteilte den „abscheulichen Akt“ und legte am Sonntag gemeinsam mit Innenminister Dobrindt und Innensenatorin Spranger Blumen am Tatort nieder. Zuvor nahm er an einer Gedenk-Andacht in der Marienkirche teil, bei der die Imamın Seyran Ates aus dem Koran zitierte: „Wer einen Menschen tötet, so ist es, als hätte er die ganze Menschheit getötet.“ Der Regierende Bürgermeister Kai Wegner sprach von einem „Angriff auf unsere freie und aufgeschlossene Gesellschaft“.
„Es trifft unsere Stadt mitten ins Herz.“
Die Veranstalter des CSD mahnten, den Anschlag nicht zu instrumentalisieren. Sarah Connor bleibt dabei: Sie würde jederzeit wieder auftreten – „noch lauter, noch bunter“. Der nächste Christopher Street Day soll trotz allem ein Fest der Liebe werden.





