Es war die erste große Haushaltsdebatte der 21. Wahlperiode, und AfD-Chefin Alice Weidel nutzte ihr Rederecht am 9. Juli 2025 für eine Generalabrechnung. Der Bundeskanzler sei ein „Papierkanzler“, das Bürgergeld ein „Migrantengeld“ und Deutschland eine „Hochrisikozone für die einheimischen Bürger“. Als sie dann von einer „rasend und aggressiv voranschreitenden Islamisierung“ sprach, platzte dem Stuttgarter Linken-Abgeordneten Luigi Pantisano der Kragen.
„Menschenverachtend!“ rief Pantisano der 46-Jährigen zu. „Sie sollten in der Schweiz bleiben, dann hätten wir eine Einreisende weniger!“ Der Angriff zielte unmissverständlich auf Weidels privaten Lebensmittelpunkt in Einsiedeln im Kanton Schwyz, wo die AfD-Frontfrau mit ihrer Partnerin und ihren beiden Kindern lebt.
„Menschenverachtend! Sie sollten in der Schweiz bleiben, dann hätten wir eine Einreisende weniger!“
Kurz darauf legte der in Stuttgart gewählte Politiker nach, als Weidel ihre Kritik an der Migrationspolitik fortsetzte: „Das ist Rassismus!“ Auch dieser Zwischenruf steht im amtlichen Plenarprotokoll 21/17.
Weidel musste sich in derselben Debatte noch mehrfach wegen ihres Schweizer Wohnsitzes verspotten lassen. Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann rief: „Sie wohnen doch in der Schweiz!“, und CSU-Abgeordneter Alexander Hoffmann höhnte: „Das sagt eine, die in der Schweiz lebt!“ Wie das Schweizer Portal Blick.ch dokumentierte, konfrontierten die Abgeordneten die AfD-Chefin gleich mehrfach mit ihrem Wohnsitz.
Merz kontert mit deutlichen Worten
Kanzler Friedrich Merz (CDU) wies Weidels Anschuldigungen scharf zurück. „Halbwahrheiten, üble Nachrede und persönliche Herabsetzungen muss auch in einer Demokratie niemand unwidersprochen hinnehmen“, erklärte er im Anschluss an die Rede. SPD-Fraktionschef Miersch fand noch drastischere Worte: Weidel habe von einer „Transformation des Staatsvolkes“ gesprochen – das erinnere an Rassenlehre. Er forderte erneut die Prüfung eines AfD-Verbots.
Keine Ordnungsstrafe für Pantisanos Attacke
Anders als bei späteren Zwischenrufen verzichtete die Sitzungsleitung bei diesem Vorfall auf einen Ordnungsruf. Pantisano hatte wenige Wochen zuvor einen Ordnungsruf erhalten, gegen den er erfolglos Einspruch einlegte, und sollte später wegen erneuter Zurufe gemaßregelt werden. Dass der persönliche Angriff vom 9. Juli ungeahndet blieb, werteten Beobachter als Zeichen für die aufgeheizte Atmosphäre im Hohen Haus.
In den sozialen Netzwerken entbrannte unterdessen eine hitzige Diskussion um Pantisanos Wortwahl. Während Anhänger der Linken seinen Mut feierten, verteidigten AfD-Sympathisanten Weidel und kritisierten den Vorstoß als billige Polemik. Der Videoclip der Szene verbreitete sich auf Plattformen wie Facebook und Instagram.
Die Generaldebatte vom 9. Juli steht exemplarisch für den rauen Ton im Bundestag. Dass die Linke Weidel immer wieder wegen ihres Wohnsitzes attackiert, zeigte sich auch später, als Co-Chefin Heidi Reichinnek der AfD-Chefin Heuchelei vorwarf. Der Eklat dürfte die Diskussion über die parlamentarische Sprachkultur weiter anheizen.
