Trotz SPD-Widerstand: Regierung bereitet Rückkehr des Zivildienstes vor
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Trotz SPD-Widerstand: Regierung bereitet Rückkehr des Zivildienstes vor

Das Familienministerium bereitet die Rückkehr des Zivildienstes vor – für den Fall einer neuen Wehrpflicht. Fast alle großen Verbände wären dabei, doch der Koalitionspartner SPD stellt sich quer.

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Heftiger Streit in der Koalition: Die Bundesregierung bereitet die Rückkehr des Zivildiensts vor – und erntet massive Kritik aus den eigenen Reihen. Wie der Focus Online unter Berufung auf die „Bild“-Zeitung meldet, hat das Familienministerium bereits 23 große Verbände und Organisationen zu ihren Kapazitäten für Zivildienstplätze befragt.

Das Ergebnis: 22 der 23 Verbände gaben an, dass ihre Einsatzstellen und Infrastrukturen grundsätzlich bereit wären, im Fall einer Reaktivierung der Wehrpflicht Wehrersatzdienstleistende aufzunehmen, zitiert n-tv aus Ministeriumskreisen.

Ministerium betont: Kein Zivildienst ohne Wehrpflicht

Doch so weit ist es noch lange nicht. Solange die allgemeine Wehrpflicht ausgesetzt ist, gebe es auch keinen neuen Zivildienst, stellte die Sprecherin klar. Das Grundgesetz garantiert Kriegsdienstverweigerern einen Ersatzdienst. Sollte die Wehrpflicht jedoch wieder eingeführt werden, müsse die Basis für einen modernen Zivildienst vorbereitet sein.

Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) verteidigte die Vorbereitungen, wie die Tagesschau berichtete.

Das Entsetzen wäre groß, wenn plötzlich die Wehrpflicht in Kraft treten würde und es keine Strukturen für einen Ersatzdienst gäbe.
Karin Prien, Bundesfamilienministerin (CDU)

Kriegsdienstverweigerer-Zahlen explodieren

Hintergrund der Vorbereitungen ist der neue Wehrdienst, der seit Januar 2026 eine verpflichtende Musterung für junge Männer vorsieht. Die Bundeswehr will so von derzeit rund 185.000 Soldaten auf mindestens 260.000 wachsen. Verfehlt die Regierung die Zielkorridore, kann der Bundestag eine Bedarfswehrpflicht beschließen. Trotz anfänglichen Interesses am neuen Wehrdienst wurden bislang jedoch nur 530 junge Männer für 2026 gewonnen, wie jux.net im Juni berichtete.

Gleichzeitig steigt die Zahl der Kriegsdienstverweigerer massiv an. Wie jux.net im Juli berichtete, gingen allein im ersten Halbjahr 2026 5.862 Anträge beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Angelegenheiten ein – mehr als im gesamten Jahr 2025 (3.867).

Koalitionskrach: Union wappnet sich, SPD stellt sich quer

Beim Koalitionspartner regt sich heftiger Widerstand. Wie die Nachrichtenagentur AFP meldet, lehnen SPD-Politiker einen verpflichtenden Zivildienst ab. Unionsfraktionschef Thorsten Frei (CDU) nannte die Vorbereitungen hingegen „sehr klug und richtig“. Zugleich stellte er klar: „Da gibt es keine neue Diskussion zur Wehrpflicht.“

Für den Fall, dass es zu einer Wiedereinführung einer Wehrpflicht käme, müsste es ja auch einen entsprechenden Ersatzdienst geben. Und dass sich das Bundesfamilienministerium mit allen Eventualitäten darauf vorbereitet und auch auf unterschiedliche Situationen und Szenarien vorbereitet, ist, glaube ich, sehr klug und richtig.
Thorsten Frei, Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

Sozialverbände gespalten: Von Bereitschaft bis Ablehnung

Bei den Sozialverbänden fallen die Reaktionen gemischt aus. Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa dämpfte die Erwartungen. Mit einer Bedarfswehrpflicht würden nur so viele Männer eingezogen, wie die Bundeswehr brauche – motivierte Männer würden kaum verweigern. Ein Zivildienst wäre dann „eine Randnotiz“. Zudem warnte sie: „Wer den Eindruck erweckt, auf diesem Weg ließen sich die Personalprobleme sozialer Einrichtungen lösen, weckt völlig falsche Erwartungen.“

Wer schon angibt, dass er motiviert ist, wird hinterher nicht verweigern. […] Wer den Eindruck erweckt, auf diesem Weg ließen sich die Personalprobleme sozialer Einrichtungen lösen, weckt völlig falsche Erwartungen.
Eva Maria Welskop-Deffaa, Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes

Verbände fordern Mindestdauer und Gleichstellung

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) könnte nach eigenen Angaben rund 2.000 Plätze bereitstellen. ASB-Bundesvorsitzender Knut Fleckenstein forderte eine Dienstdauer von mindestens neun, besser zwölf Monaten, damit junge Menschen „die Chance haben, etwas zu lernen und eine Verbindung zu ihrer Aufgabe herzustellen“. Der ASB sei aber „kein Anhänger von Zivil- und Ersatzdienst“ und habe gute Erfahrungen mit den Freiwilligendiensten gemacht.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) betonte, bei einer Wehrpflicht müsse es auch wieder einen Zivildienst geben, so DRK-Präsident Hermann Gröhe. Gleichzeitig forderte er eine frühzeitige Finanzierungszusage.

Der Sozialverband Deutschland (SoVD) sprach sich grundsätzlich gegen jeden Zwangsdienst aus. „Statt auf Zwang zu setzen, müssen freiwilliges Engagement und Ehrenamt gestärkt und der Bundesfreiwilligendienst sowie das Freiwillige Soziale Jahr verlässlich gefördert werden“, erklärte SoVD-Vorstandsvorsitzende Michaela Engelmeier.

Statt auf Zwang zu setzen, müssen freiwilliges Engagement und Ehrenamt gestärkt und der Bundesfreiwilligendienst sowie das Freiwillige Soziale Jahr verlässlich gefördert werden.
Michaela Engelmeier, Vorstandsvorsitzende des Sozialverbands Deutschland

Auch die Linke meldete sich zu Wort. Bundesvorsitzende Ines Schwerdtner kritisierte gegenüber der Deutschen Welle: „Junge Menschen nicht als Lückenbüßer für einen Sozialstaat dienen, den die Bundesregierung über Jahre kaputtgespart hat. Bei Pflege, Rettungsdiensten und sozialen Einrichtungen braucht es keine staatlich verpflichteten Billigarbeitskräfte.“

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Die Chronologie der Wehrpflicht-Debatte

Vom Ende der Wehrpflicht zu neuen Plänen

  1. Juli 2011
    Wehrpflicht ausgesetzt

    Die schwarz-gelbe Regierung unter Kanzlerin Merkel setzt die allgemeine Wehrpflicht aus – faktisch enden damit auch der Zivildienst und der Kriegsdienstverweigerungsparagraph. Ersatzweise wird der Bundesfreiwilligendienst (BFD) eingeführt.

  2. Winter 2025/26
    Fragebögen an Verbände

    Das Familienministerium verschickt im Vorfeld der neuen Wehrdienstgesetzgebung Fragebögen an 23 große Sozialverbände und Organisationen, um Kapazitäten für mögliche Zivildienstplätze abzuklären.

  3. Januar 2026
    Neuer Wehrdienst mit Musterungspflicht

    Der Bundestag beschließt einen neuen Wehrdienst: Ab dem Jahrgang 2008 sind junge Männer verpflichtet, sich mustern zu lassen. Ziel der Bundeswehr: Aufwuchs auf 260.000 Soldaten bis 2030.

  4. 1. Halbjahr 2026
    Kriegsdienstverweigerungen explodieren

    Beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben gehen 5.862 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung ein – mehr als im gesamten Vorjahr.

  5. 4. August 2026
    Bericht über Zivildienst-Vorbereitungen

    Die Bild-Zeitung enthüllt die Befragung der Verbände durch das Familienministerium. Das Ministerium bestätigt: 22 von 23 Verbänden signalisieren grundsätzliche Bereitschaft.

  6. Nach der Sommerpause 2026
    Offizielle Vorstellung der Pläne

    Das Familienministerium will seine konkreten Pläne für einen modernen Zivildienst und eine Reform der Freiwilligendienste vorlegen. Ein neuer Zivildienst bleibt jedoch an die Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht gekoppelt.

Das Familienministerium will seine konkreten Pläne nach der Sommerpause offiziell vorstellen. Wie viele Zivildienstplätze es tatsächlich geben würde, hängt davon ab, „ob, wann und in welchem Umfang die Wehrpflicht nach § 2a Wehrpflichtgesetz angeordnet wird“, so die Sprecherin. Unabhängig davon arbeite man an einem Gesetz zur Stärkung der Freiwilligendienste.