Kai Wegner als Mörder verleumdet: taz enthüllt russische Fake-Kampagne
Bild: KI-generiert
Matrjoschka-Kampagne

Kai Wegner als Mörder verleumdet: taz enthüllt russische Fake-Kampagne

Ein gefälschtes taz-Video beschuldigt Berlins Regierenden Bürgermeister des Mordes an einem Tennisprofi. Dahinter steckt eine russische Desinformationskampagne mit über 180 Fake-Posts gegen mehr als 40 Politiker vor den Landtagswahlen im September.

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Ein gefälschtes Video im taz-Design beschuldigt Berlins Regierenden Bürgermeister Kai Wegner des versuchten Mordes an einem professionellen Tennisspieler. Die Aufmachung mit weißer Schrift auf rotem Grund und dem taz-Logo wirkt täuschend echt, doch der Inhalt ist frei erfunden. Wie die taz am 5. August 2026 berichtet, hat die Redaktion umgehend rechtliche Schritte eingeleitet, und die Berliner Polizei dementiert jegliche Ermittlungen gegen den CDU-Politiker.

Der gefälschte Beitrag ist kein Einzelfall. DW Faktencheck hat inzwischen mehr als 180 solcher Fake-Posts auf X, Bluesky und TikTok dokumentiert, die sich gegen mehr als 40 Kandidatinnen und Kandidaten von CDU, SPD, Grünen, Linken und FDP richten. AfD und BSW hingegen werden konsequent ausgespart – ein Muster, das Experten als Teil einer langfristigen russischen Strategie werten, russlandfreundliche Parteien zu stärken.

So funktioniert die Kampagne

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschreibt das Vorgehen in fünf Stufen. Zunächst werden KI-generierte Videos mit erfundenen Skandalen produziert und mit Logos westlicher Medien wie taz, Deutsche Welle oder ARD versehen. Diese erscheinen zuerst in prorussischen Portalen und auf Telegram, bevor sie von reaktivierten Fake-Konten auf X, Bluesky und TikTok gestreut werden. Auffällig: Die Accounts operieren nur werktags, was auf menschliche Steuerung hindeutet.

Automatisierte Bots verbreiten die Inhalte dann gezielt als Antworten unter Beiträge von Medien und Politikern. Teilweise adressieren die Betreiber sogar Faktenchecker – in der Hoffnung, dass diese die Lügen zwar entkräften, aber zugleich weiterverbreiten. Bot-gesteuerte Likes und Reposts erzeugen künstliche Reichweiten von bis zu 189.000 Views pro Post.

Chronologie der Desinformationswelle

  1. 24. Juni 2026
    Start der Kampagne

    Erste gefälschte Titelseiten deutscher Zeitungen tauchen auf.

  2. Juli 2026
    Eskalation

    Übergang zu Mord- und Missbrauchsvorwürfen; mehr als 180 Posts dokumentiert.

  3. 3. August 2026
    Recherche veröffentlicht

    DW Faktencheck und tagesschau enthüllen das Ausmaß der Kampagne.

  4. 5. August 2026
    Wegner-Fake und Reaktionen

    taz deckt Kai-Wegner-Video auf; Sicherheitskreise bestätigen russische Urheberschaft.

Wer steckt dahinter?

Mehrere Indizien weisen nach Russland. Das anonyme Recherchekollektiv „Antibot4Navalny" und das Institute for Strategic Dialogue (ISD) ordnen die Kampagne der GRU-Einheit Storm-1679 zu. Sprachliche Fehler liefern zusätzliche Belege: In einem spanischsprachigen Post über die FDP-Politiker Hüskens und Silbersack wird die Partei als „SvDP„ abgekürzt – die russische Schreibweise. Zudem hat ein Leak der Kreml-nahen „Social Design Agency“ (SDA) vom Mai 2026 die strategische Planung solcher Operationen offengelegt.

Die aktuelle Kampagne weist viele Muster auf, die bei der russischen Einflussoperation ‚Matrjoschka‘ seit Jahren beobachtet werden.
Julia Smirnova, CeMAS-Forscherin

Die Zielauswahl stützt den Verdacht: Nur Kandidaten von Parteien, die die Ukraine unterstützen, werden angegriffen; AfD und BSW, die als russlandfreundlich gelten, sind nicht betroffen. Bereits vor der Bundestagswahl 2025 tauchten ähnliche Videos auf, die der Verfassungsschutz Russland zuordnete – wie ein gefälschtes Video über Kanzler Merz zeigte. Der ukrainische Botschafter warf deutschen Parteien erst kürzlich vor, Weisungen aus Moskau zu erhalten.

Betroffene Politiker

Zu den prominentesten Opfern zählen neben Kai Wegner die Berliner Spitzenkandidaten Stefan Evers (CDU), Bettina Jarasch (Grüne) und Elif Eralp (Linke). In Mecklenburg-Vorpommern wurden Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und Minister Till Backhaus (beide SPD) mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert. Der Linke-Direktkandidat Eric Stehr in Sachsen-Anhalt sieht sich gleich mehrfach als Mörder verleumdet.

Ich soll ein Webcam-Model ermordet haben, mit dem mein Freund oder meine Freundin – es wurde beides genannt – fremdgegangen sei.
Eric Stehr, Linke-Direktkandidat in Sachsen-Anhalt

Stehr hat Anzeige erstattet, bleibt aber skeptisch: „Eine Anzeige ist eher was für die Statistik, nicht dass da jemand verhaftet wird.„ Die Berliner Grünen erklärten, man habe alle Wahlkämpfenden auf die Gefahr vorbereitet und werde „jedes Fake-Video sofort melden und löschen lassen“. Katy Hoffmeister (CDU MV) stellte ebenfalls Strafanzeige und empfiehlt dies auch anderen Betroffenen.

Wirkung und Gegenmaßnahmen

Trotz der hohen Zahl an Fake-Posts ist die tatsächliche Wirkung nach Experteneinschätzung gering. CeMAS-Forscherin Julia Smirnova stellt fest: „Wir haben keine Hinweise darauf, dass die Kampagne wirklich wirkt.„ Die Views und Interaktionen stammten zu großen Teilen von nichtauthentischen Accounts. ISD-Spezialist Pablo Maristany de las Casas bestätigt, dass die Auswirkungen „nicht signifikant“ seien, angesichts der künstlichen Amplifizierung.

Allerdings bleiben die Inhalte auf X oft lange online, während Bluesky und TikTok sie meist rasch löschen. Der Berliner Landeswahlleiter Stephan Bröchler kündigte die KI-Anwendung „Gretchen AI„ an, die Nutzern helfen soll, Fälschungen zu erkennen. Zudem will er die Plattformen zu einem Austausch einladen, „um gemeinsam Wege zu finden, Desinformationskampagnen frühzeitig zu erkennen und ihre Verbreitung zu begrenzen“.

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Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie die Kommunalwahl in Niedersachsen finden am 6. September 2026 statt. Bis dahin werden Sicherheitsbehörden und Plattformen den Abwehrkampf gegen die Fake-Flut fortsetzen. Bröchler mahnt: „Desinformation über soziale Medien hat im Vergleich zu früheren Wahlen eine neue Dimension erreicht."