Bei jedem fünften Langzeitarbeitslosen fehlt der Arbeitswille
Neue Auswertung aus einem Modellprojekt des Bundes: Bei 19,8 Prozent der untersuchten Langzeitarbeitslosen ist der Arbeitswille nicht vorhanden. Forscher Andreas Herteux fordert einen Paradigmenwechsel weg von der reinen Defizitlogik.
Bei 19,8 Prozent der untersuchten Langzeitarbeitslosen im Bürgergeld-Bezug ist der Arbeitswille komplett erloschen. Das geht aus einer neuen Auswertung des rehapro-Modellprojekts LEILArehaktiv hervor, die der Wirtschafts- und Sozialforscher Andreas Herteux am 12. August 2026 in einer Focus-Online-Kolumne veröffentlichte.
Zusammen mit weiteren 21,7 Prozent, bei denen der Arbeitswille nur „wenig vorhanden“ ist, fehlt bei rund 41,5 Prozent der Wille zur Arbeit weitgehend oder vollständig. Nur 24,4 Prozent zeigen einen voll vorhandenen Arbeitswillen; bei 4,3 Prozent ist er noch nicht verlässlich abschätzbar.
Arbeitswille der untersuchten Langzeitarbeitslosen
Anteile in Prozent (n=258 Langzeitbeobachtungen)
Quelle: LEILArehaktiv, Auswertung Mai 2025
Normen verschieben sich
Die Daten stammen aus dem vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderten Modellprojekt LEILArehaktiv, das seit Januar 2022 Langzeitarbeitslose mit multiplen Beeinträchtigungen begleitet. Die Zielgruppe ist stark belastet: Das Durchschnittsalter liegt bei 46,5 Jahren, 20,1 Prozent haben keinen Schulabschluss, 49,2 Prozent keine abgeschlossene Berufsausbildung.
Nur 40,9 Prozent der Teilnehmenden bewerteten bürgerliche Normen positiv, 12,8 Prozent lehnten sie ab. Herteux leitet daraus sechs Milieus ab – von den Veränderungswilligen (30 Prozent) bis zu den Eingerichteten (17 Prozent) und Skeptischen (7 Prozent), bei denen Erwerbstätigkeit nicht mehr zur erstrebenswerten Norm gehört.
Defizitthese erklärt nicht alles
Herteux argumentiert, die bisherige Arbeitsmarktpolitik sei von der Defizitthese geprägt: Menschen finden keine Arbeit, weil ihnen etwas fehlt – Schulabschluss, Ausbildung, Sprache, Gesundheit. Diese Sicht sei nicht falsch, erkläre aber nicht, warum Hilfe bei manchen Menschen kaum etwas verändert.
Der entscheidende Denkfehler liege in der Annahme, der Mensch warte nur darauf, repariert zu werden. Es komme nicht nur auf das Können an, sondern auch auf das Wollen. Deshalb fordert Herteux, zwischen Bedürftigkeit, Überforderung, Blockade, Passivität und Verweigerung zu unterscheiden.
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13,9 Millionen Euro für fünf Jahre Begleitung
Das Projekt LEILArehaktiv läuft vom 1. Januar 2022 bis 31. Dezember 2026 und wird mit bis zu 13,9 Millionen Euro Bundesmitteln gefördert. Beteiligt sind die Jobcenter der Landkreise Miltenberg, Aschaffenburg, Neckar-Odenwald, Main-Tauber und Main-Spessart sowie das Jobcenter Stadt Aschaffenburg.
Die Teilnehmenden werden bis zu fünf Jahre engmaschig begleitet; pro Person stehen bis zu 3,25 Stunden Betreuung pro Woche zur Verfügung. Das Fallmanagement arbeitet aufsuchend, stellt Tablet-Computer, übernimmt zusätzliche Fahrtkosten und zahlt Motivationsprämien.
„Es ist ein wichtiges Signal, dass wir uns bemühen, Menschen nach längerer Arbeitslosigkeit den Weg zurück in die Arbeit zu ermöglichen. Dies zeigt, dass in unserer Gesellschaft für jeden Menschen ein Platz ist und wir uns auch um Menschen mit einem besonderen Unterstützungsbedarf besonders kümmern!“
Jens Marco Scherf, Landrat des Landkreises Miltenberg
Paradigmenwechsel statt Sanktionsdebatte
Herteux räumt selbst ein, dass Stichprobe, Regionalität und Auswahl der Personen kritisiert werden können. Das Modell sei Anregung, nicht Endstation. Die Normverschiebung sei jedoch Realität und längst wissenschaftlich anerkannt.
Die Kolumne erscheint inmitten der laufenden Bürgergeld-Debatte. Sachsen-Anhalts Regierungschef Sven Schulze (CDU) etwa fordert eine Arbeitspflicht für gesunde Bürgergeldempfänger. Herteux setzt dagegen: Ein Sozialstaat, der wirklich integrieren wolle, müsse die richtigen Menschen erreichen, nicht nur Härte zeigen.
Die eigentliche Reformfrage laute nicht, wie hart der Staat sein müsse, sondern: Welche Menschen sind noch erreichbar, welche brauchen Stabilisierung, und bei welchen ist klassische Arbeitsintegration zur Fiktion geworden? Das Projekt endet am 31. Dezember 2026.