Die AfD erreicht bei Arbeitern 30 Prozent, die SPD nur noch 16 – und die ARD fragt in einer neuen Reportage: Ist die AfD wirklich eine Arbeiterpartei? Die Antwort, die der Film „Alternative für Arbeiter? – Mein Kumpel wählt AfD“ am Donnerstagabend gab, ist eindeutig: Nein.
Doch genau diese Darstellung sorgt für heftigen Widerspruch. Focus Online und die Frankfurter Allgemeine Zeitung werfen dem Sender vor, AfD-Wähler wie erklärungsbedürftige Exoten zu behandeln – obwohl die Partei längst Massenzuspruch hat.
Im Zentrum stehen zwei Freunde aus Gelsenkirchen: Andreas, Gebäudereiniger, wählt AfD; Thomas, Chirurg, wählt Die Linke. Beide früher SPD-Anhänger, verbunden durch die Liebe zum FC Schalke 04.
Zwei Freunde, zwei Welten
Die Reporter Sebastian Friedrich und Isabel Schneider begleiteten Andreas und Thomas über mehrere Monate durch den Aufstiegskampf von Schalke 04 – von Heimspielen gegen Hannover 96 bis zur Auswärtsfahrt nach Darmstadt. Ihre politischen Diskussionen zeigen den Kernkonflikt: Andreas sieht in der AfD eine Partei, die die Unzufriedenheit der Beschäftigten aufgreift.
„Jeder, der arbeitet und sein Geld selber verdient, kann gerne hierbleiben, egal was für eine Nationalität – aber Schmarotzer, sowas brauchen wir nicht“, sagt Andreas im Film. Thomas hält dagegen: Die AfD sei „in ihrem Programm absolut unsozial“ und benachteilige gerade die, die wenig haben.
Am Ende räumt Andreas sogar ein, mit seiner AfD-Wahl „im Prinzip ein Eigentor geschossen“ zu haben. Der Film zeigt: Der Arbeiter, der gegen das System rebelliert, wählt eine Partei, die ihm wirtschaftlich schadet.
Was die Studien zeigen
Panorama ließ den Tübinger Politikwissenschaftler Floris Biskamp sämtliche AfD-Programme seit 2013 auswerten. Das Ergebnis: Die AfD ist seit ihrer Gründung „eindeutig am marktliberal-unternehmensfreundlichen-fiskalkonservativen Pol“ einzuordnen. Auf Biskamps Skala erreichte die AfD bei der Bundestagswahl 2025 92 Prozent – nur die FDP lag mit 100 Prozent weiter marktliberal, die Linke kam auf 8 Prozent.
Auch die Leibniz-/ZEW-Berechnung, die der Film zitiert, zeigt: Von den steuerpolitischen AfD-Vorschlägen profitieren überproportional Menschen mit hohen Einkommen. Eine Familie mit zwei Kindern und 180.000 Euro Jahreseinkommen würde demnach 19.185 Euro Steuern sparen.
Arbeiterwahlverhalten: SPD verliert, AfD gewinnt
Anteil der Arbeiterstimmen in Prozent
Scharfe Kritik aus den Medien
Focus Online veröffentlichte am Freitag eine TV-Kolumne mit dem Titel „Trotz starker AfD sieht ARD ihre Wähler als seltene Exoten“. Der Autor wirft dem Ersten vor, zu staunen, „dass auch AfD-Wähler Freunde haben, in die Arbeit gehen und Fußball mögen“, und fragt ironisch, ob eine Partei, die in Umfragen „auf mehr als 40 Prozent der Stimmen“ komme, noch exotisch sein könne.
Dabei bezieht sich der Autor auf die jüngsten Umfragewerte. 38 Prozent der Arbeiter wählen bereits die AfD, wie jux.news berichtete. Auch die AfD erreicht in Umfragen 27 Prozent – die Union fällt auf 21 Prozent.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kritisierte die Reportage ebenfalls. Melanie Mühl nannte sie „oberflächlich“ und bemängelte, dass der Fokus einseitig auf dem AfD-Wähler Andreas liege, während die politische Entscheidung des Linken-Wählers Thomas nicht hinterfragt werde.
Die AfD-Strategie
Im Film erklärt AfD-Sprecher René Springer die Strategie seiner Partei. Er setzt auf die Verschiebung des Konflikts:
„Die soziale Frage des 21. Jahrhunderts, das ist eben nicht mehr die Frage zwischen unten und oben, sondern es ist die Frage zwischen innen und außen.“
Springer verteidigt die Steuerentlastung für Wohlhabende mit dem Argument, diese „zahlen eben auch mehr Steuern“. Alice Weidel polemisiert im Archivmaterial gegen „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner“, Björn Höcke spricht von der „Verteilung unseres Volksvermögens von innen nach außen“.
SPD-Urgestein Franz Müntefering verteidigt im Film die Agenda 2010 als gerecht und wohlstandssichernd. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Die SPD hat die Arbeiter an die AfD verloren, und die AfD vertritt ihre Interessen nicht.
