Migrationssorge erklärt 75 Prozent der AfD-Unterstützung
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AfD-Studie

Migrationssorge erklärt 75 Prozent der AfD-Unterstützung

Die Sorge um Zuwanderung ist laut einer neuen Studie der Universität des Saarlandes der dominante Faktor für die Unterstützung der AfD – wirtschaftliche Benachteiligung spielt kaum eine Rolle. Das stellt die Strategie linker Parteien infrage, AfD-Wähler mit Sozialpolitik zurückzugewinnen.

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Wer die AfD wählt, ist kein abgehängter Modernisierungsverlierer – sondern vor allem besorgt über Zuwanderung. Das zeigt eine neue Studie der Universität des Saarlandes, die WELT am 16. August 2026 vorstellt.

Die Soziologen Martin Schröder, Moritz Rehm und Anja Röcke haben Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2014 bis 2024 ausgewertet – über 110.000 Einzelbefragungen von knapp 32.000 Personen. Ihre Studie erschien am 21. Juli 2026 in PLOS One unter dem Titel „Supporters of Germany’s far-right AfD party are concerned about immigration rather than feeling deprived“.

Das zentrale Ergebnis: Die Sorge um Einwanderung erklärt rund 75 Prozent der statistisch erklärbaren Unterschiede bei der Unterstützung der AfD. Beim tatsächlichen Wahlverhalten steigt dieser Anteil sogar auf etwa 90 Prozent. Einkommen, Bildungsstand oder subjektiv empfundene Benachteiligung verändern die Vorhersage dagegen nur geringfügig.

So wurde die AfD-Unterstützung gemessen

Die Forscher nutzten die regelmäßig im SOEP gestellte Frage: „Wie besorgt sind Menschen über die Zuwanderung nach Deutschland?“ Die Antwortmöglichkeiten reichen von gar nicht über etwas bis sehr besorgt. Schon diese einfache Einschätzung erwies sich über den gesamten untersuchten Zeitraum als stärkster Einzelindikator.

„Dabei geht es nicht um die tatsächliche Zahl von Migrantinnen und Migranten im unmittelbaren Umfeld einer Person, sondern um ihre persönliche Wahrnehmung und Bewertung des Themas Einwanderung“, erläutert Martin Schröder gegenüber der Universität des Saarlandes. Das heißt: Entscheidend ist die subjektive Sorge, nicht die reale lokale Migrationsquote.

Chronologie der Studienergebnisse

  1. 21. Juli 2026
    Studie erscheint in PLOS One

    Schröder, Rehm und Röcke veröffentlichen ihre Analyse im Fachjournal.

  2. 6. August 2026
    Pressemitteilung der Universität

    Die Universität des Saarlandes meldet: „It’s not the economy, stupid!“

  3. 13. August 2026
    Panorama zur AfD-Wirtschaftspolitik

    Die ARD sendet eine Reportage mit Ergebnissen von Floris Biskamp.

  4. 16. August 2026
    WELT greift Studie auf

    Der Artikel von Frederik Schindler erscheint.

Widerspruch zur Modernisierungsverlierer-These

Die Ergebnisse widersprechen der verbreiteten Annahme, AfD-Wähler seien vor allem wirtschaftlich abgehängt. Zwar zeigten einige dieser Faktoren statistische Zusammenhänge, aber im Vergleich zur Sorge um Einwanderung fielen sie deutlich schwächer aus.

Zwar zeigten einige dieser Faktoren statistische Zusammenhänge mit der AfD-Unterstützung. Im Vergleich zur Sorge um Einwanderung fielen diese Zusammenhänge jedoch deutlich schwächer aus. Besonders bemerkenswert: Selbst Menschen mit hohem Einkommen und hoher Bildung unterstützten die AfD häufiger, wenn sie starke Sorgen bezüglich der Migration äußerten.
Martin Schröder, Professor für Soziologie, Universität des Saarlandes

Linke Parteien wollen AfD-Wähler bislang vor allem mit Sozialpolitik zurückgewinnen. Die Studie legt nahe, dass dieser Ansatz zu kurz greift. „Viele politische Akteure argumentieren, eine Verbesserung sozialer und wirtschaftlicher Bedingungen könne rechtspopulistischen Parteien den Nährboden entziehen. Unsere Analysen legen nahe, dass kulturelle und migrationsbezogene Einstellungen erheblich wichtiger sind“, zitiert die Universität des Saarlandes aus der Studie.

AfD bei Arbeitern stark – trotz marktliberaler Politik

Dass wirtschaftliche Faktoren den AfD-Erfolg nicht erklären, zeigt sich auch bei der Arbeiterklasse. Bei der vergangenen Bundestagswahl war die AfD erstmals stärkste Partei unter Arbeitern – bis zu 38 Prozent stimmten für sie. Der Tübinger Politikwissenschaftler Floris Biskamp hat für Panorama analysiert, dass die AfD wirtschafts- und sozialpolitisch allerdings marktliberal-unternehmensfreundlich ist – und trotzdem gewählt wird.

Bereits frühere Arbeiten von Philip Manow und Hanna Schwander zeigten, dass wirtschaftliche oder soziale Ungleichheit den Aufstieg der AfD „so gut wie gar nicht erklären“ kann. Stattdessen identifizierten sie eine „Tradition des rechten Wählens“ in bestimmten Regionen seit den 1990er Jahren. Manow zog bereits 2017 das Fazit: „Dieser Befund lässt es als eher unwahrscheinlich erscheinen, dass die AfD aus denjenigen Parlamenten, in die sie hineingewählt wurde, bald wieder verschwinden wird.“

Bleibt die AfD?

Die neue Studie liefert eine klare Konsequenz: Wer AfD-Wähler zurückgewinnen will, muss die Sorge um Migration ernst nehmen – nicht allein auf Sozialpolitik setzen. Die Längsschnittanalyse zeigt, dass sich die AfD-Unterstützung vor allem dann ändert, wenn sich die Sorgen um Zuwanderung ändern.

Wenn Menschen im Laufe der Zeit besorgter hinsichtlich der Einwanderung wurden, stieg ihre Wahrscheinlichkeit, die AfD zu unterstützen, deutlich an. Veränderungen der finanziellen Situation oder der Abstiegsangst hatten dagegen kaum Auswirkungen.
Martin Schröder, Professor für Soziologie, Universität des Saarlandes

Damit steht die Erklärung des AfD-Erfolgs auf einem neuen Fundament. Die Partei dürfte kaum wieder verschwinden, solange das Thema Migration für viele Wähler drängend bleibt. Die Politik muss sich entscheiden, ob sie diese Sorgen aufnimmt oder weiter auf ökonomische Antworten setzt.