Kurbjuweit verteidigt Siegmund-Cover trotz Wahlkampfhilfe-Vorwürfen
Bild: KI-generiert
Landtagswahl

Kurbjuweit verteidigt Siegmund-Cover trotz Wahlkampfhilfe-Vorwürfen

Drei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt verteidigt der „Spiegel“-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit die Titelseite, die AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ zeigt. Kritiker sprechen von Wahlkampfhilfe für die AfD – Siegmund selbst nennt das Cover „bessere Wahlwerbung“.

Veröffentlicht
JUX auf Google folgen

Drei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat der „Spiegel“ AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ erklärt – und die umstrittene Titelseite jetzt auch gegen massive Kritik verteidigt. Chefredakteur Dirk Kurbjuweit nennt das Cover legitim, Kritiker sprechen von Wahlkampfhilfe für die AfD.

Die Ausgabe vom 14. August zeigt Siegmund im Passbild-Format vor schwarzem Hintergrund, darunter in roten Buchstaben die Zeile „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Die Aufmachung erinnert an ein Fahndungsplakat. In den sozialen Medien kursierten hunderte Verballhornungen – von Friedrich Merz als „ehrlichstem Politiker Deutschlands“ bis zu Pudel-Welpen als „gefährlichster Hund Deutschlands“.

Kurbjuweits Rechtfertigung

In seinem Newsletter „Morning Briefing“ vom 16. August schrieb Kurbjuweit, Siegmund „gibt sich freundlich, wirkt gewinnend, auch auf Bürgerinnen und Bürger, die nicht rechtsextremer Gesinnung sind, sich aber große Veränderungen in der Politik wünschen“. Siegmunds Pläne für Sachsen-Anhalt seien aber ein „Anschlag auf die liberale Demokratie. Minderheiten würden das zuerst spüren“.

Das zusammen, das Umgängliche und das Extreme, machen Siegmund zu einem gefährlichen Mann, aktuell zum gefährlichsten Mann Deutschlands, aus Sicht liberaler Demokraten.
Dirk Kurbjuweit, Spiegel-Chefredakteur

Grundsätzlich argumentierte Kurbjuweit, Politiker hätten wegen ihrer Gestaltungsmacht potenziell größere Auswirkungen als Einzelpersonen. „Wenn ein Politiker böse Absichten hat – die allermeisten haben das zum Glück nicht –, kann das böse Folgen für Hunderttausende haben, vielleicht für Millionen“, zitiert ihn die Berliner Zeitung.

Den Vorwurf der Wahleinmischung wies er zurück, wie der Tagesspiegel berichtet: „Relevanz ist unser oberstes Kriterium, nicht die Frage, wem eine Titelgeschichte nützt oder schadet.“ Er verwies auf Augsteins Motto „Sagen, was ist“ und ergänzte: „Die AfD ist da, leider ist sie stark und damit relevant, deshalb ist sie Gegenstand unserer aufklärenden Berichterstattung, in jeder Form.“

Kritik von Bartsch und Bosbach

Linken-Bundestagsabgeordneter Dietmar Bartsch nannte das Cover gegenüber Welt TV „unverantwortlich“, „irre“ und „ahnungslos“. Er sagte: „Letztlich ist das Wahlkampfhilfe für die AfD.“ Zugleich verwies er auf den Anschlag auf den Berliner CSD: „Der gefährlichste Mann – das sind die Leute, die Autos in den CSD fahren lassen. Das sind gefährliche Menschen, weil sie Leben riskieren.“

Auch CDU-Politiker Wolfgang Bosbach sprach von „unfreiwilliger Wahlhilfe“ für die AfD und legte nach: „Ich habe einen Vorschlag für die nächste Ausgabe: Die dümmste Redaktion Deutschlands“, zitiert ihn die WELT. WELT-Autor Ulf Poschardt nannte die Geschichte „armselig“, Cicero-Chefredakteur Alexander Marguier schrieb von einem „Rohrkrepierer aus Hamburg“ und erstklassiger Wahlkampfunterstützung.

Ich habe einen Vorschlag für die nächste Ausgabe: Die dümmste Redaktion Deutschlands.
Wolfgang Bosbach, CDU-Politiker

Siegmunds Reaktion

Noch im Juli hatte Alice Weidel Siegmund beim Wahlkampfauftakt in Magdeburg zum ersten AfD-Ministerpräsidenten ausgerufen. Jetzt nimmt der Kandidat das Cover gelassen auf: Am Freitag bezeichnete er es am Rande einer Wahlkampfveranstaltung als „sehr gute Werbung“; es zeige jemanden, der sein Land liebe und für eine bessere Zukunft kämpfe.

Auf die Frage, wie es sei, Björn Höcke als „gefährlichsten Mann Deutschlands“ abgelöst zu haben, antwortete Siegmund: „Das ist ein riesengroßer Ritterschlag“ und „Bessere Wahlwerbung kann man für uns gar nicht machen“. Auf Instagram teilte er ein Video, in dem er „Spiegel“-Ausgaben signiert; auf X schrieb er ironisch: „Wenn wir am 06.09.26 46 % holen, verrate ich euch, was wir für die Nummer im SPIEGEL bezahlt haben“.

Bessere Wahlwerbung kann man für uns gar nicht machen.
Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat Sachsen-Anhalt

Die Ausgangslage vor der Wahl

Sachsen-Anhalt wählt am 6. September einen neuen Landtag. In einer Umfrage der Agentur pollytix kommt die AfD auf 43 Prozent – ein neuer Höchststand –, insgesamt bewegt sie sich zuletzt zwischen 41 und 43 Prozent. Die CDU liegt bei 23 Prozent, dahinter die Linke, SPD (7 Prozent) und Grüne (5 Prozent); BSW (4 Prozent) und FDP (2 Prozent) scheiterten an der Fünfprozenthürde.

Zum Vergleich: 2021 holte die CDU 37,1 Prozent, die AfD 20,8 Prozent. Der Landesverband der AfD wird vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft. CDU-Ministerpräsident Sven Schulze hat eine Regierung mit AfD und Linkspartei erneut ausgeschlossen. Mangels koalitionswilliger Partner hofft die Partei auf eine absolute Mehrheit der Sitze, um allein regieren zu können.

Cicero beschreibt Siegmund als 35 Jahre alten Landesparteivorsitzenden und „Duftmarketing-Experten“ aus Tangermünde. Ein möglicher AfD-Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt würde nach Einschätzung des Magazins Auswirkungen haben, die über das Bundesland hinausreichen.

Ob die Titelseite die AfD tatsächlich stärkt, zeigt sich spätestens am Wahlabend.