51 Prozent der Deutschen für Grenzschließung – nur 30 Prozent glauben an Integration
Mehrheit will Grenzen dicht, gleichzeitig bekennt sich die Mehrheit zum Asylrecht – die Ipsos-Studie offenbart einen tiefen Widerspruch und massive Zweifel an der Schutzbedürftigkeit.
51 Prozent der Deutschen wollen die Grenzen für Flüchtlinge vollständig schließen. Das zeigt die am 14. Juli veröffentlichte Ipsos-UK/UNHCR-Studie, für die 21.521 Erwachsene in 29 Ländern befragt wurden – darunter rund 1.000 in Deutschland.
Der Wert liegt knapp über dem weltweiten Durchschnitt von 49 Prozent. Gleichzeitig bekennen sich 69 Prozent der Deutschen zum grundsätzlichen Recht, in einem anderen Land Schutz vor Krieg oder Verfolgung zu suchen – ein Widerspruch, der die Debatte prägt.
Die Umfrage entstand zum 75. Jubiläum der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951. Befragt wurde zwischen dem 24. April und 8. Mai 2026. Die Fehlertoleranz gibt Ipsos für Deutschland mit plus/minus 3,5 Prozentpunkten an.
Mehrheit für Grenzschließung – aber Bekenntnis zum Schutzrecht
62 Prozent der Befragten in Deutschland glauben, viele Asylsuchende seien nicht wirklich schutzbedürftig, sondern suchten wirtschaftliche Chancen oder Sozialleistungen. Weltweit liegt dieser Wert bei 61 Prozent.
Nur 30 Prozent halten eine erfolgreiche Integration für möglich; weltweit sind es 44 Prozent. 35 Prozent sehen einen positiven Beitrag von Flüchtlingen, im globalen Schnitt 39 Prozent.
Einstellungen der Deutschen zu Flüchtlingen (2026)
Ipsos-UK/UNHCR, Befragung April – Mai 2026, Angaben in Prozent
Quelle: Ipsos/UNHCR
Die Unterstützung für das abstrakte Schutzrecht bleibt hoch, doch die konkrete Aufnahme wird mehrheitlich abgelehnt. Ipsos-UK-Geschäftsführerin Trinh Tu sagt: Die Unterstützung für den Schutz von Geflüchteten habe sich kaum verändert, die Debatte verschiebe sich hin zu Fragen der Umsetzung.
Warum viele an der Schutzbedürftigkeit zweifeln
Ipsos fragte nach den Gründen für die Zweifel. 52 Prozent nennen die unverhältnismäßig hohe Zahl junger Männer unter den Antragstellern, 42 Prozent Gespräche mit Familie und Freunden, 36 Prozent persönliche Erfahrungen.
34 Prozent führen offizielle Statistiken an, 23 Prozent Videos aus sozialen Medien. Länderübergreifend beobachten 54 Prozent, dass viele Asylsuchende über mehr finanzielle Mittel zu verfügen scheinen als angegeben – etwa durch Bezahlung von Schleppern oder Smartphones.
42 Prozent argumentieren, wirklich Schutzbedürftige würden im ersten sicheren Land bleiben. Da Deutschland von sicheren Ländern umgeben sei, werde die Einreise teils als Asyl-Shopping oder Suche nach besseren Sozialleistungen wahrgenommen.
Generationenkluft und internationale Unterschiede
Die Umfrage belegt eine scharfe Kluft zwischen den Generationen: Weltweit glauben 49 Prozent der Generation Z, dass Flüchtlinge sich erfolgreich integrieren werden – aber nur 39 Prozent der Babyboomer. Jüngere sind seltener für Grenzschließungen.
Die höchste Unterstützung für die Aufnahme zeigen Schweden und die Niederlande mit je 78 Prozent, gefolgt von Spanien mit 76 Prozent. In Japan stieg die Unterstützung von 23 Prozent 2019 auf 64 Prozent 2026, in Frankreich von 43 auf 68 Prozent.
Umfrage
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Am niedrigsten ist die Unterstützung in Südkorea mit 44 Prozent. Hintergrund: Laut UNHCR waren Ende 2025 weltweit schätzungsweise 117,3 Millionen Menschen gewaltsam vertrieben – der erste Rückgang seit über einem Jahrzehnt, aber weiterhin ein historisch hoher Wert.
Soziologe relativiert die 51 Prozent
Der Soziologe Marc Helbling von der Universität Mannheim kritisiert im Tagesspiegel das Studiendesign. Bei der Frage nach dem Asylrecht sei konkret von Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, die Rede gewesen, bei der Frage nach der Grenzschließung dagegen nur pauschal von Flüchtlingen.
„Das macht für viele Menschen einen großen Unterschied. Das Wort ‚Flüchtling‘ wird sehr unterschiedlich verstanden. Wird nicht klargestellt, auf wen genau sich die Frage bezieht, denken viele an Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen fliehen, und sind eher geneigt, eine ablehnende Antwort zu geben.“
Marc Helbling, Soziologe, Universität Mannheim
Helbling hält daher rund 30 Prozent – nicht etwa 50 – für den realistischen Anteil derjenigen, die das Asylrecht grundsätzlich ablehnen. „Wir sehen in verschiedenen Befragungen, dass die Einstellung zu diesem Thema über die Zeit sehr stabil ist“, sagt er. Die Sorge um Zuwanderung erklärt laut einer Studie der Universität des Saarlandes 75 Prozent der AfD-Unterstützung.
Für die rund 1,35 Millionen ukrainischen Geflüchteten in Deutschland haben die Zahlen praktische Bedeutung: Der vorübergehende Schutz nach Paragraf 24 bleibt mindestens bis 2028 bestehen, wird künftig aber nur noch jenen gewährt, die die ukrainischen Wehrpflichtregeln erfüllen.
Der Streit um die Deutung der Zahlen wird weitergehen: Während Ipsos von stabiler Unterstützung spricht, sieht Helbling eine verzerrte Debatte. Die Forderung nach Begrenzung ist breit: Eine INSA-Umfrage zeigt, dass 71 Prozent der Deutschen eine Begrenzung der Migration wollen. Die Politik muss entscheiden, wie sie mit dem Widerspruch zwischen Prinzip und Praxis umgeht.