BSW-Rebellin Wirsing fordert Voigts Rücktritt und stellt Brandmauer zur AfD infrage
Zwei BSW-Abgeordnete rebellieren gegen den Kurs ihrer Fraktion: Anke Wirsing fordert Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt zum Rücktritt auf und stellt die Brandmauer zur AfD offen infrage. Die Fraktion hatte zuvor einstimmig für den Verbleib in der Koalition votiert.
Zwei Abgeordnete der BSW-Landtagsfraktion in Thüringen stellen sich offen gegen den Kurs ihrer eigenen Partei. Anke Wirsing fordert Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) zum Rücktritt auf – und stellt die Brandmauer zur AfD grundsätzlich infrage. Das geht aus einem Interview hervor, das Focus online am 18. August veröffentlichte.
Hintergrund ist die Plagiatsaffäre um Voigts Doktorarbeit. Die Technische Universität Chemnitz hatte ihm Anfang 2026 den Doktortitel aberkannt, Voigt klagt dagegen vor dem Verwaltungsgericht Chemnitz. Für Wirsing ist damit die politische Frage klar: Sie fordert, dass Voigt das Feld räumt. Auch eine Zustimmung zu einem AfD-Misstrauensvotum gegen den Ministerpräsidenten schließt sie nicht aus.
Beim Thema Brandmauer wird Wirsing ebenfalls deutlich. Sie sagt: „Ich finde die Aussage, dass AfD-Wähler Protestwähler oder Nazis seien, definitiv falsch.“ Die Brandmauerpolitik habe „offenkundig nicht zum Erfolg geführt“. Deshalb solle die BSW-Basis über eine mögliche Abschaffung mitentscheiden.
Einstimmiger Beschluss – aber ohne die zwei Rebellen
Am 17. August hatte die BSW-Fraktion im Erfurter Landtag nach einer Sitzung einstimmig beschlossen, in der Brombeer-Koalition mit CDU und SPD zu bleiben. Fraktionschefin Sigrid Hupach verkündete den Beschluss, in der Regierungspolitik zu verbleiben. 13 der 15 Mitglieder stimmten dafür – Anke Wirsing und Sven Küntzel fehlten.
Wirsing begründet ihre Abwesenheit mit einem lange geplanten Arztbesuch, Küntzel musste die Sitzung wegen eines Anschlusstermins vor der Abstimmung verlassen. Beide betonen, das sei keine Absicht gewesen. Sie wollen in der Fraktion bleiben – „solange man uns dort haben will“ –, tragen Voigt aber nicht mehr mit.
Der Konflikt hat zwei Ebenen: Zum einen den offenen Machtkampf zwischen der BSW-Bundesspitze um Sahra Wagenknecht und dem Thüringer Landesverband um Katja Wolf. Die Bundesspitze hatte zuvor den Rücktritt Voigts und das Ende der Koalition gefordert, wie jux.news berichtete.
So eskalierte der Konflikt
Die wichtigsten Stationen der Thüringer Regierungskrise im Überblick:
Chronologie der Krise
2024
Erste Plagiatsvorwürfe gegen Voigts Dissertation werden bekannt
Anfang 2026
TU Chemnitz entzieht Voigt den Doktortitel
Ein Widerspruch wird später zurückgewiesen.
13.08.2026
Höcke bietet Wagenknecht Ministerpräsidentenamt an
Die BSW-Gründerin lehnt ab.
14.08.2026
BSW-Bundesvorstand fordert Voigts Rücktritt
Zugleich reicht Voigt Klage gegen die Titel-Aberkennung ein.
17.08.2026
BSW-Fraktion beschließt einstimmig Verbleib in Koalition
Wirsing und Küntzel sind nicht anwesend.
18.08.2026
Focus online veröffentlicht Wirsings Interview
Sie fordert Voigts Rücktritt und stellt die Brandmauer infrage.
Wirsing stellt Brandmauer zur AfD infrage
In dem Interview weist Wirsing die gängige Einordnung von AfD-Wählern zurück. Sie sagte wörtlich:
„Ich finde die Aussage, dass AfD-Wähler Protestwähler oder Nazis seien, definitiv falsch. Das stand lange im Raum. Wir sollten die Menschen als Wähler ernst nehmen. Und Fehler der Politik überdenken, die zu ihrer Entscheidung geführt haben, die AfD zu wählen.“
Anke Wirsing, BSW-Landtagsabgeordnete Thüringen
Auch die bisherige Strategie der strikten Abgrenzung hält Wirsing für gescheitert. „Die Brandmauerpolitik hat offenkundig nicht zum Erfolg geführt“, sagte sie. Sie begrüße, dass die BSW-Basis nun über eine mögliche Abschaffung mitentscheiden wolle. Wagenknecht selbst hatte zuvor bereits gefordert, die Brandmauer zur AfD aufzuheben, wie jux.news früher berichtete.
Ausblick: Basisentscheidung und Misstrauensvotum
Vier BSW-Kreisverbände haben einen Sonderparteitag gefordert. Sollte die Basis dort gegen den Fortbestand der Koalition stimmen, will Wirsing das mittragen – auch wenn sie einen Koalitionsbruch nicht für die Absicht der Antragsteller hält.
Parallel setzt die AfD unter Björn Höcke die BSW-Fraktion mit einem konstruktiven Misstrauensvotum gegen Voigt unter Druck. Wirsing lässt offen, wie sie abstimmen würde: „Das müssen Sie mich dann an dem Tag fragen, an dem das wirklich zur Debatte steht. Ich schließe nichts aus.“
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Offen bleibt, wie sich der BSW-Landesverband positioniert und ob die Bundesspitze weitere Maßnahmen gegen den Landesverband ergreift.