Es ist ein Eklat im ZDF-Talk: Markus Lanz wirft CDU-Politiker Dennis Radtke in seiner Sendung am Donnerstagabend, dem 20. August 2026, vor, die Politik aufgegeben zu haben. Auslöser ist Radtkes Aussage, dass sich auch nach der Abschiebung aller illegalen Migranten am Stadtbild vielerorts nichts ändern werde.
„Selbst wenn wir jeden illegalen Migranten (…) aus Deutschland abgeschoben haben, wird sich an vielen Stellen im Stadtbild nichts verändern.“
Lanz hakte sofort nach: „Wollen Sie so Politik machen? Wollen Sie das den Leuten so sagen?“ Radtke antwortete mit einem klaren „Nein“, doch der Moderator ließ nicht locker. „Was Sie gerade beschreiben, ist die totale Selbstaufgabe!“, warf er ihm vor. „Mich entsetzt das, wenn Sie das so sagen. Politik tritt doch an, um zu gestalten.“
Die Vorgeschichte: Merz’ umstrittene Stadtbild-Aussage
Radtke bezog sich auf eine Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz aus dem Herbst 2025. Merz hatte im Zusammenhang mit Migration und Abschiebungen von einem „Problem im Stadtbild“ gesprochen – eine Formulierung, die eine heftige Kontroverse auslöste. Am 9. Dezember 2025 räumte der Kanzler in der ARD selbstkritisch ein, er hätte die Aussage früher präzisieren sollen.
Chronologie der Eskalation
- Oktober 2025Merz spricht von „Problem im Stadtbild“
Bundeskanzler Friedrich Merz löst mit seiner Aussage eine Kontroverse aus.
- 9. Dezember 2025Selbstkritik in der ARD
Merz räumt ein, die Aussage früher präzisieren zu sollen.
- 30.–31. Juli 2026Ceuta-Krise
Rund 80.000 Migranten gelangen von Marokko aus in die spanische Exklave Ceuta.
- 20. August 2026Eklat bei „Markus Lanz“
Lanz wirft Radtke nach dessen Stadtbild-Aussage „totale Selbstaufgabe“ vor.
- 21. August 2026Medienecho
FOCUS Online, WELT, t-online und merkur.de berichten über den Wortwechsel.
Radtkes Beispiel Wattenscheid: Kino und Metzger als Chiffren
Seine These untermauerte Radtke mit dem eigenen Heimatstadtteil: „Wattenscheid wird nie wieder so aussehen wie in den 70er-, 80er-Jahren. Es wird nie wieder ein Kino in Wattenscheid geben.“ Auch daran, „dass der letzte deutsche Metzger in Wattenscheid zugemacht hat in der Fußgängerzone und da jetzt nur noch ein Halal-Metzger ist“, werde sich nichts ändern – selbst wenn der letzte illegale Migrant abgeschoben sei. Diese Diskussionen führe er regelmäßig mit seinen Eltern.
Lanz blieb hart: „Politik tritt doch an, um zu gestalten.“ Radtke verteidigte sich, sein Gestaltungsanspruch speise sich nicht daraus, den Menschen zu versprechen, „wenn wir jeden illegalen Migranten aus Deutschland abgeschoben haben, dann ist alles wieder so schön wie früher“.
Lanz setzt mit Zahlen nach: 9.000 gescheiterte Abschiebungen
Der Moderator wurde auch beim Thema Abschiebungen konkret, wie Focus Online berichtet. „Allein in diesem Jahr sind bisher 9.000 Abschiebungen gescheitert!“, sagte Lanz. Zudem verwies er auf die rund 260.000 ausreisepflichtigen Menschen in Deutschland: „Das ist doch das Gefühl von Kontrollverlust, das dann entsteht (…) Tatsächlich ist das doch einfach nur die Forderung nach einem rechtsstaatlichen Zustand.“
Radtke hielt dagegen: Für die Abschiebung seien am Ende Kommunen und Bundesländer zuständig, die personell überhaupt nicht die Ausstattung dafür hätten – der Bund müsse stärkere Verantwortung übernehmen. Sein Fazit: „Mit Kopflosigkeit hat sich am Ende noch kein einziges Problem gelöst.“
Radtkes Warnung vor AfD-Versprechen – und die Saat der Resignation
Radtke wandte sich gegen einfache Lösungsversprechen der AfD – und damit auch gegen Forderungen nach Millionen Abschiebungen: „Die AfD erklärt einfach: ‚Wir können diesen Zustand beenden. Von heute auf morgen.‘ Und so einfach ist es eben nicht.“ Er verwies auf 2015 und betonte: „Natürlich darf sich das nicht wiederholen, aber es wird sich auch nicht wiederholen“ – dafür sei mit dem Gemeinsamen Europäischen Asylsystem (GEAS) politisch vorgesorgt worden.
Die Runde: „Festung Europa“ und Kritik an Merz
Migrationsexperte Daniel Thym zeichnete ein düsteres Bild: „Das Motto der Stunde ist Grenzschutz und es ist – hart formuliert – (…) Festung Europa. Das ist Abschottung.“ Journalistin Kerstin Münstermann kritisierte das „laute Schweigen“ von Kanzler Merz angesichts von Waldbränden, Dürre, dem Drohnenvorfall am Leipziger Flughafen und der Ceuta-Krise als „bitter“ und warf der politischen Mitte mangelnde Empathie vor.
Auf die Frage, ob Merz bis Weihnachten zurücktreten könnte, sagte Radtke: „Das halte ich aktuell eigentlich für schwer vorstellbar.“ Münstermann verwies dagegen auf Unzufriedenheit in Teilen der CDU und die anstehenden Landtagswahlen als Gefahr. Laut Umfragen liege die Zufriedenheit mit Merz’ Arbeit bei nur 13 Prozent; Radtke selbst wollte sich dazu nur „differenzierter“ äußern und ergänzte: „Ich bin ja kein Nörgler und Nöler“.
Für die CDU wird die Debatte zur Belastungsprobe: Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt muss Kanzler Merz klären, ob er Radtkes Realismus teilt oder die Ziele seiner Migrationspolitik schärfer fasst. Der Eklat aus der Lanz-Sendung dürfte jedenfalls nachwirken.
