Während Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) am Samstagmorgen in Kiew an einer Veranstaltung mit Kriegsveteranen teilnahm, schlug Russland im Vorort Boryspil zu – zwei Menschen starben, darunter ein Kind. Der Solidaritätsbesuch war aus Sicherheitsgründen nicht angekündigt worden, wie die tagesschau berichtet.
Wadephul war mit einem Sonderzug eingetroffen. Es ist bereits sein vierter Besuch in der Ukraine seit seinem Amtsantritt vor 16 Monaten; auch das Programm in Kiew wurde nicht vorab bekannt gegeben. Der Termin liegt zwei Tage vor dem 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine am Montag, den das Land seit 1991 begeht.
Direkt nach seiner Ankunft warf Wadephul Moskau „wahllosen Mord an Zivilisten“ und die gezielte Zerstörung der Energieinfrastruktur vor. Russland wolle die Lebensgrundlage der Menschen zerstören und so den Durchhaltewillen brechen. Die Sommermonate Juli und August seien für die ukrainische Zivilbevölkerung die tödlichsten seit mehr als vier Jahren.
„Wir stehen an der Seite der Ukraine. Wir unterstützen sie. Sie wird diese militärische Auseinandersetzung gewinnen.“
50 Millionen Euro humanitäre Hilfe für die Frontgebiete
Bei einer Pressekonferenz mit dem ukrainischen Außenminister Andrij Sybiha sagte Wadephul zusätzliche Winterhilfe zu. Deutschland stellt 50 Millionen Euro für humanitäre Hilfe bereit, die über UN-Organisationen und Nichtregierungsorganisationen vor allem Menschen in den Frontgebieten zugutekommen sollen – etwa für die Instandsetzung von Wohnungen sowie mobile Sanitäranlagen und Heizgeräte.
Zusätzlich zahlt Deutschland zehn Millionen Euro in einen NATO-Fonds ein, aus dem Energieversorgung, Sanitätsmaterial und Anlagen zur Drohnenabwehr finanziert werden. Russland tue „alles, um abermals den Winter als Waffe einzusetzen“, sagte Wadephul. Noch Ende Juli hatte Kiews Verteidigungsminister Fedorow das Finanzloch der Ukraine auf 83 Milliarden Euro beziffert.
Luftverteidigung: „Es ist nicht genug“
Besonders dringlich bleibt die Luftverteidigung. Kiew hatte Washington zuletzt um fünf Prozent der US-amerikanischen Patriot-Raketen gebeten. Angesichts der russischen Angriffe mit ballistischen Raketen und Marschflugkörpern sagte Wadephul: „Es ist nicht genug.“ Er führe Gespräche mit europäischen und außereuropäischen Partnern über zusätzliche Systeme – ohne Zusage, aber zuversichtlich.
Anfang der Woche will Wadephul mit US-Außenminister Marco Rubio über zusätzliche Luftverteidigung und die diplomatischen Bemühungen um ein Kriegsende sprechen. Der ukrainische Außenminister Sybiha forderte eine aktivere Rolle Washingtons: „Leider liegen sie derzeit auf Eis. Wir brauchen eine aktivere Beteiligung der amerikanischen Seite.“
Beide Minister berieten auch über neue Sanktionen gegen Russland. Sybiha sprach von einem Paket spezieller Maßnahmen, mit denen Russlands Fähigkeit zur Produktion ballistischer Raketen eingeschränkt werden soll. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte nach einem Telefonat mit Selenskyj weitere Abfangraketen für die Flugverteidigung an.
Angriffe gehen weiter: Zwei Tote in Boryspil
Während Wadephuls Aufenthalt gingen die russischen Angriffe weiter. In Kiew selbst gab es Luftalarm, während der Minister an der Veteranenveranstaltung mit Selenskyj teilnahm. Wie ZDFheute berichtet, griff Russland den Vorort Boryspil – rund 30 Kilometer östlich von Kiew – mit ballistischen Raketen an. „Es hat zwei Todesopfer gegeben, eines davon ein Kind“, sagte Wadephul später.
Chronologie der Angriffe und Besuche
- 21. August 2026Drohnenangriff auf Krywyj Rih
Mindestens 16 Tote und rund 130 Verletzte nach russischem Angriff auf ein Einkaufszentrum.
- 22. August 2026, MorgenWadephul trifft in Kiew ein
Unangekündigter Solidaritätsbesuch mit dem Sonderzug.
- 22. August 2026Raketenangriff auf Boryspil
Zwei Tote, darunter ein Kind, während Wadephul an einer Veteranenveranstaltung teilnimmt.
- 22. August 2026Pressekonferenz mit Sybiha
Zusage von 50 Millionen Euro humanitärer Hilfe und zehn Millionen Euro für einen NATO-Fonds.
- 24. August 202635. Unabhängigkeitstag
Geplante Videokonferenz der Ukraine mit europäischen Verbündeten über weiteren Druck auf Russland.
Ausblick: Rubio-Gespräch und Unabhängigkeitstag
Der Besuch fand kurz vor dem 35. Unabhängigkeitstag der Ukraine statt. Die Ukraine und wichtige europäische Verbündete wollen an dem Tag bei einer Videokonferenz über weiteren Druck auf Russland zur Beendigung des Krieges beraten. Präsident Selenskyj bezeichnete den Besuch des deutschen Außenministers als „starkes Signal“ und dankte für die deutsche Hilfe.
Für Anfang der Woche ist ein Gespräch Wadephuls mit US-Außenminister Marco Rubio geplant. Wadephul setzt darauf, „dass die USA weiter bereit sind, eine aktive Rolle hier auch zu spielen in den Verhandlungen mit der Ukraine“; zugleich müssten alle Gesprächsmöglichkeiten ausgeschöpft werden – „Das scheitert derzeit an Moskau“. Ob zusätzliche Luftverteidigungssysteme tatsächlich geliefert werden, ist noch nicht entschieden.
