152 von 471 Ausreisepflichtigen sollen 568 Straftaten begangen haben
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Abschiebe-Affäre

152 von 471 Ausreisepflichtigen sollen 568 Straftaten begangen haben

Eine Analyse der Kölner Polizei bringt die Stadt in Erklärungsnot: Von 471 Menschen auf der Coesfelder Abschiebeliste sollen 152 seit Herbst 2024 insgesamt 568 Straftaten begangen haben. Die Stadt kann die Zahlen nicht bestätigen.

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152 von 471 ausreisepflichtigen Menschen, die im November 2024 auf der sogenannten Coesfelder Abschiebeliste standen, sollen seit Herbst 2024 insgesamt 568 Straftaten begangen haben. Das geht aus einer Analyse der Kölner Polizei hervor, über die zuerst der Kölner Stadt-Anzeiger berichtet hatte.

Die Liste war von der Zentralen Ausländerbehörde Coesfeld an die Stadt Köln geschickt worden, um bei der Beschaffung von Passersatzpapieren für Abschiebungen zu helfen. Doch die Kölner Ausländerbehörde reagierte laut WDR nicht zentral – stattdessen lehnte ausgerechnet die für Bleiberechtsfälle zuständige Abteilung das Angebot ab.

Die Polizei-Analyse

Die Polizei hat die Liste ausgewertet und als sogenannte FI-Meldung an das Innenministerium nach Düsseldorf geschickt. Demnach sollen 152 Personen – rund jeder Dritte – seit Herbst 2024 insgesamt 568 Straftaten begangen haben. Wie viele der Gelisteten bereits vor November 2024 straffällig waren, ist laut Kölner Stadt-Anzeiger noch unklar.

Die Stadt Köln kann die Zahlen nicht bestätigen. Stadtsprecher Alexander Vogel sagte dem WDR, es sei unklar, ob es sich um rechtskräftig verurteilte Straftäter oder um zurückliegende Ermittlungsverfahren handele. Die Prüfung der Vorgänge und einzelnen Fälle laufe weiter.

Insbesondere liegen uns derzeit keine Informationen vor, ob es sich hier um Straftäter, also rechtskräftig verurteilte Personen handeln soll oder ob sich die Zahlen auf gegebenenfalls in der Vergangenheit geführte Ermittlungsverfahren beziehen.
Alexander Vogel, Stadtsprecher Köln

Die Vorgeschichte: Coesfelder Liste

Die Coesfelder Liste entstand im November 2024 auf Initiative des NRW-Fluchtministeriums. Die Zentrale Ausländerbehörde Coesfeld wollte den Kommunen bei der Rückführung ausreisepflichtiger Menschen helfen – vor allem durch die Beschaffung von Passersatzpapieren für Westbalkanstaaten.

Doch in der Kölner Ausländerbehörde gab es keine zentrale Reaktion. Lediglich die Abteilung für das Bleiberechtsprogramm antwortete und lehnte ab – mit der Begründung, man wolle die Kandidaten integrieren. Die für Rückkehrmanagement zuständige Abteilung reagierte gar nicht. Die Stadt fragte bei der Bezirksregierung nach, erhielt nach eigenen Angaben aber keine weitere Antwort.

Chronologie des Skandals

  1. 2018
    Bleiberechtsprogramm beschlossen

    Der Kölner Stadtrat richtet das Programm für langjährig Geduldete ein, um ihnen über § 25b des Aufenthaltsgesetzes einen Titel zu ermöglichen.

  2. August 2024
    Anschlag in Solingen

    Nach dem tödlichen Anschlag initiiert das NRW-Fluchtministerium die Erstellung der Coesfelder Liste.

  3. November 2024
    Liste erreicht Köln

    Die ZAB Coesfeld übermittelt 471 Namen und bietet Hilfe bei Passersatzpapieren an. Die Kölner Ausländerbehörde reagiert nicht zentral.

  4. 19. August 2026
    Zwischenbilanz der Stadt

    Stadtdirektorin Diemert spricht von missverständlicher Kommunikation, bestreitet aber eine Verweigerungshaltung.

  5. 25. August 2026
    Polizei-Analyse bekannt

    152 der 471 Gelisteten sollen seit Herbst 2024 insgesamt 568 Straftaten begangen haben.

Was aus den 471 Personen wurde

Bisher sind wegen Abschiebehindernissen lediglich fünf Personen von der Liste tatsächlich ausgereist. 218 befanden sich im städtischen Bleiberechtsprogramm, 108 wurden im kommunalen Rückkehrmanagement betreut, und 126 hatten noch offene aufenthaltsrechtliche Verfahren oder Entscheidungen.

Mehrere Einzelfälle sorgen für zusätzliche Brisanz. Ein Mann mit acht Vorstrafen soll sich bis April 2026 im Bleiberechtsprogramm befunden haben und mit seiner Familie monatlich rund 7500 Euro Leistungen bezogen haben. Die 26-jährige Elena V. aus Bosnien-Herzegowina war wegen Eigentumsdelikten zu drei Jahren Haft verurteilt, ihre Familie soll mit Mitteln aus Sozialleistungsbetrug eine Villa in Köln-Ostheim finanziert haben.

Anteil der seit Herbst 2024 straffällig gewordenen Personen

32.3%Straffällig gewordene Gelistete
Quelle: Kölner Polizei / Kölner Stadt-Anzeiger, August 2026

Politische Reaktionen

Für den CDU-Fraktionsvize im Düsseldorfer Landtag, Gregor Golland, weitet sich der Skandal immer weiter aus. Er sprach von einem strukturellen Problem der Kölner Stadtverwaltung und forderte die Einschaltung der Kommunalaufsicht. Ein Drittel der Gelisteten begehe fast 570 Straftaten – „das sind 570 Opfer und Geschädigte“.

Der Skandal um das Kölner Verwaltungsversagen wird immer größer. Ein Drittel der Personen auf der Coesfelder Abschiebeliste begeht fast 570 Straftaten. Das sind 570 Opfer und Geschädigte.
Gregor Golland (CDU-Fraktionsvize im NRW-Landtag)

FDP-Fraktionschef Henning Höne sieht auch Fluchtministerin Verena Schäffer (Grüne) in der Pflicht und fordert eine landesweite Prüfung. Schäffer erklärte, sie wolle den Vorgang aufklären lassen und habe Berichte bei der Stadt Köln und der ZAB Coesfeld angefordert. „Insbesondere auf die Rückführung von Straftätern und Gefährdern legt das Land einen Schwerpunkt“, betonte sie.

Wie es weitergeht

Stadtdirektorin Dörte Diemert hatte bereits am 19. August eine Zwischenbilanz vorgelegt. Sie räumte ein, die Kommunikation sei „missverständlich und unglücklich“ gewesen, bestritt aber eine Verweigerungshaltung. Die Akten zeigten, dass die Behörde unabhängig von der Liste in konkreten Fällen tätig gewesen sei und Abschiebungen vollzogen habe.

Unabhängig von der Liste zeigt sich, dass Abschiebungen bundesweit häufig scheitern: Fast 9000 fest gebuchte Abschiebungen scheiterten im ersten Halbjahr 2026. In Köln ist weiter offen, ob die 152 Personen tatsächlich rechtskräftig verurteilt sind oder ob auch frühere Ermittlungsverfahren mitgezählt wurden. Die Stadt kündigte an, transparent zu kommunizieren, sobald belastbare Erkenntnisse vorliegen. Ministerin Schäffer verlangt nun eine vollständige Überprüfung der Kölner Vorgänge und will sicherstellen, dass Straftäter nicht Teil des Bleiberechtsprogramms sind.