Foodwatch-Chef will Cola Zero besteuern – und Lebensmittelindustrie wie Tabak behandeln
Foodwatch-Chef Chris Methmann widerspricht Finanzminister Lars Klingbeil: Im stern-Interview fordert er die geplante Zuckersteuer auch für zuckerfreie Getränke mit Süßstoffen – und verlangt, die Lebensmittelindustrie wie die Tabakbranche zu regulieren.
Foodwatch-Chef Chris Methmann verschärft den Streit um die geplante Zuckersteuer. Nur einen Tag, nachdem Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) eine Abgabe auf zuckerfreie Getränke ausgeschlossen hatte, fordert Methmann im stern-Interview das Gegenteil – und will die Lebensmittelindustrie künftig so regulieren wie die Tabakbranche.
Wie jux.news zuvor berichtete, sah ein geleaktes Eckpunktepapier aus dem Bundesfinanzministerium zunächst vor, neben Cola und Limonaden auch Zero- und Light-Getränke, Biermischgetränke, Haferdrinks und Fertigkaffees zu besteuern – also Getränke „mit Zucker und/oder Süßungsmitteln“.
Am 26. August stellte Klingbeil nach der Kabinettsklausur in Neuhardenberg laut MDR klar: „Es wird keine Steuer geben auf nicht-zuckerhaltige Getränke.“ Eine Süßungsmittel-Steuer nannte er „Quatsch“. Genau dagegen wendet sich Methmann. Im stern sagt er:
„Die Rettung der Cola Zero im Namen der Freiheit – das ist doch absurd.“
Chris Methmann, Geschäftsführer foodwatch Deutschland
Wie die Tabakbranche reguliert werden
Methmann verlangt eine grundsätzliche Neuausrichtung der Ernährungspolitik. „Die Junkfood-Industrie ist genauso schlimm wie die Tabakkonzerne“, sagt er. Als Instrumente nennt er eine Limo-Steuer, Altersgrenzen für Energydrinks und Werbeschranken für Junkfood, um Kinder zu schützen.
Die Analogie zur Tabakpolitik zieht er auch in der Ankündigung zu seinem Buch „Bad Food – Wie wir die Kontrolle über unsere Ernährung zurückgewinnen“, das am selben Tag im Ullstein-Verlag erscheint. Die Tabaksteuer hat die Regierung zuletzt drastisch verschärft, wie jux.news berichtete; Methmann will diesen Weg nun auf ungesunde Lebensmittel übertragen. Unternehmen wie McDonald's, Coca-Cola oder Nestlé müssten ähnlich stark reguliert werden wie Marlboro und Co. In den 1950er-Jahren rauchten knapp 90 Prozent der Männer, 2021 nur noch 22 Prozent.
Großbritannien zeigt: Weniger Zucker ist möglich
Ein Vorbild ist das Vereinigte Königreich. Seit Einführung der Soft Drinks Industry Levy im Jahr 2018 sank der durchschnittliche Zuckergehalt von Softdrinks nach Angaben von foodwatch und dem Deutschen Ärzteblatt um rund 30 bis 35 Prozent. Die Expertenkommission der Bundesregierung empfiehlt eine nach Zuckergehalt gestaffelte Abgabe: 26 Cent pro Liter ab 5 Gramm Zucker pro 100 Milliliter, 32 Cent ab 8 Gramm.
Zuckergehalt in Softdrinks: Deutschland vs. Großbritannien
Gramm Zucker pro 100 Milliliter
Quelle: foodwatch-Marktvergleich
Der Vergleich zeigt: Hersteller passen Rezepturen an, wenn der finanzielle Druck steigt. Foodwatch will die Lenkungswirkung aber ausweiten und auch Süßstoffe besteuern, damit Getränke insgesamt weniger süß werden – und nicht nur der Zucker ersetzt wird.
Kulturkampf ums Essen
Methmann warnt zugleich vor einer Instrumentalisierung des Themas durch rechte und rechtsextreme Kräfte. Im stern sagt er:
„Rechte bis hin zu rechtsextremen Politikern haben erkannt, dass Ernährung ein super Thema ist, um die Gesellschaft zu spalten. Deshalb nutzen sie jeden Anlass, um den Eindruck zu erwecken, die da oben wollten uns erziehen oder bevormunden.“
Chris Methmann, Geschäftsführer foodwatch Deutschland
Statt sich beim Essen ständig ein schlechtes Gewissen zu machen, müssten diejenigen in die Schranken gewiesen werden, die wirklich bestimmen, was auf dem Teller landet: die Junkfood-Industrie. Bundesernährungsminister Alois Rainer (CSU) fühle sich für das Thema offenbar gar nicht zuständig.
Mehrheit für Zuckersteuer – aber Streit um Zero
Eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag von foodwatch zeigt: 60 Prozent der Deutschen befürworten eine gestaffelte Herstellerabgabe auf zuckerhaltige Getränke, 87 Prozent unterstützen eine Altersgrenze für Energydrinks. Ob Süßstoff-Getränke wie Cola Zero ebenfalls besteuert werden sollen, lässt die Umfrage offen – genau darüber streitet die Koalition.
Umfrage
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Die Ernährungsindustrie und der Lebensmittelhandel fordern dagegen Zeit für Reformulierungen. Foodwatch drängt auf schnelle Umsetzung: Statt sich über Süßstoffe, alkoholfreies Bier oder Hafermilch zu zerlegen, müsse die Regierung die Steuer auf zuckrige Limos schnellstmöglich umsetzen. Die nächste Runde im Finanzministerium dürfte zeigen, ob sich Methmann oder Klingbeil durchsetzt.